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Der Israelit · 1896-12-23 · Heft 102-103 (23.12.1896) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 102-103 (23.12.1896)
Date
1896-12-23
Page
– (sequence 18)
Language
German
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1966 zurückbleibon, im schlimmsten Falle aber sogar eine Art von partieller Verrücktheit aller moralischen Begriffe, die schwerer heilbar ist, als die gewöhnlichen Formen geistiger Krankheit. Und keine Art von Bösem ist in dieser Wirkung der Abstumpfung und Kälte, ja Widerwilligkeit gegen alles Gute gefährlicher, als gerade die, von der wir sprechen. Mau darf wohl behaupten, daß hier die erste Ursache der vollen geistigen Gesundheit, oder Ungesundheit der Menschen liegt. Mit dieser leichten Auffassung der Dinge für die Männer nehmen Sie ferner eine verschiedene Sittlichkeit für jedes der beiden Geschlechter an, eine höhere für sich selbst und eine viel geringere für uns, eine Ehre, wofür wir uns zunächst sehr bei Ihnen bedanken. Sie läßt aber auch Ihre Töchter keineswegs unberührt, denn als Frauen solcher Männer kommen sie doch nachher zur genauen Bekanntschaft mit derselben und bleibt ihnen gar nichts anders übrig, als ihre Moral auf das gleiche niedrige Niveau herabzusetzen und alle ihre bisherigen Grundsätze aufzugeben, oder in beständigem innerem und oft genug auch äußerem Zwiespalt zu leben. Eine geistig und körperlich gesunde, wohlerzogene junge Tochter, die man bis dahin sorgfältig vor jeder Berührung mit dem Gemeinen behütet, hat, plötzlich an einen Menschen völlig auszuliefern, von dem man weiß, daß er kaum eben durch allen Schmutz gegangen ist vielleicht sogar noch halbwegs darin sich befindet, das hält man in vielen „guten" Kreisen für zulässig und es soll sogar Männer geben, die sich nachträglich über ihre Schwiegereltern beklagen, wenn sie zu unberührte Frauen bekommen, die ihnen nicht entsprechend genug erzogen worden sind. Solche Gräuel kommen in den „besren" Kreisen der jetzigen Welt vor und man kommt ganz von selber dahin sie zu billigen, wenn man einmal annimmt, hie Jmmoralität sei „zeitweise", oder für einen Theil der Menschheit, oder „bis zu einem gewissen Grad" nothwendig in der Welt. Das heißt eigentlich in Wirklichkeit nichts Anderes, als den Glauben an Gott aufgeben, denn derselbe kann eine solche Ansicht nicht haben und auch nicht an seinen Freunden dulden. Die Gleichgültigkeit der Frauen gegen die Jmmoralität der Männer, wonach sie dieselbe als etwas Unbedeutendes betrachten, trägt endlich geradezu die Hauptschuld auch an dem weißen Sklavenhandel selbst, der unter solchen Umständen stets bestehen bleiben wird. Denn irgendwelche Opfer wird diese „Nothwendigkeit" doch haben müssen und diese müssen also beschafft werden, wenn man nicht, wie schon ironisch vorgeschlagen worden ist, gerade alle Frauen dazu „rekrutieren' will.*) Da steckt nach meiner Ansicht die Hauptschwierigkeit der ganzen Sache. Die bei Vielen gänzlich unbewußte Heuchelei, aus der einen Seite sich gegen so etwas sittlich zu entrüsten, unmittelbar darauf aber doch mit den allerunsaubersten Leuten, die die eigentlichen Urheber und Veranlasser dieses Sklavenhandels sind, da sie die Opfer desselben kaufen, in freundschaftlichem Verkehr zu leben, muß nothwendig zuerst aufhören. Die Frauen haben das in ihrer Hand; was sie als sitstich zulässig erklären, das ist gesellschaftliches Gesetz und dieses Gesetz reicht