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Der Israelit · 1896-12-31 · Heft 105 (31.12.1896) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 105 (31.12.1896)
Date
1896-12-31
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXTU. Jahrgang. Erste Skllaflk M M 105 ftrs „Israelit". Leitender Artikel. Der Verein zur Wahrluig »er religiösen Interessen des Mrnlhum in der Provinz Westfalen. Von vr nieS. Ruvens in Gelsenkirchen. Mit der vor einigen Tagen vollzogenen Wahl eines Rabbiners, der ain ersten April 1897 seine Stellung antritt, hat der Verein das Stadium der Vorbereitungen verlassen und tritt nunmehr vor die Oeffentlichkeit, um die Ziele, welche er sich bei der Gründung gesteckt und in den Statuten niedergelegt hat, zu verwirklichen. Es dürfte daher wohl angebracht sein, auf die Geschichte des Vereins und namentlich auf die Gründe, welche das Zustandekommen desselben bewirkten, etwas näher einzugehen. Die in den weitesten Kreisen des Judenthums außerhalb Westfalens herrschende Meinung, daß die ganze Provinz überhaupt keine Anhänger des strenggläubigen Judenthums zähle, ist wohl durch die in Dortmund am 25. Mai dieses Jahres veranstaltete Versammlung auf das Glänzendste widerlegt worden. Die Erklärung für das Zustandekommen dieses Jrrthums oder vielleicht besser dieses VorurtheilS ist leicht gegeben. Unsere Provinz ist nämlich wohl die einzige in der ganzen Monarchie, welche eines geistlichen Oberhauptes entbehrt, so daß die religiös gesinnten Juden vorkommenden Falles sich mit Anfragen, die auf das religiöse Leben Bezug hatten, an einen auswärtigen Rabbiner wenden mußten. Schon lange war es nun der sehnsüchtige Wunsch aller orthodoxen Juden Westfalens sich zu einem großen Verein zu sammeln und es bedurfte nur eines Anstoßes, den Stein ins Rollen zu bringen. Diesen Anlaß gab indirekt der westfälische Gemeindeverband. Wer aufmerksam die Bewegung auf religiösem Gebiet im letzten Jahrzehnt verfolgt, der mußte die Beobachtung machen, daß der Jndifferentismus, welcher in religiösen Dingen so viele Jahre hindurch den größten Theil der Juden gefangen genommen hatte, allmählig der Überzeugung wich, daß auf dem bisherigen Wege nicht weiter fortgeschritten werden dürfe und namentlich die Heranwachsende Jugend mehr wie bisher dem Judenthum zugeführt werden müsse. Es ist hier nicht der Ort, eine Untersuchung darüber anzustellen, woher dieser Umschwung zu erklären sei, nur soviel sei bemerkt, daß hierbei dem Antisemitismus eine Hauptrolle zuzuschreiben ist, von dem man! dann wohl mit Recht sagen kann: Er ist ein Theil jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Diese Erkeuntniß von dem Wiedererwachen des religiösen Lebens mag wohl der Hauptgrund gewesen sein, welcher die größten Gemeinden Westfalens veranlagte, einen Verband zu bilden, um durch gemeinsame Arbeit bessere Erfolge zu erzielen. Es wäre ungerecht, wollte man die Verdienste, welche sich derselbe in vielen Beziehungen, um die Gemeinden erworben hat, nicht anerkennen; die Wanderbettelei, welche vor dem Bestehen des Verbandes zu einer wahren Landplage geworden war, wurde infolge der regelmäßigen von den Gemeinden erhobenen Beiträge, die in eine gemeinschaftliche Unterstützungskaffe stoffen, auf ein Minimum reduzirt; durch Gründung entsprechender Einrichtungen versuchte man, die materielle Stellung der Lehrer zu beffern; kleine, arme Gemeinden , welche nicht in der Lage waren, einen Lehrer zu besolden, erhielten behufs Ertheilung von Religionsunterricht Unterstützungen; kurz, mit der Thätigkeit, welche der Verband auf diesen und anderen Gebieten entwickelte, konnte man wobl zufrieden sein. Da machte der Verband plötzlich im Laufe des Jahres 1895 den Versuch, seine Wirksamkeit auf den Gottesdienst auszudchnen und ließ zu dem Zwecke ein neues Gebetbuch verfaffen, welches der modernen Zeitströmung, wie die Herren sich auszudrücken belieben, bester entspreche, als die altmodische Tesilloh. Grade dieser von dem Verbände unternommene Schritt bildete den Sammelruf für alle Juden Westfalens, die dem orthodoxen Judenthum angehörten. Herr A. Lewerdorff in Höxter, der sich um die Gründung des Vereins große Verdienste erworben und auch späterhin voll Aufopferung seine Kraft in den Dienst der heiligen Sache gestellt hat, erließ einen Aufruf zur Gründung eines Vereins zur Wahrung der religiösen Jntereffen des Judenthums in der Provinz Westfalen und dieser Ruf erweckte ein lautes Echo in den Herzen der religiös Gesinnten. Aus allen Gauen des Landes strömten sie nach Dortmund, um dem Bau ein festes Gefüge zu geben und sie lauschten begeistert auf die herrlichen Worte, welche an diesem weihevollen Tage von beredten Lippen erklangen, auf die Reden, welche zum Kampfe für die heiligsten Güter des Judenthums aufforderten und zum treuen, festen Zusammenhalten ermahnten. Und diese Worte fielen auf einen empfänglichen Boden. Noch waren keine vier Monate nach jenem denkwürdigen Tage in'S Land gegangen, da konnte der Vorstand bereits die Stelle eines Rabbiners ausschreiben. Wohl hat es uns nicht an Angriffen mancherlei Art gefehlt, wir haben uns darüber hin-

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