Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 4 (14.2.1897)
- Date
- 1897-02-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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58 Vorlagen und gegen die Juden hetzte, wurde vom Königl. Gerichtshöfe zu 6 Monaten Gefängniß und 500 Kronen Geldstrafe veiurtheilt. Die Königl. Tafel erhöhte diese Strafe auf ein Jahr Gefängniß, welches Urtheil nunmehr von der Königl Kurie bestätigt worden ist. Petersburg. Hiesigen Blättern zufolge wird ausländischen Kommissionären jüdischer Konfession, welche ausländische Getreide- und Hopfenfirmen vertreten, das Reisen in Rußland wieder gestattet werden. Coustuntiuopet. Viel Aufsehen verursacht hier unter der europäischen Colonie das Verschwinden eines jungen Mädchen aus einer wohlhabenden jüdischen Familie. Man glaubt, daß das arme Mädchen, das sich durch seine außerordentliche Schönheit auszeichnet, während eines Spaziergangs mit seiner Bonne entführt worden ist, und sich jetzt in dem Harem eines hohen richterlichen Beamten befindet, ja man nennt sogar dessen Namen. Da die Angelegenheit durch die Gesandten ausgenommen ist und verfolgt werden wird, so darf man auf baldige Aufklärung hoffen. Langer. Nach einem Neuter'schen Telegramm sind in mehreren Marocanischen Städten Angriffe auf die Judenviertel vorglkommen, und zwar in Fez, Leraicle, Mequinez und Sherada. In Fez wurden viele Häuser zerstört und der Pöbel versetzte die ganzen Gegenden in Schrecken. Es verlautet leider nicht, daß von Seiten der Negierung Maßregeln getroffen worden sind, um die Wiederholung dieser Vorkommnisse zu verhüten. Feuilleton. Alis finsterer Zeit. Geschichtliche Erzählung von Rud. Lacher. 4) (Alle Rechte Vorbehalten ) Sibicho schüttelte sich langte nach der Kanne und fuhr, nachdem er sich gestärkt, fort: „Wer weiß, wie lange ich so gelegen hätte, wenn nicht ein Jude, es war Abraham der Medicus, in seinem langen Judenmantel des Wegs gekommen wäre! Der zog mich hervor, gab mir seinen Judenmanlel und so gelangte ich frei, wenn auch als Jude, in die freie Reichsstadt Frankfurt. Hätten dre biederen Bürger, Räthe und Schöffen gewußt, daß ich, Jungo von Hatzichenstein, in ihren Mauern weilte, sie hätten mich gesteinigt, wie Achab, den Sohn Schelumiels. Als wir glücklich durchs Thor gelangt waren, wobei mich der Jude stützte, nahm er mich, wie ein Kind auf den Arm und trug mich in die Judenftadt. In seinem Haus legte er mich in ein Bett, untersuchte meine Verletzungen und versprach mir baldige Heilung. Seine Schwester, die schön war, wie eine Rose Sarons, und die dem verwittweten Abraham den Haushalt führte, pflegte mich, da ihr Bruder zum alten Grasen zu Hanau mußte, der schwer krank war. Wer will mirs verargen, wenn ich, als kranker, dreißigjähriger Ritter in heißer Miene zu meiner Samariterin entbrannte? War mir doch wie David, als er Bath Seba sah! Doch ich war so fromm, ich hätte keinem Hasen was zu Leide thun können. Ergo war ich frommer als David, der Bath Seba's Mann umbrachte." Ueber diese scharfsinnige Beweisführung lachte Sibicho gar sehr, da Franziskus nicht lachte und der Witz doch belacht werden mußte. Der wohlgenährte Bruder dachte sich mit einem Schluck Wein zu belohnen, doch die Kanne war leer. Eine frischgefüllte konnte er nicht gut holen, denn Bruder Kellermeister hatte sich höchstwahrscheinlich schon ausgeschlafen. „Lehre mich keine biblische Geschichte, sondern rathe mir kurz, wie ich meinen Grimm an dem vermaledeiten Judenvolk auslassen kann!" „Geduld, Geduld, frommer Bruder! Gut Ding will Weile haben. Also — wo hielt ich mit meiner Historia? Ah so! — Richtig! Bei meiner BathSeba!" Und das fromme Mönchlein lacht: wieder, daß sein Bäuchlein convulsivisch zitterte. „Daß sie mich haßte und sich vor mir fürchtete, als ich ihr meine Liebe gestand, darüber könnt' ich ihr nicht zürnen. Doch, daß sie um Hülfe zu schreien begann, als ich sie einst um ihren zierlichen Leib faßte, um ihr einen Kuß in Ehren zu geben, bei unserer lieben Frauen! das vergeh ich nimmer! Natürlich kam so ein Judenhund — noch jetzt sträubt sich mein Haar, wenn ich dran denke (bei Sibichos Glatze war dies allerdings nicht wohl möglich) — dieser Jude warf mich die Treppe hinunter und rief mir nach, wenn ich nicht sofort die Stadt verließe, würde er mich dem Rathe anzeigen! Natürlich lief ich, was ich konnte, denn fürwahr, ich gönnte den Frankfurter Gaffern das Schauspiel nicht, mich am Galgen oder auf dem Rad zu sehen, wie ein gemeiner Dieb! Uebrigens aber hatte der Jude allen Grund, dem Rathe nichts zu sagen, daß Jungo von Hatzichenstein bei ihm im Hause verpflegt worden war, denn es wäre ihm wohl ebenso schlimm, als mir ergangen. An ihm habe ich mich gerächt, er wurde meinen Jagdhunden zum Fraß hingeworfen. Doch sie, die Heuchlerin Mirjam, sie muß noch dran! Ich will sie brennen sehen! Und, bei allen Heiligen! Kein Gang soll mir lieber sein, als zu ihr, um sie zu bekehren, bevor sie in Flammen aufgeht!" „Ja, aber wie willst Du bas anfangen?" „Das ist doch einfach genug, denk' ich! Der jetzige Stadtrichter ist in meinen Händen. Ein Wort von mir genügt, ihn aufs Hochgericht zu bringen, also wird er natürlich thun, was ich ihm befehle. Der alte Stadtrichter war gar gerecht, wie er es nannte. So groß war seine Gerechtigkeit, daß er — Gott verzeih' ihm die Sünde — oftmals sagte: „Vor dem Richterstuhl sind wir Christen, Juden, Heiden alle gleichviel werth." Doch jetzt, wo er seine Gerechtigkeit in der Hölle anbringen kann, jetzt will ich doch sehen, ob dieses Judenweib friedlich abfahren soll!" * * *