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Der Israelit · 1896-12-23 · Heft 102-103 (23.12.1896) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 102-103 (23.12.1896)
Date
1896-12-23
Page
– (sequence 26)
Language
German
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1974 ist, gedient; da dachte ich, der junge Fürst könne mich als seinen Rathgeber engagieren." „Komm mit mir," sagte Fürst Woldemar, inl höchsten Grade belustigt, „ich selbst bin der Fürst und will einmal probiren, ob ich von Deinem Rathe Gebrauch machen kann." Der Fürst kehrte in das Schloß zurück, und Moses aus Strzelno folgte ihm dorthin. Fürst Woldemar ließ seinem Gaste ein Zimmerchen in dem Theile des Schlosses anweisen, in welchem die Dienerschaft wohnte, und gab Befehl, ihn mit allem Nothwendigen zu versorgen. Da aber Moses von den ihm angebotenen Speisen nichts genießen durfte, so zog er es vor, sich in das Städtchen Waldburg zu begeben, um dort seinen Hunger zu stillen. Wochen waren vergangen, und der Fürst hatte den Juden, den er auf der Straße aufgelesen, schier vergessen. Da wurde dem Fürsten von seinem künftigen Schwiegervater ein Reitpferd geschickt. Als das Pferd im Schloß Waldburg abgeliefert wurde, erregte es die Bewunderung aller Derer, die es sahen. Es war ein edles Roß, echte Vollblutrace; man schätzte den Werth desselben aus viele tausend Thaler. Der Fürst war ganz entzückt von dem schönen Pferde. Er war ein leidenschaftlicher Reiter und liebte es, die wildesten Pferde zu bändigen. Er beschloß, das herrliche Roß sogleich zu besteigen und einen Spazierritt zu machen. Schon hatte er den einen Fuß im Steigbügel, da erinnerte er sich des Juden Moses von Strzelno und daß dieser behauptet habe, ein Kenner von Pferden zu sein; er zog seinen Fuß vom Steigbügel zurück und befahl, den Juden zu rufen. „Moses", rief er dem Herannahenden zu, „Du bist ja ein Kenner von Pferden! Betrachte Dir dieses edle Roß und verkünde uns Dein Urtheil über dasselbe." Moses trat an das Pferd heran, und volle Bewunderung leuchtete aus seinen Zügen; aber er sagte kein Wort. Er betrachtete das Pferd von allen Seiten, führte es dann im Kreise umher, klopfte es, streichelte es, ließ es sich bäumen und führte noch allerlei Mannöver mit ihm aus. Dann warf er den Zügel dem Stallknechte zu, trat zu dem Fürsten und verneigte sich. „Gnädigster Herr," sagte er, „das Pferd ist allerdings ein schönes Thier und von edler Abkunft. Es wäre untadelhaft, wenn es nicht einen großen Fehler hätte: es scheut sehr leicht, und wehe dem Reiter, der dann auf seinem Rücken sitzt; er wird unfehlbar abgeworfen." „Du verstehst nichts, Jude," rief der Kammerherr von Bohlen, der den Fürsten auf seinem Spazierritt hätte begleiten sollen. „Das ist das schönste Pferd, welches ich je gesehen habe und vorzüglich eingeritten, ein Kind kann es regieren." „Herr Kammerherr," sagte Moses, „ich möchte Ihnen nicht rathen, das Pferd zu besteigen; Sie würden Ihr Leben in Gefahr bringen." „Wenn Durchlaucht erlauben," rief der Kammerherr. „so besteige ich das Pferd und reite nach Bösendolf. Es ist coupirtes Terrain und bietet allerlei Schwierigkeiten. In zwei Stunden bin ich zurück und mache das Urtheil des Juden zu Schanden." Der Fürst nickte zustimmend; Bohlen schwang sich in den Sattel und ritt grüßend davon, erst langsam, dann im Trab, aber bald im Galopp, ventre a terre; in wenigen Augenblicken war er nicht mehr zu sehen. „Das Pserd hält sich ausgezeichnet," sagte der Fürst; .ich fürchte, Du verstehst nichts, Moses." Der Jude schwieg. Zwei Stunden nachher wurde die verstümmelte Leiche des Kammerherrn von Bohlen in das Schloß getragen. Das Pferd hatte ihn abgeworfen und gegen einen Stein geschleudert. Das wildgewordene Roß konnte erst am andern Tage wieder eingefangen werden. „Du hast mir das Leben gerettet, Moses", sagte der Fürst, „und eine Belohnung verdient." Bei diesen Worten zog er seine mit Gold und Silber reich gefüllte Börse, suchte lange, zog endlich ein Thalerstück hervor und reichte es mit gnädiger Miene dem Juden, der es dankend in Empfang nahm. Wieder vergingen Wochen. Bald sollte die Hochzeit des Fürsten gefeiert werden. Die Familien- Diamanten der Fürsten von Waldburg waren nach Paris geschickt worden, um daselbst nach der neuesten Mode gefaßt zu werden. Als dieselben von Paris zurttckkamen, bewunderte der ganze Hof den herrlichen Schmuck. Die Diamanten waren sehr kostbar und die Fasiung tadellos. Schon sollten sie aufs Neue verpackt und nach Sonderheim geschickt werden, als der Fürst sich seines Juden erinnerte. Er ließ ihn herbeirufen und sagte: „Moses, betrachte Dir diese Schmuckgegenstände! Wie hoch taxirst Du diese Diamanten?" Moses nahm die Armbänder, Brochen, Halsketten, Agraffen und all' die andern mit Diamanten verzierten Gegenstände in die Hand, betrachtete jedes Einzelne sehr sorgfältig, hielt es gegen das Licht, hauchte und rieb daran und wurde gar nicht fertig. ..Wie lange noch," rief der Fürst ungeduldig, „wirst Du unsere Geduld auf die Probe stellen!" „Gnädigster Herr," sagte Moses bedächtig, „die Diamanten sind, wenn man das Gold und Silber

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