weiter und wirkt kräftiger, als das juristische. Sie können, jede Einzelne von Ihnen, mehr thun, als alle Kongresse und Föderationen, *) Wie dermalen die Sache ist, sind die Armen allein die Opfer der Söhne der Reichen. Es ist dies die allerverwerflichste soziale Ungleichheit, die besteht, und die Sozialisten hätten das volle Rechr, sich noch mehr dagegen zu ereifern, als sie thun. Allerdings muß man hier der Wahrheit gemäß auch noch beifügen, daß die Eitelkeit, Arbeitsunlust, Putz- und Genußsucht der Mädchen vielen jungen Männern die rechtzeitige Heirath erschwert und zwar gerade vorzugsweise in den gebildeten Klassen. Aber auch dafür sind ihre Mütter verantwortlich, oder wer sonst? { die ohne „gesellschaftliche" Grundlage sehr wenig helfen werden. Solange das nicht geschieht, in weitaus größerem Maßstabe geschieht, als bisher, muß der weiße Sklavenhandel bestehen bleiben und werden auch die, welche ihn betreiben, niemals an den Ernst ihrer Gegner glauben. Zeigen Sie also Ihre Entrüstung, aber nicht hier im Saale, unter lauter Gleichgesinnten, sondern draußen im Leben; Sie werden Gelegenheit genug dazu haben. Die menschlichen Verhältnisse werden überhaupt nicht durch Gesetze, sondern durch Gewohnheiten und Gesinnungen gebessert und solange diese den Gesetzen widersprechend sind, haben dieselben durchaus keine Wirkung, auch da ivo sie bestehen. „Lei cant cease, af all risks and at all cost-s; tili cant cease, not-hing eise can begin.“ Auf die anzuwendenden Mittel, unr diesem Unwesen zu steuern, werde ich in einem späteren Artikel ausführlich zurückkommen. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen Deutschland. Mainz. Herr Bezirksrabbiner Dr. Ehrmann schreibt uns; Die Abhandlung „Mei n Religionsb u ch" hat in Lehrerkreisen eine gewisse Erregung zur Folge gehabt, vie sich in verschiedenen Aeußerungen theils zustimmender, theils abweisender Art geltend macht. Mit den Herren Lehrern, die sich direkt deßhalb an mich wenden, habe ich mich brieflich verständigt. Von den Bemerkungen, die der „Israelit" darüber brachte, war die Redaction so freundlich bei der einen das Erforderliche anzumerken. Ans die Correspondenz „Aus dem Bez. Cassel" in Nr. 97 gestatte ich mir in Kürze Folgendes zu bemerken: 1) Die Verschiedenheit der Meinungen über Werth und Unwerth des systematischen Religionsunterrichts haben mit der Verschiedenheit zwischen Orthodoxie und Reform von Haus aus nichts zu thun. Das ganze ist zunächst eine rein pädagogische Frage und so gewiß schlechte Juden gute Musikanten sein können, so gewiß könnten gute Juden schlechte Pädagogen sein. Rabbiner Wetzlar war nun, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, ein sehr guter Pädagoge; dafür zeugen seine vortrefflichen Schüler, zu welchen gewiß auch der Correipondent aus dem Bez. Cassel zählt. Aber ihre Vortresflichkeit verdanken diese Schüler gewiß mehr Herrn Rabbiner Wetzlar, als dem Lehrbuch von Dr. Büdinger. Sicher ist, daß ich eine ganze Anzahl wackerer Männer kenne, die bei Herrn Rabbiner Wetzlar in alter Weise „gelernt" haben, selbstredend ohne Büdinger, und die noch heute im Sinne ihres Meisters leben und wirken. Dagegen kenne ich eine noch größere Zahl solcher, die ihre Religion aus dem Büdinger'schen Lehrbuch, aber nicht von Rabb. Wetzlar beigebracht erhielten, und auf diesem Wege nichts weniger als religiös wurden. Herr Rabbiner Wetzlar war eben

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