Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 102-103 (23.12.1896)
- Date
- 1896-12-23
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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1975 der Fassung davon abrechnet, mit fünf Thalern zu theuer bezahlt." „Du bist verrückt!" schrie der Fürst. „Was," rief die Fürstin-Mutter, „die Familien- Diamanten der Fürsten von Waldburg," die bei der jüngsten Kaiserkrönung in Frankfurt die Bewunderung selbst der allergrößten Herrschaften erregt haben, taxirt der Mensch auf fünf Thaler? Laß' ihn in's Irrenhaus sperren, Woldemar!" „Gnädigster Herr," sagte Moses ruhig, „Sie dürfen mir glauben, es sind böhmische Steine, allerdings meisterhaft nachgeahmt; aber schon nach wenigen Wochen werden sie blind. Es muß da ein Betrug vorgefallen sein. Der Juwelier in Paris hat wahrscheinlich die echten Diamanten zurückbehalten." Da das- Urtheil des Juden sich das erste Mal bewährt hatte, beschloß Fürst Woldemar, dasselbe auch diesmal zu berücksichtigen. Er sandte einen Courier nach Paris; der Juwelier wurde verhaftet, und eine Haussuchung ergab, daß der alte, ihm übersandte Schmuck noch in seinem Besitz war. Der Bevollmächtigte des Fürsten Woldemar erhielt die echten Familiendiamanten zurück, und der Juwelier kam auf die Galeere. Als der Courier die echten Diamanten nach Schloß Waldburg zurückbrachte, vergoß die Fürstin- Mutter Freudenthränen. Die Diamanten waren in der Thal sehr schön und werthvoll. MoseS taxirte sie auf circa 250,000 Thaler. „Moses," sagte der Fürst, „Dil hast mir ein Vernrögen gerettet; ich werde Dich reich belohnen." Cr zog seine Börse, suchte lange und reichte dem Juden einen Dukaten von Fürstlich-Waldburgischem Gepräge. Große Vorbereitungen wurden für das herannahende Hochzeitsfest gemacht. Da ließ eines Tages Fürst Woldemar den Juden Moses auf sein Zimmer kommen, schloß die Thüre ab und sprach: „Moses, Du hast Dich als einen tüchtigen Kenner von Pferden und Diamanten bewährt; aber die dritte Kennerschaft, deren Du Dich rühmst, habe ich noch nicht erprobt. Nun, Du Menschenkenner, sage mir, was für ein Mensch bin ich?" „Durchlaucht," antwortete Moses, „ich bitte Sie inständigst, erlassen Sie mir die Beantwortung dieser Frage." „So," rief der Fürst, Du scheust Dich, mir zu sagen, was für ein Mensch ich bin! Jetzt bin ich erst recht neugierig, Deine Antwort zu erfahren. Sag' mir die Wahrheit! Ich befehle es Dir." „Gnädigster Herr, ich bitte Sie, erlassen Sie mir die Antwort. Sie selbst werden es bereuen, in mich gedrungen zu sein." „Wenn Du mir nicht augenblicklich sagst, für was für einen Menschen Du mich hältst, so schieße ich Dich auf der Stelle nieder." „Gnädigster Herr, ich werde Ihnen unverholen die Wahrheit sagen; aber ich bitte, es mich nicht entgelten zu lassen, wenn sie Ihnen mißfällt." „Sprich," schrie der Fürst ungeduldig, was für ein Mensch bin ich?" Moses trat ganz nahe an den Fürsten heran und sagte in gedämpftem Tone: „Eure Durchlaucht sind ein Bauernsohn." Der Fürst wurde schneeweiß. „Du kannst gehen," sagte er, „ich werde zu erforschen wissen, ob Du die Wahrheit gesprochen. In diesem Falle werde ich Dich reich belohnen. Hast Du mich aber unnöthig beleidigt, so schieße ich Dich nieder wie einen tollen Hund!" Moses verneigte sich und wollte sich entfernen. „Halt, schrie der Fürst, „Du könntest entlaufen! Du bleibst eingeschlofsen, bis ich Dich selbst Deiner Hast entlasse!" Der Fürst drückte an eine silberne Schelle, die auf dem Tische stand, schloß die Thüre auf und befahl dem eintretenden Kammerherrn: „Der Jude Moses bleibt auf unbestimmte Zeit in sicherem Gewahrsam. Kein Mensch darf mit ihm reden!" Zwei Soldaten erschienen, nahmen Moses in die Mitte und führten ihn ab. Der Fürst war allein. Er warf sich auf einen Divan nieder, hielt beide Hände vor das Gesicht und sprach vor sich hin: „Ich fürchte, der Jude hat Recht. Schon lange sind Zweifel in mir aufgestiegen, ob ich denn wirklich der Sohn derer bin, die für meine Eltern gelten. Allein ich werde jetzt die Wahrheit erfahren." Er rief seinen Kammerdiener herbei und sprach: „Ich laste meine gnädigste Mama bitten, sich hierher zu bemühen; ich habe Wichtiges mit Ihrer Durchlaucht zu reden." Wenige Minuten nachher trat die Fürstin-Mutter in das Gemach ihres Sohnes. „Du hast befohlen, mein Sohn!" sagte sie piquirt. Der Fürst trat ihr entgegen und küßte ihr die Hand. „Gnädigste Mama," sagte er, ich habe Sie bitten lasten, sich hierher zu bemühen, weil wir hier ungestörter sind und weil das, was ich mit Ihnen zu reden habe, keine Zeugen verträgt." Bei diesen Worten verschloß er die Thüre; dann führte er seine Mutter nach dem Divan und bat sie, sich niederzulasten.