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Der Israelit · 1896-12-23 · Heft 102-103 (23.12.1896) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 102-103 (23.12.1896)
Date
1896-12-23
Page
– (sequence 17)
Language
German
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XXXTO, Jahrgang. Zweite Beil.;u M102 5-103 des „Israelit“. Leitender Artikel Weißer Lclavenhandel. Antwerpen, Ende Dezember. So beschämend es für unser hochcivilisirtes Europa auch sein mag, die Thaisache läßt sich nicht leugnen, daß ein Gewerbe besteht, welchem man mit Recht diesen Namen gegeben hat. Es besteht darin, daß gewissenlose Händler junge ehrbare Mädchen unter Vorspiegelungen aller Art in fremde unbekannte Länder locken, sie dort an öffentliche Häuser verkaufen und sie so dem sittlichen und körperlichen Untergang preisgeben. — Das Interesse, das eine jüdische Zeitung daran hat, von diesem Schandfleck unserer Cuitur besonders Notiz zu nehmen, beruht in dem Umstande, daß judenfeindliche Blätter nicht müde werden zu behaupten, die in Rede stehenden Händler seien ausnahmslos oder doch zum großen Theile Juden. Da der hiesige Ort ein Hauptstapelplatz für die Verschiffung dieser unglücklichen Mädchen ist, so verfolgt man hier dieses schändliche Treiben mit besonderer Aufmerksamkeit. Wir können nun zu unserer lebhaften Befriedigung konstatiren, oaß diese Behauptung in dieser Allgemeinheit nicht den Thats chen entspricht. Es soll nicht geleugnet werden, daß unter diesen Kupplern sich auch leider viele Juden befinden, aber dieselben sind doch nicht in der Weise bei diesem Verbrechen betheiligt, wie in den genannten Blättern fälschlicher Weise behauptet wird. Wenn es auch eine Schmach für die Bekenner des Judenthums bleibt, wenn auch nur ein einziger von ihnen sich unter dieser Verbrecherbande befindet, so haben doch unsere antisemitischen Arier keinen Anlaß Steine auf uns zu werfen, so lange sie selber in einem gläsernen Hause wohnen. Nicht nur deßhalb, weil ihre arischen Stammesgenoffen es sind, aus welchen sich das Contingent dieses Mädchenraubes ebenso sehr wie aus Semiten rekrutirt, sondern auf Grund von Erwägungen, wie sie auf dem SitilichkeitSkongreß zur Sprache kamen, der am 16. Sept. d. I. in Bern abgehalten wurde und sich mit diesem Gegenstand beschäftigte. Dort, wo an der Hand unparteiischer Akten dieses unliebsame Thema behandelt wurde, erhält die Angelegenheit eine ganz andere Färbung. Besonders eingehend behandelte den Gegenstand bei diesem Anlaß ein Vortrag des Herrn Prof. Dr. Hilty in Bern. An der Hand eines reichen Aktenmaterials werden im ersten Theil dieses Vortrags die Tyatsachen konstatirt, wie sie sich in verschiedenen Ländern geltend machen. Es werden dann die Mittel erwogen, welche anzuwenden find, um diesem Unwesen zu steuern und betont, daß dieselben keine Hoffnung auf einen durchschlagenden Ei folg gewähren. Einen Erfolg offizieller, allgemeiner Maßnahmen verspricht der Redner sich erst, wenn die sittlichen Anschauungen der großen Masse eine Wendung zum Befferen erfahren haben. Was der Redner nach dieser Seite hin bemerkt, ist leider auch für viele unserer modernen Juden und Jüdinnen von so akutem Interesse, daß wir es uns nicht versagen können, die diesbezüglichen Aeußerungen wörtlich zu citiren: „Zunächst besteht noch vielfach und in allen Kreisen der Gesellschaft eine Art von ..naturwissenschaftlicher" Auffassung, wonach diese Unsauberkeit etwas Natürliches, Menschliches, „allzu Menschliches" vielleicht, sein soll, das man aber nicht ändern kann, vielleicht nicht einmal soll. Hier wende ich mich nun direkt an die Damen, die dieser Anschauung vielfach huldigen und ihr dadurch zu einer An von gesellschaftlicher Anerkennung verhelfen. Nicht für sich selbst huldigen sie ihr, bewahre, das würden sie mit Entrüstung von sich abweisen; auch nicht für ihre Fräulein Töchter, die sie in ganz anderen Grundsätzen erziehen» aber oft für ihre Herren Söhne. Daß diese durch eine Art von Schlammbad hindurchmüssen, um dann angeblich spater um so „rangierter" zu werden, das ist ein weitverbreiteter Aberglaube. Ein sehr großer Jrrthum, einer der größten unserer Zeit, der einen Theil der Uebel, an denen die Welt jetzt leidet und woran ganze Völker sichtlich zu Grunde gehen, mehr als alles Andere verschuldet. Belastete, nervöse, geist.s- und körperschwache Kinder, denen man keine rechte geistige und körperliche Anstrengung mehr zumuthen darf, eine völlige Abnahme von moralischer Kraft und idealer Gesinnung bei ganzen Nationen, das stammt alles aus dieser Quelle. Denn die Gesetze des Menschenlebens lassen sich nicht folgenlos verletzen und wenn jemals Lohn und Strafe der That unerbittlich aus dem Fuße folgt, so ist es in diesem dunkeln Gebiete. Eine geknickte ideallose Jugend, ein kränkliches Alter und den Verlust der allerbesten Freuden des Lebens, das alles verschaffen Sie Ihren Söhnen, wenn Sie dieser Meinung sind. Mit großer Wahrheit sagt eine „Heldin" eines sehr modernen Romans am Schlüsse desselben, „sie habe sich das Laster doch amüsanter vorgestellt, als es sei." Das Nämliche sagen (oder denken wenigstens) >iele Tausende von jungen Männern und sie danken der Nachsicht ihrer Mütter ein halbverdorbenes Leben, das bei den besten von ihnen mit Gewissensbissen beschwert ist, indem sie dadurch auch noch die Verderber Anderer geworden sind. Nicht als ob hier die Sühne nicht möglich wäre; das sei fern von uns, so etwas zu behaupten, das wäre das Entsetzlichste, wa« es geben könnte. Sühne ist immer möglich und für Alles; es wird Keiner „hinausgestoßen , der umkehren will; das menschliche Leben wäre ohne diesen Grundgedanken gar niä t erträglich. Aber das Gleiche ist es dennoch nicht, wie von vornherein in einer Sache tnn rechten Weg gegangen zu sein. — Die Macht des Bösen, dessen wirkliche Natur wir eigentlich gar nicht kennen, gehl nicht spurlos an uns vorüber, auch wenn der Mensch sich feiner Gewalt wieder entringt; sie läßt von ihrer Berührung Narben zurück. Es kann eine geringere oder größere Kränklichkeit alles edleren geistigen Lebens

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