Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 102-103 (23.12.1896)
- Date
- 1896-12-23
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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1967 ein Lehrer vom alten Schrot und Korn. Seine Virtuosität war groß genug, um die Folgen des systematischen Religionsunterrichts zu überwinden. Wer Rabbiner Wetzlar gekannt hat und das Büdinger'sche Religionsbuch kennt, der weiß auch wie wenig die beiden zusammen paßten. Wenn er trotzdem danach unterrichtet hat, so geschah es sicher mehr aus Nothwendigkeit, als aus freier Wahl. Der systematische Religionsunterricht war ihm ja von oben her vorgeschrieben, vielleicht sogar auch das in Rede stehende Lehrbuch, was hätte er denn anders thun können? 2) Ich habe keine Abneigung dagegen mit den Kindern auch von den m*e von den Eigenschaften Gottes zu reden. Dagegen habe ich eine Abneigung auch von den Gesetzen der Thora mit ihnen zu sprechen. Während in der Thora der gesetzliche Theil ihren größten Inhalt ausmacht, dagegen das, was sie uns von Gott und seinen Eigenschaften berichtet, nur einen sehr kleinen Raum einnimmt, ist in unseren systematischen Religionsbüchern das vollendete Gegentheil der Fall. Mit Gott und seinen Eigenschaften können sie kein Ende und mit dem Menschen und seine Pflichten gegen Gott kaum einen Anfang finden. — R. Schelomo Pleßner Vst hat aus Lehrer dieser Art das Wort angewendet, das unsere Weisen Gott selber sprechen taffen: nxi izw Tf.s -x£n rat? rrrrr „Möchten sie doch mich in Ruhe lassen und meine Thora hüten." 3) Besser als „Mein Religionsbuch" ist der Lehrer, der keins nöthig hat, auch das meinige nicht. Das beste Religionsbuch ist und bleibt der Lehrer selbst, wie dies in meiner Abhandlung wiederholt betont wurde. Von diesem Gesichtspunkt aus gebe ich „Mein Religionsbuch" gerne preis. 4) Einverstanden kann man sich mit dem Correspondenten erklären, daß der systematische Religionsunterricht ein Kind der neuen Zeit ist. Aber deßhalb könnte es nicht verdrängt werden? Haben sich die Kinder der neueren Zeit so lebenskräftig erwiesen? Und die Kinder der alten Zeit so lebensschwach? Der systematische Resigionsunterricht zählt doch noch nicht doppelt so viel Jahrzehnte als unsere Thora und die erprobte Art ihres Lernens und Lehrens Jahrtausende. Sind die Erfolge dieses Religionsunterrichts wirklich so imponirend, daß man ihn deßhalb für unentbehrlich halten müßte? Und, gegen den Strom läßt sich nicht schwimmen? Wirklich nicht? Von den vielen Schwimmern, die mit Erfolg gegen den Strom schwimmen, sei hier an das Judenthum und seine Bekenner erinnert, die nun schon 4000 Jährchen gegen den Strom schwimmen. Und schwimmt man wirklich gegen den Stroin, wenn man gegen den systematischen Religionsunterricht Front macht? In einzelnen Gemeinden und selbst Ländern allerdings. Aber innerhalb der großen jüdischen Gesammtheit wird die erdrückende Mehrheit der Kinder doch G. s. D. nach wie vor ohne systematischen Religionsunterricht nach der alten bewährten Art für ihr Judenthum gewonnen und erhalten. Diejenigen schwimmen gegen den Strom, welche diese erprobte Methode verlassen und von diesem systematischen Religionsunterricht ihr Heil erwarten. Die wirklich guten Lehrer sehen das am wenigsten ein. Weil sie bei ihrem Unterricht gute Resultate erzielen, stellen sie bescheidener Weise auf Conto ihres Religionsbuches, was in der Thal ihr eigenes Verdienst ist. Nicht dem Religionsbuch in ihrer Hand, dem Judenthum in ihrem Herzen verdanken sie ihren erziehlichen Erfolg. Deßhalb ist hier eine skeptische, opponirende Stellungnahme gegen den eigenen Standpunkt ein so erfreuliches Omen. Sie ist meist werthvoller als die unbedingte Zustimmung; denn sie verräth fast immer einen denkenden und tüchtigen Jugenderzieher, der das System, dem er seine bisherigen Erfolge zuschreiben zu müssen glaubt, nicht so leicht preis geben will. Ein wackerer Lehrer aber, der selbstständig denkt und auch andere Unterrichtsmethoden als die seinige prüft, wenn auch nur um sie zu wiederlegen, der muß auf diesem Wege gewiß dazu kommen, das Unpädagogische und Widernatürliche des systematischen Religionsunterrichts früher oder später einzusehen und ihn mit den erleuchtesten Geistern unserer und aller Zeiten zu verurtheilen. — Frankfurt a. M. Zur Kennzeichnung einer gewissen Sorte von jüdischen Geistlichen, die sich dazu berechtigt glauben, rabbinische Funktionen auszuüben, möge folgender Vorfall dienen, der sich kürzlich ereignet hat. Ein bereits standesamtlich getrautes Brautpaar wandte sich an den Ulmer Rabbiner Dr. Fried mit dem Ersuchen, auch die jüdischreligiöse Trauung vorzunehmen. Da derselbe jedoch hörte, daß die Braut die Schwägerin des Bräutigams sei und daß ihrer ersten Ehe mit dem Bruder des Bräutigams Kinder entsprossen seien, daß also die Ehe religionsgesetzlich streng verboten sei, so lehnte er das an ihn gestellte Ansinnen ab. Das Brautpaar wandte sich darauf an Herrn Kirchenrach Dr. Kroner, der natürlich die religiöse Trauung unter diesen Umständen ebenfalls ablehnte. Das Paar sah sich nun nach einem andern Geistlichen um, der für Geld und gute Worte bereit sein würde, dem Ehebund die religiöse Weihe zu geben, und es fand denselben auch in der Person des Herrn Dr. Adolf Brüll, Religionslehrer an der Realschule der israelitischen Gemeinde zu Frankfurt a. M. (Philanthropin). Derselbe reiste nach Stuttgart und vollzog dort die Trauung. Herr Dr. Kroner gelang es trotz vielfacher Bemühungen nicht, die Regierung zur Jnhibirung des religionsgesetzlich unzulässigen Trauungs-