Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 6 (21.1.1897)
- Date
- 1897-01-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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-y-"" IMY1II, Jahrgang. Erste Keilaye ju Ns 6 ües .Jsrnflit“. Leitender Artikel. Von den Ufern der Newa. (Original-Correspondenz des „Israelit.") Petersburg, 5. Januar. (D e r n e u e C o u r s. — E i n Ukas des sCzars. — Zwei Entscheidungen des dirigirenden Senates.— Eine Verordnung des Grafen Del« janow. —Eine blutige Reminiscenz aus der Regierungszeit Alexanders III.) In China herrscht der Brauch, die neugeborenen Kinder weiblichen Geschlechtes mit dem Fell einer frisch geschlachteten Kuh zu beschuhen, um das natürliche Wachsthum der Füße zu verhindern und dadurch nette Weiberfüßchen zu erzielen. Das Ergebniß dieses barbarischen Brauches ist, daß die chinesischen Frauen auf ihren zierlichen Füßchen weder sicher stehen noch sich frei bewegen können. Dieselben Resultate können überall beobachtet werden, wo die freie Entwicklung und das natürliche Wachsihum mit Gewalt hintertrieben werden. Auch das Leben der Juden in Rußland wies unter Alexander III. solche Erscheinungen auf. Erst jetzt, wo man Milde zum Grundsätze der inneren Politik machen will, stellen sich die Folgen des früheren Regimes mit besonderer Klarheit ein. Tie Armuth der Juden im NiederlasiungSgebiete hat in Folge der unter Alexander III. geschaffenen Beschränkungen ihren Höhepunkt erreicht. Andererseits ist es nunmehr klar geworden, daß die gegen die Juden hervorgebrachten Beschuldigungen der Wahrheit vollständig entbehren. Von den Preßorganen, welche unter Alexander III. die Mission übernommen hatten, die Juden um jeden Preis anzuschwärzen und zu verdächtigen, ist es nunmehr nur noch der „Nabljudatelj" (Beobachter), welcher giftgeschwollene Artikel gegen die Juden publicirt, alle übrigen Organe mit antijüdischer Tendenz aber haben ihre Ausfälle eingestellt. Und die Thalsache ist eine Folge des neuen Courses. Aus dem Alexander-Palais zu Zarskoje Selo, wo Kaiser Nikolaus II. seine Residenz aufgeschlagen hat, weht ein Hauch der Milde und der Menschlichkeit, welcher die Haßpredigerei gegen Menschen im Vorhinein verurtheilt. Der Träger der Czarenkrone ist offenbar gewillt, das Retz von Beschränkungen und Ausnahmsgesetzen, welches das Leben der Juden umgarnt hat, zu durchbrechen. Denn uns liegen mehrere Aktenstücke vor, welche diese Ansicht bekräftigen. Den Lesern des „Israelit" dürfte es nicht unbekannt fein, daß die Ausnahme der Judenkinder in die Lehranstalten des Reiches von Alexander III. auf ein sünfprocentiges Minimum reducirt wurde. Diese Maßnahme hatte bewirkt, daß Tausende von Judenkindern ihren Bildungsdrang unbefriedigt lassen mußten. Diese Maßnahme, welche die Entfremdung der Juden bezweckte, war umso ungerechter, als die Juden zur Erhaltung der Staatsschulen im Niederlaffungsgebiete aus ihren spärlichen Mitteln große Opfer bringen mußten. Sogar die Curatoren der Lehrbezirke im Südwest- und Nordwestgebiete haben vor wenigen Jahren es gewagt, auf diese annormale Erscheinung hinzuweisen, aber ohne Erfolg. Nunmehr aber mehren sich die Zeichen, welche dafür sprechen, daß das Prinzip der Verordnung Alexander'» III. über die Aufnahme von Judenkindern in die Lehranstalten mindestens durchbrochen werden dürfte. Ein uns im russischen „Regierungsboten" vorliegender Uka» des Czars Nikolaus II. ordnete an, daß künftighin Judenkinder, welche die Handelsakademie zu Odessa beziehen wollen, in puncto Aufnahme mit den Christenkindern gleichzustellen sind: Die freien Plätze der Christen können mit Judenkindern, jene der Juden mit Christenkindern besetzt werden. Obwohl diese Verordnung nur auf die Handels-Akademie zu Odessa Bezug hat, so ist sie dennoch von großer prinzipieller Bedeutung, weil sie die erste Kundgebung de» Czar» für die Gleichberechtigung der Juden ist. Die Thatsache, daß diese Kundgebung sich nur auf eine Lehranstalt bezieht, schmälert ihre Bedeutung nicht im geringsten, denn sie bietet eine Richtschnur für die Handlungsweise der Beamten den Juden gegenüber und steigert die Hoffnungen, welche unsere Glaubensgenossen auf die edle Gesinnung des Czars Nikolaus II. setzen. Und dem Finanzminister Witte gebührt großen Dank für seine ehrliche Haltung in dieser Sache, denn er hat dazu viel beigetragen, die den Juden günstige Kundgebung des Czars zu beschleunigen. Daß in Petersburg gegenwärtig den Juden gegenüber die Schranken des Gesetzes eingehalten werden, dafür sprechen die jüngsten Entscheidungen des Senates. Ja, noch mehr, man sucht, die unter Alexander III. ins Leben gerufenen Beschränkungen gegen die Juden theils zu mildern, theils gänzlich auszuheben. Schüchtern, schleichend und zaghaft verläßt die Gerechtigkeit ihren bisherigen Schlupfwinkel, um in das Reich der Willkür hineinzuleuchten. Den ausgedienten jüdischen Soldaten wurde bekanntlich von Alexander III. das Recht genommen, überall im Reiche wohnen zu dürfen. Diese Maßregel war vielleicht der stärkste Beweis dafür, daß man unter Alexander III. die Juden unterdrückte, um fie nur zu unterdrücken, ohne auf die Stimme der Vernunft,