Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 3 (11.1.1897)
- Date
- 1897-01-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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WWWWWMW W 42 Wereinsnachrichten. Worms, 7. Jan. Der erste Vortrag im Verein für jüdische Geschichte und Literatur hatte gestern den Saal von Worret's Etablissement vollständig gefüllt. Herr Rabbiner Dr. Stein sprach über. „Aus der Vergangenheit für die Gegenwart". Der Redner führte etwa aus: Die schrecklichen Leiden des jüdischen Volkes in der Vergangenheit sind geeignet auf der einen Seite manches Vorurtheil zu beseitigen, aus der andern mit der durchaus nothwendigen Selbstachtung zu erfüllen. Zuerst war es die politische Gegnerschaft der Römer, die das Volk der Juden zu überwinden hatte. Schrecklicher trat die religiöse Feindschaft der christlichen Völker und Fürsten auf, deren Höhepunkt in die Zeit der Kreuzzüge siel, wo dem Feldzug gegen die Muhamedaner erst eine Vertilgung der Juden voranging. Im Jahre 1« >96 wurden allein in den rheinischen Städten 12,000 Juden ermordet. Für Worms waren der 18. und 25. Mai Schreckenstage. Großes Elend brachte die im Jahre 1492 erfolgte Austreibung von 000,000 Inden aus Spanien; die Habsucht war die Triebfeder dieser Maßregel. Auch die äußerliche Brandmarkung durch Kleidervorschristen, zuerst angeregt durch den Papst Jnnoeenz III., traf die Juden aus das Empfindlichste, denn sie gingen dadurch in der Selbstachzung zurück und vernachlässigtes! sich, ihre Sprache, ihre Ueberlieferungen. Als später die Pest hereinbrach, beschuldigte man die Juden, durch vergiftete Brunnen die furchtbare Plage herbeigesührt zu haben. Bis auf den heutigen Tag hat sich der Wahn erhalten, die Juden benützten das Fleisch und das Blut der Christen, wogegen doch die Bestimmungen ihrer Gesetze schon sprechen, Papst Jnnoeenz IV. hat die Anschauung auch verdammt und trat gegen die schlechte Behandlung der Juden durch eine Bulle auf. Auch Luther und Reuchlin haben kräftige Worte gegen die Verfolgung gesprochen. Eine solche furchtbare Schule der Leiden läßt die gegenwärtige Feindschaft als eine geringfügige Krankheit erscheinen, die bald vorübergehen wird. Die Ursachen der bewiesenen Standhaftigkeit lagen einmal in dem Vertrauen aus das Apostelamt der jüdischen Religion, dann in dem Beispiel der Glaubeussreudigkeit, gegeben von edlen Geistern. Juden in hohen Stellungen vergaßen ihrer Brüder nicht und gaben lieber die höchsten Ehren auf, als daß sie die Gemeinschaft nrit ihrem Volke lösten. Die ganze Geschichte des jüdischen Volkes hat den Patriotismus niemals erstickt, sondern nur gehoben; schreibt das jüdische Gesetz doch vor, das Wohl des Landes, in dem man lebt, zu fördern. So konnte König Heinrich IV. die Juden und namentlich die Juden der Stadt Worms wegen ihrer Treue loben: Wormser Juden fromme Juden! Als es im Anfang des Jahrhunderts galt, gegen die Franzosen zu fechten, zeigten die Juden einen Patriotismus und eine Vaterlandsliebe, welche der Kanzler Hardenberg besonders bezeugte. Schmerzhaft war es deshalb, daß der Haß gegen die Juden immer wieder hervorbrechen konnte; aber das hat doch nicht verbittert, denn auch im Jahre 187<» haben die Juden es an Patriotismus nicht fehlen lassen. Wenn auch fürder die Pflichterfüllung hochgehalten wird, wenn die edleren Geister treu zu ihren Glaubensgenossen stehen und an deren Läuterung arbeiten, so muß endlich die Zeit kommen, wo auch alle anderen Kreise dem Judenthum Gerechtigkeit widerfahren lassen. Feuilleton. Aus finsterer Zeit. Geschichtliche Erzählung von Rttd. Lacher. ,,Verachte sie nicht, Günther, verachte diese Künste nimmermehr! Du erinnerst Dich wohl noch an Deinen weitläufigen Vetter, den alten Ebbo von Eisberg, den wir so oft besuchten, um uns von seinen Fahrten in fremden Landen erzählen zu lassen. Dieser Ebbo war auch ein Jünger jener Geldkunst. Er hatte ein abscheuliches Mittel, das er mir einst mittheilte. Er ließ nämlich seine Inden, sowie dieselben ihm reich genug dünkten, einfach plündern." „Das that Ebbo von Eisberg nicht nur, das thun noch heute sehr viele, die sich des deutschen Adels rühmen. Ja, selbst mancher Erzbischof verschmäht diese ehrlose Handlungsweise nicht." „Traurig genug!" „Mit Gottes Beistand gelingt es mir hoffentlich, diese Zustände zu ändern. Denn wenn ich erst in meinem Deutschen Reiche ganz Herr sein werde, so soll dies schmähliche Verfahren anshören, dann soll der Ritter den Bauer, der Bauer den Juden achten. Frei sollen meine Unterthanen sein, frei von den Fesseln der Pfaffenherrschaft. Es soll ein jeder sich mit Stolz als Sohn seines Vaterlandes rühmen, aus daß die Wohlfahrt und die Kraft des Landes blühen, erstarken möge!" — — — 3 Kapitel Während sich der kranke Kaiser Günther noch lange mit seinen! treuen Freunde unterhielt, tvaren im westlichen Flügel des Tempelhofes, in der Zelle des Mönchs Franziskus, ebenfalls zwei intime Freunde im Gespräch begriffen. Es waren dies Franziskus selbst, jener glattzüngige Mönch, den wir als Vorleser des Kaisers kennen lernten und ein anderer, Ramens Sibicho. War jener lang und schmal, so