Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 4 (14.2.1897)
- Date
- 1897-02-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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59 Mirjams Schicksal war beschlossen. — Armes Weib! Du fürchtest den Ritter — erzittere vor dem Mönch! Es bedurfte in der That von dem Diener der Kirche nicht viel, um ein altes Judenweib, das schon lange als Hexe bei einem undankbaren, abergläubischen Volke verdächdigt war, auf den Scheiterhaufen zu bringen. Irgend ein Märchen genügte, mochte es so absurd sein wie es wollte, um den parteiischen Richter zu einem gewünschten Urtheil zu bewegen. 4. Kapitel. „Seid gegrüßt Ihr Engelschaarcn!" Jauchzt es auf beim Sabbateingang: „Du, o Gott, Du wirst mir helfen!" Zitterts hin beim Sabbatausgang. (Ieschurun IV). „Also, Ihr werdet reisen, Oheim?" fragte Juda seinen zukünftigen Schwiegervater, den Arzt Abraham. „Ja, noch heute Nacht!" „Wie? Du willst doch nicht noch heute" — rief Mirjam, seine Schwester, erschrocken. „Noch heute, Mirjam, Dir vertraue ich meine Rahel an." „Ich weiß es nicht, was es ist, aber ich fühle mich, wenn Du fortgehft, so hilflos wie noch nie. Ich habe eine unerklärliche Angst!" „Ach was! Das kommt vom Alter, Mirjam. Wir sind nicht mehr so jung," tröstete der Greis lächelnd und sich an Rahel wendend, der Juda vergeblich Trost zusprach, fuhr er fort.- „Sieh da! Auch Du Rahel weinst. Du bist doch sonst ein muthiges Mädchen! Komni, ich will Dich segnen!" — Er legte seine Hände auf das Haupt der schönen Enkelin. — „So, — und nun sei ruhig," sprach er nach einer Pause. „Wenn ich mit Gottes Hilfe zurückkehre, dann wollen wir Deine fröhliche Hochzeit feiern." Sanft machte er sich von Rahel los, die schluchzend an seinem Halse hing. Man aß gemeinschaftlich und hatte eben das Tischgebet beendet, als Kalonpmos eintrat. Auch er schien von der Abreise seines Herrn nicht recht erbaut. Er sprach lange und sehr eingehend mit ihm, doch da sein Gespräch wenig des Interessanten bietet, so wollen wir uns Juda, den Bräutigam Rahels näher ansehen. Er ist ein schlanker, junger Mann, mittelgroß, ungefähr dreiundzwanzig Jahre alt, mit feurigen, schwarzen Augen. Die edle, weiße Stirn zeugte von Denkfähigkeit und Großmuth. Die schmalen, von einem weichen Bart beschatteten Lippen kennzeichnen eine energische, selbstständige und selbstbeherrschende Natur. Ein Hauch von Kraft und jugendlichen: Lebensmuth liegt auf dem ganzen charaktervollen Antlitz. Er saß mit seinem Lieb in lebhaftes Gespräch vertieft am Fenster. Es war das Gespräch, das zu allen Zeiten gleich war und ewig gleich bleiben wird. Das Idyll wurde durch lautes Pochen und Rufen an der Thür unterbrochen. „Das gilt mir," sprach Abraham, nahm seinen langen schwarzen Mantel, seinen spitzen Judenhut und holte aus einem Wandschreine einen mit Gold gefüllten Lederbeutel hervor, den er sich um den Leib band und gar sorgsam unter dem Obergewande verbarg. Noch ein kurzes Gebet, dann umarmte er seine Tochter und Juda und indem er sie alle dem Schutze Gottes anempfahl, bestieg er das für ihn bereit gehaltene Pferd und ritt, von den Segenswünschen der Seinen begleitet, zum Stadtthore hinaus. Zu beiden Seiten ritten zwei Knechte Kaiser Günther's, die ihn bis nach Speyer zu begleiten hatten. Es war eine herrliche Nacht. Der Schnee war aufgethaut. Ein starker Südwestwind hatte die Erde halb getrocknet, so daß es auf der Landstraße gut zu reiten war. Der greise Jude ritt inmitten seiner Beschützer stumm dahin. Er ließ die Rechte mit den Zügeln seines sanften Braunen schlaff herabhängen, so daß das Thier gleichmäßig langsam dahintrabte. Mehr als einmal fuhr die Linke unter seinen Mantel, um sich davon zu überzeugen, ob die Urkunde sich noch daselbst befände, die Kaiser Günther ihm mitgegeben hatte. So ritten die Drei im Schweigen dahin, mit dem Schlafe kämpfend, der sich nur allzusehr bemerklich machte. Als die Morgenkühle die Reiter durchschauerte, sahen sie die Thürme Speyers. Am Thore der Stadt wurde Rast geinacht. Abraham stieg bei einem sehr angesehenen Glaubensbruder ab und wurde von der gesummten Gemeinde mit Ehren und Ehrfurchtsbezeugungen überhäuft. In der Reichsstadt Speyer herrschte ein reges, buntes Leben. Landsknechte, Geistliche, Fürstlichkeiten und Bauern waren in beinahe ebenso starker Zahl, als die wohlhabenden Bürger von Speyer vertreten. Der Troß Kaiser Carls bestand nicht allein aus seinen Lieblingsunterthanen, den Böhmen, auch welsche und hispanische Mannen wies sein Gefolge auf. Carl IV. wohnte beim Erzbischof von Speyer, Herrn Balduin, der vom Volke der fromme Geizhalz genannt wurde. Balduin mußte wohl große Pläne haben, wenn er Kaiser Karl und dessen ganzcs^Gefolge bei sich aufnahm, denn dies kostete seiner Diöcese und seinem eigenen Säckel ein schweres Stück Geld. Aber welche Rolle spielte Geld bei einem Bischof damaliger Zeit, wenn es galt, weltliche Macht zu erlangen. Die Chronik meldet-' nicht, ob Balduin hoffte, Reichskanzler und Vertrauter