Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 101 (17.12.1896)
- Date
- 1896-12-17
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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1942 den Titel: Die Gründung der israelitischen Neligionsgesellschaft zn Frankfurt a. M. und ihre Weiterentmickelung bis zum Jahre 1876. Schwarzschild schildert in dieser Schrift, die er in seiner großen Bescheidenheit nur als Manuscript hat drucken lassen, um sie einzelnen Gesinnungsgenoffen und Freunden zur Verfügung zu stellen, die Entstehung der ReligionSgesellschaft von ihren allerersten Anfängen an, wie der Keim zu ihr in der Hauptgemeinde selbst gelegt wurde, wie die Frommen in die Nebenschulen flüchteten, wie die Ankunft des Herrn Baron Willy v. Rothschild '"a ermunternd und erhebend auf alle Gesetzestreuen eingewirkt hat, u. s. w. u. s. w. Es liegt nicht in unserer Absicht, auf den Inhalt der Broschüre heute näher einzugehen, werden doch gerade gegenwärtig im „Israelit" von Meisterhand diese Vorgänge uns vor Augen geführt; aber zwei Dinae können wir uns nicht versagen, aus dem Werke Schwarzschilds hier wiederzugeben, sie zeigen einerseits, wie eng die Thätigkeit des Entschlafenen mit dem Geschicke seiner Gemeinde verknüpft war und wie andererseits er aber auch die Fähigkeit besaß, die seiner Vorstandschaft anvertraute Kehilla auf die Wege des Wohles und des Gedeihens zu führen. Das Eine, das wir ineinen, ist sein Einfluß auf die Schechitaverhältniffe, und das Andere sein Plan zur Vergrößerung der Synagoge. Laffen wir nunmehr Schwarzschild selbst sprechen: Zu den Funktionen einer jeden Gemeinde gehört auch die Sorge für die Beschaffung von Koscherfleisch. Das war aber in Frankfurt mit großen Schwierigkeiten verbunden. Die Schilderung derselben zwingt mich, etwas weiter auszuholen. Erst im Jahre 1864 wurde hier die Gewerbefreiheit eingeführt, bis dahin herrschte Zunftzwang. Auch die christlichen Metzger durften nicht so viele Ochsen schlachten, wie es ihnen beliebte, sondern je zwei Metzger durften zusammen wöchentlich drei Ochsen schlachten; die jüdische Gemeinde hatte das Recht, wöchentlich zehn oder elf Ochsen schlachten zu lassen. Dieses Recht hatte dieselbe an sieben jüdische Metzger verpachtet, es durften daher je zwei jüdische Metzger gleich den christlichen, drei Ochsen schlachten. Dieses Fleischquantum genügte jedoch nicht für den Bedarf der auf Koscherfleisch reflectirenden Familien. Der Mehrbedarf wurde von den jüdischen Metzgern von den christlichen zum Verkaufspreis in ganzen Vierteln bezogen, und zwar nicht von ihnen beliebigen Metzgern, sondern von der Innung der Reihe nach; man konnte daher im Voraus wissen, welche Metzger in der folgenden Woche die Lieferung an die Juden haben. Das wurde von so manchen christlichen Metzgern ausgenützt. Von den drei Ochsen, welche zwei von ihnen zusammen kaufen dursten, waren zwei gute Ochsen, während häufig der dritte, für die Juden bestimmte, ein sogenannter „Judenochs*, ein schlechter, hochbeiniger u d daher, trotz seines hohen Gewichts, billiger war. Von diesem minderwerthigen Ochsen mußten die Juden die zwei Vorderviertel zum Ladenpreis nehmen; während die Hinterviertel, die an und für sich weniger Knochen enthalten, in Gemeinschaft mit den beiden guten Ochsen ohne Beanstandung an die nichtjüdische Kundschaft angebracht werden konnten. Die jüdischen Metzger hatten daher dreifachen Nachtheil. Erstens mußten sie den Ladenpreis bezahlen, dann wurden ihnen die Viertel warm zugewoge», wahrend beim Aushalten, das erst nach der Erkaltung vorgenommen werden konnte, sich ein