Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1897)
- Date
- 1897-01-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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7? 22 dächtig zu, obwohl sie die stereotype Erzählung ihrer bejahrten Freundin, einer schönen Matrone, auswendig hersagen konnte, doch sie war ihr diese Achtung wohl schuldig, denn Mirj nn, die Schwester Abraham Halewi's war gar angesehen. Sie mar eine kleine, alte Dame mit edlen Zügen. Ihr feines Gesicht ließ auf ein sorgenvolles, säst freudenleeres Leben des greisen Mütterchens schließen. Die großen, seelenguten Augen hatten ein selten lebhaftes Feuer. Dieses einst schöne Weib war wohl erfahren in der Heilkunst, die sie schon in der frühesten Jugend von ihrem Bruder erlernt hatte. Sie mar in Stadt und Land berühmt. Doch, wie Erfolg so oft zum Schaden gereicht, so waren die glücklichsten Kuren Mirjams als Hexereien verschrieen, und inan konnte die ungeheuerlichsten Geschichten von der Judenhcxe Mirjam vernehmen, bie eben andächtig zu ihrem Gotte betete, während ihre Nachbarin mit der Himer ihr Stehenden conversirte. Doch plötzlich verstummte Alles, denn unten hoben die Männer den Gesang an, desien Worte schon Moses gesprochen. Der Vorsänger hatte kaum geendigt, als draußen eine laute Stimme ertönte. Der Synagogendiener, ein kleines, bewegliches Männchen mit stechend schwarzen Augen, eilte hinaus. Ein Mann vom Gefolge Kaiser Günthers von Schwarzburg sprach ihn mit den zarten Worten an: „Geh' hinein, Jud' und hol' den besten Mann heraus, den Ihr Juden habt!" Der Synagogendiener, der eine Frage zu stammeln versuchte, wurde jedoch baldigst über jeden Zweifel enthoben, als sich der Mann in nicht allzu laustem Tone vernehmen ließ: „Holst Du bald den Arzt? Oder soll ich Dir Hasenläufe ansetzen, elender Judenhund?!" Der zitternde Synagogendiener ging in das Gotteshaus, ans dem alsbald Abraham, der jüdische Arzt kam, den des Kaisers Stalldiener — denn ein solcher war der erwähnte rohe Mensch — mit großer Achtung grüßte. „Was giebt's Rudbert? Hat sich des Kaisers Zustand verschlimmert?" fragte der Arzt, indenr er schnell nach dem Maine zuschritt. „Des Kaisers Medikus sagte mir, ich solle Euch rufen." „Ah, ich sag' Dank." — Der Arzt verfiel m tiefes Sinnen, das ihm Rudbert nicht störte. So schritten sie über die Mainbrücke und gelangten in den Hof des Johanniterkloster's, allwo Nudbert den greisen Juden nach Günthers Gemach führte. Abraham trat in ein für damalige Zeit schön, geschmackvoll und dennoch fast einfach ausgestattetes Zimmer. Durch die gemalten kleinen Butzenscheiben fiel die Sonne in rothen, blauen und blaßgriinen Strahlen auf die gegenüberliegende Wand, an der ein Bild des Schutzpatrons derer von Schwarzburg hing. Die gewölbte Decke des geräumigen Saales, der sonst dem Kloster als Refektorium dienen mochte, war himmelblau gemalt. In ihrer Mitte war eine kunstvoll gearbeitete Ampel angebracht, unter welchem ein Ruhebett sich befand, auf dem Kaiser Günther lag. Reben ihm saß aus niederem Sitze ein Mönch, der ihm ans Homer vorlas. An einer der Korinthischen Säulen, deren vier die Halle schmückten, stand ein Mann in mittleren Jahren. Ein langer, hellblonder Bart, der jedoch schon etwas ergraut war, unlrahmte ein Gesicht, das von Sorgen, Kummer und Edelmuth zeugte. Es war dies Freydank, der Leibarzt Kaiser Günthers. Freydank hatte, als Abraham eingetreten war, denselben sofort höflich gegrüßt, während der Mönch sein glattrasirtes, hageres Gesicht von dem Eiugetretenen abwandte und das Zeichen des Kreuzes machte, als wolle er sich vor dem eingetretenen Juden schützen. Anders der Kaiser, dessen edles, männlich schönes Antlitz eine Freude wiederspiegelte, wie inan sie miv empfindet, wenn man von eine»! lieben Freunde besucht wird. „Kommt her, Abraham," rief er dem Inden zu, „kommt her und kündigt miv meine baldige Genesung an." „Das würde ich gar gerne thun," versetzte der Angeredete, „doch der Gott Israels gab mir nicht die Gabe des Prophezeiens." „Das ist gut für Euch," sagte Franziskus, der Mönch, „denn heutzutage prophezeien wir Euch!" Der Kaiser bestrafte den vorwitzigen Sprecher mit einem Blick, der den frommen Bruder veranlaßte, sich in die fernste Ecke des Saales zurückzuziehcn, zu Abraham sprach der Kaiser: „Wie Ihr wißt, Abraham, tagt in Speyer die Reichsversammlung, die der böhmische König ciubcrufen hat. Ich habe nun eine Mission für Euch, da ich Euch als weisen und geschickten Unterhändler kenne und schätze. „sticht doch, Herr Kaiser, ist es doch . . ." „Wie ich sage," siel Günther ein. „Außerdem könnt Ihr dort ein Wort für Euere hart bedrängten Brüder eintegen. Ihr wißt, daß Euch Inden der Böheimer, so lange ihm kein Schaden daraus er wächst, günstig gesinnt ist. Was Ihr in Speyer unterhandeln sollt, das werde ich Euch in nächster Zeit sagen, da Ihr erst zu Beginn des neuen Monds zu reisen braucht, also noch gut drei Wocheu Zeit habt." Der Mönch, der in feinem Winkel auf jedes Wort des Kaisers gehorcht hatte, stand, als dieser geendigt, auf uud seine Züge, die soeben die eines arglistigen Fuchses waren, verwandelten sich in gar tammfrotnme und sanfte. Er näherte sich gebückten