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Der Israelit · 1897-01-21 · Heft 6 (21.1.1897) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 6 (21.1.1897)
Date
1897-01-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
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noch wachenden Flagellanten angerufen, dessen religiösen Gruß er sammt Losungswort erwiederte. Plötzlich machte er halt. In einer Gruppe von mehreren schlafenden Leuten lagen zwei herkulisch gebaute Männer, die sich flüsternd unterhielten, als Juda auf sie zutrat und sie leise bat, sich auf Befehl des wohlehrenwerthen Herrn Kunz von der Ange aufzumachen und ihm ohne jedes Aufsehen zu erregen zu folgen. Als sie den Namen ihres Führers vernahmen, sprangen die beiden Flagellanten auf und folgten Juda oder vielmehr Christoph — wie man ihn bei den Geißlern genannt hatte. Als sie das Lager der Geißler hinter sich hatten, schlug Juda einen schmalen Feldweg nach rechts ein, der auf einen kleinen Hügel führte. Von dort sah man in der Ferne Franziskus und Sibicho dem Stadtthore entgegengehen. Juda deutete auf dieselben und sagte zu seinen Begleitern: „Seht Ihr dort die beiden Mönche?" „Jawohl, Cristopherus, wir sehen die Kuttenträger genau. Was ist mit ihnen?" „Diese beiden Johannnitermönche sind heimlicherweise in unser Lager geschlichen, um zu kundschaften und uns zu verrathen. Ihr sollt nun die beiden überfallen, knebeln und bewachen, während ich einem derselben das Gewand abnehmen werde, um es selbst anzulcgen und darin, auf Befehl un seres edlen Herrn Kunz, unbeläftigt in die Stadt zu gelangen. Sollte ich morgen bei Tagesanbruch noch nicht zurück sein, so lasset sie frei. Ich warte hier auf dem Hügel, bis Ihr mir die Mönchskutte gebracht habet. Lasset meine Person, was auch geschehen möge, den beiden Verräthern gegenüber unerwähnt. Der Segen des Herrn begleite Euch!" „In Ewigkeit, Amen!" erwiederten die beiden Geißler und gingen leisen Schrittes eilig auf die beiden Mönche zu, jeder seinen Mann aufs Korn nehmend. Schon waren die beiden Mönche in der Nähe der Stadtwälle angelangt. Eile war also von größter Wichtigkeit. Dennoch war es gerathener, den Anfall in möglichster Nähe der Stadtmauer auszuführen, da im Schatten derselben die beiden leichter zu bergen waren und auch dichtes Gebüsch sich zwischen dem Wall und der Stadtmauer befand, während der dazwischen liegende Graben fast ausgetrocknet war. Die beiden Mönche waren eben an der hölzernen Zugbrücke angetangl, die über jenen Graben führte, als ihre heimlichen Verfolger sie einholten. Ein gewaltiger, wohlgezielter Faustschlag streckten die beiden im gleichen Augenblick zu Boden. Kein Laut war über die Lippen der beiden Mönche gekommen. Steif und leblos lagen sie da. Vorsichtig hielten die Geißler Umschau. Jenseits des Walles lehnten zwei Landsknechte schlafend an der Stadtmauer. Die beiden Johannitermönche wurden geknebelt und gebunden, worauf die beiden Flagellanten sie einzeln in das nahe Gebüsch am Stadtgraben trugen. Dort entkleideten sie Franziskus des Obergewandes, indem sie sich des kleinen Vergnügens, jedem der Hilflosen einige Fußtritte und Fauftschläge zu versetzen, nicht zu enthalten vermochten. Während der eine der zarten Verfolger die Kutte nach dem erwähnten Hügel brachte, visitirte der andere die Taschen der Gefesselten.- Juda freute sich über die gelungene List, schickte den Ueberbringer in's Lager zurück, warf sich die Mönchskutte über, und eilte wie ein gehetztes Thier auf die Stadt zu. Ungehindert gelangte er über die Zugbrücke und durch das Stadtthor, von wo aus er seine eiligen Schritte der Judcnstadt zulenkte. Dort klopfte er leise an das wohlbekannte Haus des Medikus. Abraham war nicht überrascht, zu so später Stunde gestört zu werden. Er war gar oft in letzter Zeit aus dem Schlafe geweckt worden, um zu irgend einem Schwerkranken zu eilen. Doch entsetzt, mit einem Ausruf höchster, schmerzlichster Ueberraschung fuhr er zurück, als er Juda in Mönchsgewändern erblickte. „Seid ruhig! Ich komme Euch zu retten." Mit diesen Worten trat Juda ein. Abraham folgte ihm. Sie traten in das uns bekannte Zimmer. Abraham nahm einen Kienspahn, mit dem er die kleine Oellampe anzündete. „Juda," sprach er bebend, „bist Du ein Abtrünniger, ein Feigling?" — Die Stimme versagte dem Greis. Doch statt der Antwort fragte Juda: „Wie geht es Rahel? Wie geht es Euch?" Abraham versicherte ihm hastig, daß alles wohl sei, worauf Juda ihm seine Erlebnisse erzählte: Wie es ihn in Heidelberg nicht länger gelitten, da er sah, daß Mirjam bei ihren Verwandten so gut aufgehoben, wie er als Geißler durch List nach Frankfurt gekommen, wie furchtbar er gelitten, als er, dem Ziele angelangt, nicht vermocht hatte, in die Stadt zu gelangen und wie sich heute Abend hierzu nicht nur Gelegenheit geboten, sondern er sogar eine schreckliche Verfolgung der ganzen Gemeinde Frankfurts noch zur rechten Zeit vereitelt. Athemlos lauschte Abraham den Schicksalen des Jünglings. Dann sagte er traurig: „Ich sehe, Juda, auch unsere Gemeinde wird schwere Prüfungen zu bestehen haben, deshalb werde ich morgen früh zu unserem Gönner, dem edlen und gerechten Herrn Ritter von Marpurg gehen, um freien Abzug für uns alle zu erflehen. Es ist eine trübe, trübe Zeit. Möge Gott, der Allgewaltige uns beschützen!"- Noch lange saßen die beiden Männer in ernstem Gespräch. Keiner dachte an Schlaf. Schon graute der Morgen und die ewig belebende Sonne vergoldete bereits die Giebel und Zinnen von Häusern und

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