Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 104 (28.12.1896)
- Date
- 1896-12-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1987 „Ich sagte ihm, wenn es nnr auf die Gesinnung und nicht auf die äußere Form ihrer Bekundung ankommt, dann genüge mir auch seine freundschaftliche Gesinnung für mich, und es bedürfe nicht der äußeren Form des Händedrucks oder gar des Kusses, das wäre dann nur Heuchelei oder gedankenlose Förmlichkeit. Dränge ihn aber seine kindliche Liebe dazu, dieselbe auch durch äußere Formen anszudrücken, dann fehlt jedenfalls diese Gesinnung gegen Gott, wenn er so gering von der äußeren Form denkt, in die sich die Gesinnung kleiden soll." „Das hast Du gut gemacht, Gitel, warum hatte ich nicht vorhin den Einfall, als mir Feiwel dieselbe Schmuoh (Geschichte) sagte? Wo hast Du nur Deine Ehochmv her?" „Ich glaube nicht, daß ich Chochmo habe," erwiederte in aufrichtiger Bescheidenheit die Gefragte. „Das Alles steht im Zeeno Urcnnoh und in den anderen Seforim. Aber wenn Dir auch das bischen Weisheit fehlt, das Du bei mir vermuthest, so kommt es daher, daß Du keine Gottesfurcht hast. Gottesfurcht ist der Anfang zur Weisheit, hat Schelomo Hamelech gesagt. Wie kann mail aber Weisheit erlangen, wenn man nicht cittmaC den Anfang dazu hat? Hätte ich Chochmo, ich wäre niemals von Nin das glänzende Wiener Elend gezogen, in dem unsere Kinder Heiden geworden finb und wir aus denl besten Wege uns befinden, es zu werden." „Versündige Dich nicht, Gitel," erwiederte Jankel abwehrend, „daß Du unseren Zustand ein glänzendes Elend nennst. Wir besitzen heute über 500,000 Gulden, alle Welt, die höchsten Finanzlente halten es für eine Ehre mit mir zu verkehren, wie viel, die weniger sind als tvir, bliden neidisch zu unserer Stellung empor, die Du ein glänzendes Elend nennst. Uno das kann wem nicht so in den Wind schlagen, was Feiwel behauptet, wie wir solches Masol haben, obwohl wir llns wirklich von der alten Jüdischkeit mehr und mehr losgesagt haben." Gitel traten die Thränen in die Augen als sie ihren Mann so reden hörte. Flammenden Blickes entgegnete sie: „Also, so weit hätt's schon mit Dir? Du weißt schon nicht mehr, daß Haschem boruch hu es den Schlechten auf dieser Welt oft gut gehen läßt, um sie in dieser Zeitlichkeit für das wenige Verdienstliche zu belohnen, das sie geübt? Mir würde es vor diesem „Glück" noch mehr grauen, wenn ich mich glücklich dabei fühlen würde. Wiegt der Gewinn von Hundertausenden wirklich den Verlust der Jüdischkeit unserer Kinder auf? Wenn uns Gott das Geld so in den Schooß wirft, obwohl wir es nicht verdienen, so ist mir das höchstens ein Beweis dafür, wie wenig ihm an Geld gelegen ist. Aber es ist mir kein Beweis, daß Gott seine alte Thora außer Kurs gesetzt hat, sobald sie Börsenspielern unbequem geworden ist. Jankel, Du bist auf einem bösen Wege." Und Jankel war auf einem bösen Wege. Er war nicht nur gleichgültig gegen die specisisch jüdischen Lcbenspflichten geworden, auch mit den rein menschlichen Tugenden, mit dem Herzen, mit der Gesinnung war es schlecht bestellt. Eines Tages ließ sich ein junger Mann bei Herrn Jacques Goldberger anmcldcn, ohne dem Portier seinen Namen zu nennen. Jankele entschloß sich nur schwer, den namenlosen Fremden vorzulassen. Aber der Fremde wartete den Bescheid des Portiers gar nicht ab uttb trat zu Jankele ins Zimmer. „Jankel, ich brauche mich bei Euch wohl iticht lange anzumelden, kennt Ihr mich nicht mehr?" „Mein Name ist Jacques Goldberger," erwiderte gravitätisch der Parvenü; „Sie kommen mir allerdings bekannt vor; Ihr werther Name, wenn ich bitten darf?" „Ich bin ja Abraham Lemberger, Sohn des seligen Rabbi Lemberger, wie geht es Eurer Frau Gitel und Malko und Mendel und Schmul?" „Meine Frau Karoline, und meine Kinder Amalie, Manfred und Siegmund befinden sich alle recht wohl und werden sich gewiß freuen, Sie bei uns als Gast zu sehen. Was verschafft uns das große Vergnügen?" Diese verletzende gnädige Herablassung empörte den jungen Mann, was Jankel nicht entging. Sein Scharfblick merkte sofort aus der gedrückten Haltung des fremden Gastes, daß er als Bittsteller zu ihm kam. In diesem Falle war es Prinzip bei ihm, sich Gäste dieses Schlags durch kalte Höflichkeit in gemessener Entfernung zu hallen. „Darf ich dem Herrn eine Cigarre anbieten? Ein Kraut wie dieses hat man in U. noch nicht gesehen, das Stück kostet 35 Kreuzer; ist aber unter Brüdern das doppelte werth." Herr Lemberger lehnte entschieden ab, nahm sich unaufgefordert einen Stuhl und erklärte, daß er keine Aufmerksamkeit annehmen könne, bis er sich feines Auftrags entledigt habe. Sein Vater sei vor vier Wochen gestorben. Vor seinem Tode habe er ihm, dem Sohne erklärt, daß das Geschäft derart in Rückgang gerathen wäre, daß eine Zahlungseinstellung unvermeidlich sei, wenn nicht 10,00o Gulden zu beschaffen seien, um die dringendsten Gläubiger zu befriedigen. Mein sel. Vater erzählte uns von seinen Beziehungen zu Ihnen und sagte, daß er nicht daran zweifle, Sie, Herr Goldberger, würden uns durch ein Darlehen von 10,000 Gulden^aus unserer augenblicklichen Verlegenheit retten. — Mein Vater hielt zwar die Möglichkeit für ausgeschlossen, daß Sie sich weigern diesen seinen letzten Wunsch zu erfüllen. Aber er gab mir dieses lederne Beutelchen mit, dessen