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Der Israelit · 1896-12-23 · Heft 102-103 (23.12.1896) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 102-103 (23.12.1896)
Date
1896-12-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1955 V. In seinem bequemen Fauteuil ruhte Herr Jacques, weiland Jankel Goldberger in dem Privatkabinet seines Comptoirs und war in die Lectüre der „Neuen Freien Presse" vertieft. Obwohl im Besitz noch ganz guter Augen, hatte er sich eine Brille zugelegt, weil er von verschiedenen Leuten gehört hatte, daß sie viel besser mit, als ohne Brille lesen konnten. Das Studium der großen Zeitung nahm den ganzen Vormittag bis zur Börsenzeit in Anspruch. Aus alter Liebe für Lumpen, Knochen, altes Eisen u. dgl. suchte er in dem Jnseratentheil erst die Parthieen auf, in welchen diese Gegenstände gesucht oder angeboten wurde, ohne daß er je etwas in diesem Artikel gekauft oder verkauft hätte, seitdem er in Wien lebte. Dann erst studirte er die übrigen Annoncen und zuletzt den Kurszettel, in dessen Wissenschaft ihn Feiwel, alias Ferdinand Seelenfreund eingeweiht hatte. Auch in die Börse hatte derselbe Jankel eingeführt. Mit seinem gesunden, praktischen Sinn hatte dieser sich in dem Tumult leichter zurechtgefunden, als sein Compagnon selber glaubte. Das ganze Börsengeschäft der Herren Jacques Goldberger und Comp, bestand in Speculationen für eigene Rechnung oft der waghalsigsten Art, die aber alle so vollständig glückten, daß längst vor Verlauf eines Jahres Jankel „seine" 300,000 Gulden beisammen hatte. Aber er hatte sie nicht allein. Der Compagnon und Rathgeber hatte die Hälfte und dieser Umstand machte Jankel viele Sorgen. Da er ihm unentbehrlich war, so konnte er ihn nicht fortschicken, aber er war ein theuerer Compagnon und doch konnte er ihn nicht missen. Da kam Jankel auf den genialen Einfall, Feiwel zum Schwiegersohn zu machen. Seine Malko war inzwischen zur schönen Jungfrau herangewachsen und die jungen Leute sahen sich gern und verkehrten mit einander. Gitel hatte zwar einige Bedenken gegen diese Verbindung. Ihrem Scharfblick war es natürlich nicht entgangen, daß Feiwel im Herzen der Väterreligion nicht die unverbrüchliche Treue bewahrt hatte, die er im Verkehr mit der Familie zur Schau trug. Er hatte sich einmal, ohne sich vorher die Hände zu waschen, zu Tische gesetzt und hätte ohne Kopfbedeckung gegessen, wenn man ihn nicht noch rechtzeitig daran erinnert hätte. In Wirklichkeit sührte Feiwel ein ausschweifendes Leben, und legte sich nur in der Familie Goldberger den Zwang aus, alle Vorschriften zu beobachten, die das Religionsgefetz vorschreibt. Als man ihm eines Abends Malko's Hand anbot, schützte er erst seine Jugend vor, erbat sich einige Tage Bedenkzeit und ging dann selbstredend mit großer Bereitwilligkeit auf den Antrag ein. Von dem Augenblicke der öffentlichen Proclamirung Feiwels als Schwiegersohn, ließ er von Tag zu Tag mehr die Maske fallen, welche sein unreligiöses Leben und Treiben bis jetzt verhüllte. Er miethete eine Wohnung im Prater und erklärte auf das Entschiedenste, daß seine Malko, die nun auf den Namen Amalie hören mußte, ihr Haupthaar nicht nach jüdischer Frauensitte verhüllt tragen dürfe. Das würde ihm den Verkehr mit seinen Freunden unmöglich machen und seiner Frau alle höhere, gebildetere Kreise für immer verschließen. Die Trauung mußte Jellinek vollziehen, obwohl Jankel inzwischen erfahren hatte, daß dieser Rabbiner in ostentativer Weise das Judenthum untergrabe, das ihm so hoch und heilig dastand, weil er es von seinen Eltern so überkommen hatte. Auf die Söhne hatte das Beispiel Feiwels schon längst demoralisirend gewirkt. Hinter dem Rücken der Eltern hatte er ihnen klar gemacht, wie die Religion, die sie von U. mitgebracht hatten, für dort ganz gut und berechtigt sei. Hier in Wien stelle man andere, höhere Ansprüche an die Menschen. Er rieth ihnen aus Schonung für die Eltern, diesen nichts von der neuen Offenbarung mitzutheilen, sondern äußerlich so zu leben, wie sie es bisher gewöhnt waren. Aber außer dem Hause seien sie freie Menschen und die beschränkten Anschauungen der Alten zu Hause sollten ihnen nicht die Freude am Genuß des Daseins vergällen. Diese Lehren fielen auf leider nur zu fruchtbaren Boden und machten aus den hoffnungsvollen Jünglingen, heuchlerische Gecken, die voll Verachtung auf ihre würdigen Eltern blickten, sich selber dagegen für ungemein gebildet und fortgeschritten dünkten. Jankel und Gitel duldeten seufzend bei ihrem Schwiegersohn, was sie nicht ändern zu können glaubten. Als die Hochzeit gefeiert war, ließ Feiwel den letzten Rest von Rücksicht fallen. Er verspottete nicht nur das Religionsgesetz, sondern auch seine Schwiegereltern, vernachlässigte seine Frau und führte sein ungezügeltes Leben fort, wie er es früher gethan hatte. — In seinen geschäftlichen Unternehmungen war aber Feiwel so glücklich, daß selbst Jankel darüber stutzig wurde. „Wie kann ein Posche Jisroel (Abtrünniger), wie es leider unser Schwiegersohn ist, nur solches Glück haben?" sagte er oft seufzend zu seiner Frau. Diese schüttelte bedenklich das Haupt und meinte es könnte kein Segen darin sein. „Er geht an Schabbos auf die Börse, ich habe ihn am Schabbos schreiben, rauchen und Briefe schreiben sehen, das kann auf die Dauer nicht gut thun. Wre das enden wird, ich weiß es nicht; ich möchte den Mund nicht zum Bösen öffnen, aber gut kann das nicht enden." Aber das Geschäft ging über Erwarten gut. Die Söhne waren herangewachsen und hatten die Schule verlaßen. Sie sollten in ein Geschäft eintreten und der Schwager hatte ihnen auch bereits ein solches ausfindig gemacht. Aber sie mußten daselbst den Sabbat entweihen. Mit aller Entschiedenheit legten die Eltern dagegen ihr Veto ein, aber

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