Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 104 (28.12.1896)
- Date
- 1896-12-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1986 Gelde mitbringen und in London erst in englisches Geld umwechseln. Oft behalten sie die mitgebrachten Rubel als Nothpfennig und es vergeht Jahr und Tag bis sie daran denken, dieselben in englische Münze umzusetzen. Herr Feldmann ist übrigens nicht der einzige jüdische Postmeister in London, denn in Middlesere Street Al-dgate ist noch eilte gleiche Postanstalt unter Leitung von Mr. Fodtyn. Mit der Einrichtung dieser Postämter hat die englische Regierung wieder einmal gezeigt, in welcher toleranten Weise sie auf die Bedürfnisse ihrer neuen fremdsprachigen und frenidbürtigen Unterthanen Rücksicht zu nehmen weiß. London. Die Federation of Spnagogues, bekanntlich die Vereinigung der kleinen Gemeinden des Londoner Ostends, welche meist aus russischen und polnischen Juden bestehen, hielt am 22. v. ihre regelmäßige Versammlung ab, aus der wir hervorheben wollen, mit welcher Genugthuung alle Redner die Fortschritte dieser Organisation betonten. Samuel Montagu bat die Mitglieder dahin zu wirken, daß in den Vorstand nur solche Herren entsendet werden, die der englischen Sprache mächtig seien, und bekämpfte scharf den Gebrauch des Jargons in England. Die Wahlen werden am 11. Januar stattfinden. London. Schon seit längerer Zeit hat man hier das Bedürfniß eines Siechenhauses für jüdische Schwindsüchtige sehr empfunden, und erst kürzlich hat Mr. Elhan Adler darauf hingewiesen, wie hoch der Prozentsatz dieser unglücklichen Kranken unter den Juden des Ostens ist und wie nahe bei den schlechten Wohnungsverhältniffen die Ansteckung liegt. Jetzt hat Frau Baronin Hirsch in ihrem Bestreben, es ihrem verstorbenen Gemahl an wohlthätigen Werken gleichzuthun, hierfür eine Summe von ca. 1 Million Mk. bestimmt. Die Verwalter dieses Fonds werden die Herren Edward Sassoon, Franc Lucas und Mrs. Bischofsheim sein. Die Einrichtung des neuen Institutes soll unverzüglich in Angriff genommen werden. Personalien. Ein bescheidenes, im Verborgenen verblühtes Veilchen im schönen Blumenkränze der 7'li ’ico wurde uns entrissen. Frau Vögele Weil ist im hohen Alter von 83 Jahren nach einem sorgenvollen leidenschweren, dornenbesäten, aber tiefreligiösen, gottesfürchtigen Leben in's bessere Jeuseits^eingegangen. Ihren Stiefkindern war die Heimgegangene, wie ihren eigenen Kindern eineJrcuc, hingebungsvolle Mutter.^ Trotzdem ihr Leben eine lange Kette von Widerwärtigkeiten und Leiden gewesen war, kam niemals ein Laut der Klage, ein Wort des Unwillens über ihre Lippen. Als vor einigen Jahren M einziger Sohn, die Stütze ihres^Alters, der in seiner großen Heimathsgemeinde das Amt eines zweiten Vorsängers und des Schächters verwaltet hatte, im jungen Atter von 33 Jahren durch einen jähen Tod ihr entrissen wurde, da hörte man kein Schreien der Verzweiflung, leise und duldend sprach die fromme Frau mit den Worten unseres schönen NHJ "Ill-Liedes: Drnao man mon «nw und ergab sich ruhig in das Geschick. Möchten die Hinterbliebenen ihre Trauer dadurch zeigen, daß sie in den Bahnen der Verstorbenen wandeln und insbesondere ihre Kinder für diese Gottes- und Gesetzcstrcuc erziehen! Feuilleton. Auf der Leiter. Eine Erzählung von Robert Hänlein. 8) „Was?" antwortete Gitel, „so lange ich lebe, werde ich diesen Mesiß und Mediach nicht hören. Denn ich sehe ein wie gefährlich dieser Mensch ist, wenn er sogar Dich berückt hat. Und Du lässeft Dir solche Flausen vormachen? Stehts's nicht im Menauras Hamoaur, daß es schon in aller Zeit Leute gegeben hat, die schön gedarschent (gepredigt) und schlecht gehandelt haben? Und wenn uilser Meschumed von Schwiegersohn sagt: Tallis und Tefillin, koscher und tretfe wären nur kleinliche Aeußerlichkeiteu, und es käme nur auf's Herz und die Gesinnung an, dann möchte ich ihn einmal fragen, wie's bei ihm mit dem Herz und der Gesinnung denn in Wirklichkeit bestellt sei. Daß man ein guter Jude sein und dennoch ein gutes Herz haben kann, das wissen wir. Daß man ein schlechter Jude sein und dabei ein schlechtes Herz haben kann, das wissen wir auch. Und wenn wir's nicht wüßten, unser Schwiegersohn hätte es uns selber durch die That gelehrt. Das was Du mir da sagst, hat mir auch neulich unser Mendel gesagt und nun weiß ich auch, wo die neue „Thora" herstammt." „Wann hat Dir das Mendel gesagt?" fragte Jankel etwas kleinlaut. „Ich hatte ihn im Verdacht, daß er keine Tefillin lege und habe sie, um mich zu überzeugen, versteckt, ohne daß er sie vermißt hätte. Mittags kommt er nach Hause und will mir wie gewöhnlich zur Begrüßung einen Kuß geben. Aber ich wies ihn zurück und erklärte ihm, er solle sich ja nicht mehr unterstehen mir die Hand oder die Lippen zum Kusse zu reichen, denn ich hätte mich überzeugt, daß er ein Poscheh Jisroel sei. Als er sein Unrecht nicht mehr leugnen konnte, sagte er mir dasselbe, was Dir vorhin unser lieber Schwiegersohn sagte. Das seien alles Förmlichkeiten und äußere Zeichen, die uns an gewisse Wahrheiten erinnern sollten, wenn man aber dieser Wahrheiten ohnedies eingedenk sei, dann bedürfe es der äußeren Form nicht." „Und was hast Du ihm darauf erwiedert?"