Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 6 (21.1.1897)
- Date
- 1897-01-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448705-2448712--43236-2492275- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
97 Rumänien. Bukarest. Anläßlich der Weihnachtsfeiertage vertheilte die Stadtgemeinde an die Armen Unterstützungen. Zu diesem Zwecke stellte sie in ihr Jahresbudget die Summe von lO.OOO Francs ein. Gleichzeitig ließ sie an die Kaufleute behufs Subscription von ebenfalls 10.000 Frcs. einen Aufruf ergehen. Die Hälfte dieses letzteren Betrages rührt von den israelitischen Kaufleuten her. Se. Majestät der König schickt jedes Jahr der Stadtgemeinde 30.000 Frcs. aus seiner Privatschatulle und für ungefähr weitere 30.000 Frcs. Brennmaterial zur Vertheilung an Arme. Dieses Jahr sind jenen Summen noch 12,000 Frcs., welche Se. Majestät Kaiser Franz Josef für die Armen zurückgelasien hatte und 5000 Frcs. von Sr. Majestät dem König von Serbien, welcher dieser zu gleichem Zwecke geschickt hatte, zugefügt worden, beide Souveräne hatten bekanntlich unserem Königshause einen Besuch abgestattet. Nun ist aber das Ganze wie jedes Jahr an rumänische und auswärtige Christen vertheilt worden. Niemals hat ein armer Jude, und deren gibt es leider so viele, sei cs ein Centime, sei es ein Stück Holz oder Kohle erhalten, trotz demüthiger Bitte mehrerer armer Juden und trotz der Protestation in den Tagesblättern für mehrere andere Juden. Mit einem unbeschreiblichen Cynisnms hat der Bürgermeister einem Journalisten, auf desien Bemerkung, daß es inhuman sei, freiwillige Beiträge von Juden in Empfang zu nehmen und deren Glaubensgenossen jede Unterstützung zu verweigern, geantwortet: „So lange ich Bürgermeister sein werde, werde ich die Juden vor Hunger crepieren und vor Kälte sterben lassen. Cs wird iinmer noch genug von dieser verdammten Nasie in Rumänien übrig bleiben." So äußern sich die humanen Gesinnungen der vornehmen Rumänen im Jahre 1897. Es ist nothwendig, daß es unsere Glaubensbrüder im Auslande Hülfen und daß sie cs einander sagen. Glauben Sie unterdeß nicht, daß wir unsere armen Glaubensgenossen vernachlässigt haben. Nein, im Gegentheil! Mit großartigen Opfern haben wir für alle jene Enterbten des Glückes mit hinreichenden Geldunterstützungen für Miethe und andere nothwendigen Bedürfnisse gesorgt, Brennmaterial für den ganzen Winter in Ueberfluß, warme Bekleidung für sic und ihre Kinder, mit einem Worte alles, was zur materiellen Erhaltung des Körpers gehört. Es ist bekannt, daß der in Berlin im Jahre 1878 geschlossene internationale Vertrag durch Artikel 44 den rumänischen Staat zur Anerkennung der eingeborenen Israeliten als rumänische Staatsbürger mit dem Vollgenusse aller bürgerlichen und politischen Rechte verpflichtet hat. Nach langen diplomatischen Verhandlungen haben die gesetzgebenden Körper vor den sieben europäischen Großmächten feierlich erklärt, daß sich Rumänien dieser Verpflichtung unterwirft, jedoch nur ganz allmählig. Zu diesem Zwecke haben die genannten gesetzgebenden Körper den Artikel 7 der Constitution von 1866, welcher nur Christen als Rumänen anerkannte, abgeändert und versprochen, durch einzelne Gesetze jedes Jahr eine gewisse Anzahl eingeborener Juden zu naturalisieren. Auf Grund dieses officiellen Versprechens haben die sieben Großmächte die politische Unabhängigkeit Rumäniens anerkannt. Die rumänischen Staatsmänner jedoch haben ihr Versprechen nicht gehalten und in nichtswürdiger und schamloser Weise Europa betrogen. In einem Zeitraum von 18 Jahren, seit 1878, haben die gesetzgebenden Körper unter 300,000 Juden, welche das Land bewohnen und von denen zwei Drittel eingeboren sind, nur 60 naturalisiert. Warum? Weil sie Antisemiten sind und nicht mit den Juden die Güter des Landes theilen wollen und es vorziehen, diese für sich allein zu behalten. Ueber diese schmachvolle Angelegenheit ließe sich viel sagen, heute jedoch will ich bloß davon sprechen, daß der Senat einem unserer vornehmen jungen Glaubensgenossen, dem Universitätshörer Herrn Em. Halfon, der, so wie sein Vater und seine Mutter, in Bukarest geboren ist und der in der rumänischen Armee gedient hat, die Naturalisation verweigert hat. 46 Stimmen waren dagegen und 9 dafür. Man konnte nichts Nachtheiliges über den jungen Halfon sagen, aber die Senatoren haben dem Vater, Herrn Salomon Halfon dessen bedeutenden Geldbeiträge für die israelitischen Schulen zum Vorwurfe gemacht, und aus dieser That den Schluß gefolgert, daß der im Jahre 1879 naturalisierte Salomon Halfon ein schlechter Rumäne ist. Ein Senator sagte mit gehobener Stimme: „Jeder, der die Juden behufs ihrer Ausbildung unterstützt, ist ein Feind der Rumänen". Gibt es in ganz Europa ein ähnliches Beispiel: einen Menschen 511 strafen, weil er seinen Mitmenschen Gutes thut? Gewiß nicht. Man sieht eine solche Tyrannei, eine solche Schlechtigkeit nur in Rumänien. (Gmdztg.) Literarische Notiz. "N p TTC a*ne DtP . kc’!? nr-rcc B'Brwte’ne p*pi tsk we Verlag von I. Fried mann in Tymback 1896. Das vorliegende Buch ist bereits vor ca. 200 Jahren <w"jr, r:tr) in Frankfurt a. O. zum ersten Male erschienen. Es ist jevoch seit langer Zeit so vollständig vergriffen, daß vielen sein Vorhandensein