Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 102-103 (23.12.1896)
- Date
- 1896-12-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448608-2448702--43053-2492084- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1958 Bürgschaft für die treue Aufrechterhaltung der Thora in ihrem Kreise. Unsere sogenannten „Frommen", die zwar für sich fromm sind, aber für den religiösen Verfall ihrer Umgebung, ihrer Gemeinde, ihrer eigenen Familie nur Klagen und Seufzer haben, diese D’pjx:: emo wie sie das Prophetenwort nennt, sind schlechte Garanten für die Ewigkeit der Thora. Sie müsien, vielleicht ihnen selber unbewußt, tief im Herzen das unerschütterliche Vertrauen, bereits eingebüßt haben, das sie noch äußerlich zur Schau tragen. Sie verfallen daher auf allerlei Mittel und Mittelchen, um der vermeintlich gefährdeten Gottessache nachzuhelfen, und von Gottes Thora zu retten, was noch zu retten ist. Während unsere großen Weisen uns lehren, einem pna in, zügellosen Zeiten gegenüber mit gesteigerter Gewissenhaftigkeit und Hingebung Gottes Gesetze zu erfüllen, reden diese „Frommen" gerade in solcher Zeit, der Nachgiebigkeit, dem Temporisiren, sowie Compromisien und Abmachungen der bedenklichsten Art das Wort. Sie meinen, heutzutage wäre schon viel erreicht, wenn man die Festtage nur halb begehe, wenn man statt Thora, wenigstens noch Religion lerne, wenn man die Schranken weiter rückt, die der Sabbat unserem geschäftlichem Leben zieht und vieles andere mehr. Sie würden alle diese Concessionen weit von sich abweisen, wenn sie von dem siegreichen Ausgang dcs Kampfes überzeugt wären, den der Geist der Thora mit dem Geiste der Zeit kämpft. Sie ahnen nicht, wie sie die Thora preisgeben, die sie mit solchen Quacksalbereien erhalten wollen, sie glauben noch mit ihrem Erwägen ^und Zaudern eine rettende That zu begehen, und haben in^Wirklichkeit das Heiligthum verrathen, für 'dessen intakte Erhaltung sie hätten bürgen sollen. Eine besonders beklagenswerthe Verirrung ist es vor allen, welche dieser Mangel an Vertrauen in die gute Sache zu Folge hat: Das Bestreben ihr durch Compromiffe, durch Fraternisiren und Evguettiren, mit den ihr seindl chen Elementen zu dienen —, statt sie offen und entschieden zu bekämpfen. Während David es ganz selbstverständlich findet, „diejenigen zu Haffen, die Gott Haffen und mit den Widersachern des Göttlichen zu hadern" hat Vater Jrzchak Esaw geliebt. Wohl mag diese Liebe gegen sein Gottentfremdetes Kind nicht Connivenz und Schwäche, sondern edlen Motiven entsprungen sein. Wir können es dem greisen, seines Augenlichtes beraubten Vaters Nachfühlen, wenn er glaubte die Besserung und Wiedergewinnung seines entarteten Kindes für das Abrahams-Erbe leichter durch hingebende Liebe als durch abweisende Strenge zu erreichen. Dazu kommt, daß dem erblindeten Vater die ganze sittliche Verworfenheit^ seines erstgeborenen Kindes wohl nicht einmal in ihrem vollen Umfange bekannt war. Aber diese Schwäche, welche die Welt als Tugend, Toleranz und Nachgiebigkeit feiert, qualificirt den von ihr Beherrchten schlecht zum Bürgen für die Aufrechterhaltung der Thora. In Wirklichkeit ist durch dieses Paktiren mit Gottentfremdeten Kreisen noch niemals der guten Sache gedient worden. Dagegen hat sie sich überall als schädlich und wenigstens als gefährlich erwiesen, »ett «12a1? ■ainon bz Alles Reine, was sich mit Unlauterem verbindet, büßt viel leichter seine eigene Reinheit ein, als daß es sie auf Unreine überträgt. Israel hat seine Reinheit seiner Jsolirung, seiner Fernhaltung von allem zu verdanken, was seine Lauterkeit zu beeinträchtigen vermag. Will es wirklich der Bürgschaft für Aufrechterhaltung seiner Thora gerecht werden, dann kann es aller dieser widernatürlichen Allianzen entrathen und muß nöthigenfalls auf sie verzichten können. Wer mit den Feinden Gottes liebäugelt, gemeinschaftlich mit ihnen Vereine, Gemeinden und gemeinnützige Bestrebungen unterhält, der gehört nicht unter die Bürgen, denen Gott die Aufrechterhaltung seiner Thora anvertraut. Diese hohe Schätzung des Einflusses, der materiellen Bedeutung gesetzeshöhnender Majoritäten und die geringe Meinung von der eigenen Kraft kann soweit führen, daß sie mit Vater Jakov spricht: „Mein Wandel ist vor Gott verborgen, und mein Recht geht vor tneinem Gotte dahin!" (Jesaja Cap. 40, V. 27.) Jakob und das Volk, welches seinen Namen trägt, rnöchten ihre hinfällige Schwäche oft an Gott und seiner Wallung irre werden lasten. Und doch hat sich die innere Kraft des Jakobstammes niemals glänzender bewährt, als im empfindlichsten Mangel an rnaterieller Macht. Wenn die Saaten nur langsam reifen, die seine schwache Hand in den Acker der Menschheit gestreut, so ist es menschlich gedacht, erklärlich, wenn Unmuth und Verzweiflung das Vertrauen aus Gott und seine gute Sache erschüttern. Aber diejenigen, die Gottes Wort durch alle Zeiten und Zonen zu tragen berufen sind, dürfen ihre Mission nicht mit dem menschlichen Blicke beurtheilen, der nur an der Außenseite der Erscheinungen haftet, und nicht weiter sieht als das schwache Menschenauge reicht. Dieser Kleinmuth vermag Gottes Sache nicht durch die Jahrtausende zu tragen und ihr zum Siege zu verhelfen. Dieser Verzweiflung tritt das Prophetenwort (Jesaja idiä.) mit den Worten entgegen: „Hast Du es nie erkannt, nie erfahren: Ein Gott der Ewigkeit ist Gott, er schafft die Enden der Erde, er ermüdet und ermattet nicht, unerforschlich ist seine Einsicht, er gibt dem Müden Kraft, und dem Machtlosen mehrt er das Selbstbewußtsein. Mögen auch Knaben ermüden und Jünglinge wieder und wieder straucheln. Die auf Gott hoffen, gewinnen