Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 7 (25.1.1897)
- Date
- 1897-01-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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115 und die Hochachtung der Wahrhaftigkeit kommen, wenn die Drachensaat der Lüge mit tausend geschäftigen Händen in di«. Herzen der Kleinen gestreut, prinzipiell gehätschelt und systematisch groß gezogen wird, wie dies in unseren Kinderstuben, Schulen, Zeitungen und einer Unzahl ad hoc geschriebenen Bücher tagtäglich geschieht? ES gibt auf Gottes Welt nichts Empfänglicheres für reine, ungeschminkte, unbestechliche Wahrheit als Geist und Gemüth eines jeden Kindes. Wenn die Wahrheit x'n rmno 2 rirutp net« 'rr, daß die Seele, die Gott in die irdische Hülle gehaucht, rein ist, wenn diese fundamentale Wahrheit noch eines Beweises bedürfte, jedes treuherzige Kinderauge spiegelte ihn wieder, das an den Lippen des erzählenden Vaters hängt. „Es ist doch alles wahr?" ist die stehende Frage, mit welcher die kleinen, großen, lebendigen Fragezeichen die Erzählung oft unterbrechen. Denn was gälte ihnen auch eine Geschichte, die nicht geschehen, die nicht wahr wäre? Ja, wenn das erwachende Bewußtsein sich wie eine aufbrechende Knospe eben erschließt, wenn der reine Kindersinn noch nicht von den Miasmen des Lugs und Trugs berührt ist, welche seine Athmosphäre vergiften, dann ist die kindliche Wahrheitsliebe so ergreifend, daß für die Möglichkeit einer Unwahrheit, einer Dissonanz zwischen dem gesprochenen Wort und der geschehenen Thal gar kein Verständniß hat. „Kann man den Mond einmal herunterholen?" „Rein, das kann man nicht, er ist zu hoch." ,,O', Vater, sag' doch ja!" Würde der Vater „Ja" sagen, so ist jeder Zweifel ausgeschlossen, daß man den Mond nun auch wirklich herabnehmen kann. Daß man „Ja" sagen und dcN Mond doch nicht herunterholen könne, ist dem Wahrheilssinn des unverdorbenen Kindes vollständig undenkbar. Wen diese heilige Scheu vor der Majestät der Wahrheit, wie sie in jedem Kinderherzen wohnt, je einmal ergriffen hat, den erfaßt ein Grauen vor dem Verbrechen, mit dem diese Scheu zerstört wird. Da wird den Kindern die Geschichte vom Schneewittchen, Rübezahl, vom Wolf und der Großmutter und ähnlicher alberner Spuck mit der treuherzigsten Miene der Welt vorci zählt. Eine ganze Literatur voll toller Räuber- und Jndianergeschichten hat sich zur Aufgabe gesetzt, alle diese Ausgeburten einer ausschweifend.n Phantasie den Kindern in einer mundgerechten Form zu bieten, damit sie das alles für baare Münze nehmen. Die albernen Großen weiden sich in der „Einfalt", die das alles auf Treu und Glauben hinnimmt. Sie nennen die Ehrfurcht des unverdorbenen Kindes vor der Majestät der Wahrheit, die es selbst der Lüge entgegenbringt, wenn sie nur die Wahrheitsmarke vor nimmt, „kindliche Raivität." Früher oder später erfährt nun das Kind von älteren Spielgenossen, daß alle Erzählungen, an bereN Helden es so innigen^Antheil nahm, für die es gezittert und gelitten, mit denen es gesiegt und gejubelt hat, daß dies alles Traum und Schaum, daß es gelogen war. Es glaubt zuerst nicht an diese Möglichkeit, die ihm sein kindliches Paradies so jäh zu vernichten droht. Sieht es aber die Großen über seine Unschuld lachen, weil es so kindlich, kindisch vertrauensselig diesen Flitter, an dem eS mit Herz und .'Seele hing, für Ernst genommen hat, dann schämt es sich unter den vielen Klugen, der einzige Thor zu sein. Da es sieht, daß man nur nicht mehr alles zu glauben oder gar selbst nur zu lügen, braucht, um nicht als Kind und kindlich zu gelten, so wird es von jetzt ab mißtrauisch und glaubt nichts mehr. Wenn dann die klugen Alten mit ihrer Bibel kommen, um ihrem Kinde die höchsten Wahrheiten der Menschheit beibringen möchten, so stoßen sie aus das Mißtrauen, das sie selber gezüchtet. Weil man den Kindern die Fabel als Wahrheit ausgeben wollte, halten sie jetzt die Wahrheit für Fabel. Man möchte nun das Verfehlte, Verkehrte par force wieder gut machen unb die Kinder geradezu zum Glauben zwingen. Dazu hat man die Glaubenslehren erfunden und beredet sich wirklich durch beharrliches Eintrichtern in die Köpfe der armen Kleinen könne man sie zum Glauben — zwingen. Dieser Zwang macht die Opfer der Katechismus-Zwangsjacke noch kopfscheuer. Sie wollen sich nicht zum zweiten Male zum Starren halten und wiederum sich aus ihrem Eden treiben lassen. Deshalb gehen sie lieber gar nicht hinein; sie glauben nichts, als das was sie mit den Fingern greifen können. Daher kommt der religiöse Unglaube und der Mangel an Vertrauen im politischen, sozialen und merkanitilischen Leben. Und dennoch begleitet die Erwachsenen die Sehnsucht nach ihrer Jugend durch das ganze Leben. Es ist die Sehnsucht nach der Zeit, in der sie die Stimme Gottes noch in ihrem Eden hörten, in der sie noch einen warmen Geist und ein offenes Gemüth für die lautere, göttliche Wahrheit hatten, für die sie nun abgestumpft sind. Sie fühlen das Schwankende, Halt- und Gehaltlose einer Wirklichkeit ohne Vertrauen und Wahrheit und möchten ihr auf hundert Wegen entfliehen. Aus Unzufriedenheit mit der thatsächlichen Wirklichkeit entspringt die Sucht durch die Lektüre von Romanen und abenteuerlichen Erzählungen aller Art sich für kurze Zeit wenigstens andere Zustände vorzugaukeln, obwohl man weiß, je mehr man weiß, daß sie erdichtet und erlogen sind. Deshalb darf keiner Zeitung das Feuilleton fehlen, um das oberhalb des Strichs nicht gesättigte Sensationsbedürfniß (d. i. das untrügliche Symptom der Unzufriedenheit mit dem bestehenden Verhältniß) durch die erdichteten Phantasieslücke zu befriedigen, die