Mindergewicht ergab, und endlich und hauptsächlich erhielten sie für ihr gutes Geld möglichst schlechte Maare. Die jüdischen Metzger, die doch von ihrem Geschäfte leben und zudem die Pacht an die Gemeinde bezahlen mußten, suchten ihren Vortheil darin, daß sie selbst die schlechtesten Ochsen kauften, die auf dem Markte waren; die weniger Knochen enhaltenden Hinterviertel suchten sie dadurch an Christen oder an nicht auf Koscherfleisch reslectirende Juden anzubringen, daß sie dieselben etwas unter dem Jnnungspreis abgaben. Es ist natürlich, daß auf diese Weise die jüdischen Consumenten daS schlechteste Fleisch erhielten. Nicht besser sah es in Bezug auf das Kaschruth aus. Von den sieben Metzgern waren fünf irreligiös und daher nicht vertrauenswürdig, nur zwei waren religiös. Noch schlimmer war es mit den bestellt. Von den beiden Schächtern, Söhne der früheren O’BnitP, frommer, hochachtbarer Männer, war der Eine irreligiös, der Andere energielos. Es war alles zusammengenommen, eine verlotterte Wirihschast, welche dringend der Abhülfe bedurfte. Da man wohl wußte, daß von dem Gemeindevorstand eine Aenderunq nicht zu erwarten war, wandte man sich an den Senat, mit der Bitte, der Religionsgesellschaft die Aufsicht zu übertragen. Der Referent, Senator Dr. Müller, gab Hoffnung, vertröstete aber von Dienstag auf Dienstag, da nur an diesenr Tage eine Senatssitzung stattfand. Endlich erfolgte eine ablehnende Antwort. Auf Ermunterung des Referenten wandte man sich wiederholt an den Senat; unser Antrag wurde jedoch nicht allein abgeschlagen, wir wurden zur Ruhe vermiesen. Ich hatte ein anderes Resultat nicht erwartet und machte daher zunächst dem Herrn Rabbiner den dahin gehenden Vorschlag, das Fleisch von der Metzgerinnung, zu den gleichen Bedingungen wie die jüdischen Metzger. in ganzen Vierteln zu beziehen, nachdem solches durch einen von uns anzustellendcn Drw geschachtet worden, bas dergestallt bezogene Fleisch durch einen von uns anzustellenden Metzger aushauen und einen Kreuzer über die Taxe an unsere Mitglieder verkaufen zu lass n. Herr Rabbiner H>rsch erklärte sich mit diesem Vorschlag einverstanden: auch unser Vorstand stimmte zu und war bereit, die Emrichtungskosten, sowie einen etwa nöthig werdenden jährlichen Zuschuß zu bewilligen, jedoch nur unter dem Vorbehalte, daß die Frauen der Religionsgesellschaft sich mit der Erhöhung des Preises um einen Kreuzer einverstanden erklären. Es war daher nöthig. die Damen zu befragen. Herr Jacob Moses Kann, ein sehr würdiger älterer Herr, erklärte sich bereit, mit mir Umfrage bei den Damen zu halten. Zu unserer Freude wurde das Project auch von ihnen günstig beurtheilt, fast eine Jede war in Conflict mit ihrem Metzger und wollte gern einen Kreuzer mehr bezahlen, wenn ihr eine andere Bezugsquelle geboten wurde. Auf diese Weise stellte sich ein Wochenbedarf von über 3000 Pfund heraus. Das war genügend, um darauf weiter vorzugehen und in Unterhandlung mit der Metzgerinnung zu treten. lieber die Synagogenerweiterung äußert sich Schwarzschild: Wie die Lokalitäten der Schule für die gesteigerte Schülerzahl nicht mehr ausreichten, so wurde auch die Synagoge für die vermehrte Zahl der Beter ungenügend; man mußte sich entschließen, sie zu vergrößern, obgleich solches nur durch Bebauung des Schulgartens geschehen konnte. Lange Jahre suchte man sich zu behelfen, allein das Bedürfniß wurde so stark, daß keine Wahl blieb und 1872/73 zu einem Vergrößerungsbau der Synagoge geschritten werden mußte. Dagegen mußte der Turnunterricht der Schule in einer Turnhalle der Ostendstraße ertheilt werden, deren Mitbe-