Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 101 (17.12.1896)
- Date
- 1896-12-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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lichkeit und der entschiedensten Reologie. Mochten immerhin die Einen von seinem weiten Blicke und seiner offenen Geradheit sich nicht selten nnvermuthet überrascht fühlen, die Anderen ihn wegen seiner angeblichen „Unwissenschaftlichkeit" in die Acht thun, die Dritten endlich, während sie aus ihm schöpften, der Weltverkünden: „Hirsch hat doch keine Schulegemacht!" — sie alle merken nicht, daß sie, die Schöpfenden, wenn auch unbewußt und zum Theil wider Willen, durch Verbreitung so vieler von Hirsch ausgestreuter Saaten nach allen Richtungen der Windrose, die sie in ihren divergirenden Bestrebungen vertreten, selbst der Schaffung dieser Schute Vorarbeiten. Denn es kommt die Zeit, wo die Schüler den Lehrer nicht mehr verleugnen, vielmehr mit vollem Verständniß und dankerfüllter Anerkennung an dem Studium seiner Werke sich zur Klarheit und damit zur Entschiedenheit emporarbeiten und von der traurigsten Krankheit, der alles in seinem Lebensmarke angreifenden Halbheit, gesunden werden. Und was vom gesprochenen, das gilt, wenngleich mit einiger Einschränkung, auch vom geschriebenen und gedruckten Worte. Diese tiefe Forscherarbeit war jedoch weit davon entfernt, seinen Blick von den Tagesereignissen abzuziehen, namentlich von den Erscheinungen, die eine Schädigung oder Gefährdung des gesetzestreuen Judenthums in sich zu bergen schienen. Von seinem Wirken für die Gesammtheit gilt in dieser Hinsicht dasselbe, was wir oben von seinem Wirken für die Religionsgesellschaft anführten: in der einen Hand die Kelle, in der anderen das Schwert, neben der schaffenden Thätigkeit des Aufbau's stets bereit zur Vertheidigung und zur Abwehr. Sein Auge war stets geöffnet, seinem Blicke entging nichts, und wo er eine Gefährdung erkannte, da gab es für ihn kein Ruhebedürfniß, da war er jugendlich frisch und stark bis in sein höchstes Alter, da zählte er nie die Gegner, noch kümmerte ihn ihre Macht, sondern stets trat er ein in den Kampf und signaltsirte die Gefahr, und riß dem vermummten und darum um so gefährlicheren Feinde die Maske vom Gesicht, und zwang den Schweigsamen zur offenen Erklärung oder nahm Akt von der Beredtsamkeit seines Schweigens, kurz er entfaltete jene rastlose, stets besonnene und auch in der wuchtigsten Polemik stets maßvolle Energie, die ihn, den tiefen Erforscher des Judenthums, zugleich zu seinem anerkannten, ewig siegreichen Vertreter und Vorkämpfer erhob. Im Hinblick auf beide Seiten seiner Thätigkeit — auf die wissenschaftliche Forscherarbeit, deren Ergebnisse er in seinen Werken auf den Altar seines Volkes niederlegle, und auf die nicht minder wissenschaftliche, jedoch mehr polemisch-kritische, mit der er sein Volk vor der Scheinwiffenschaft zu schützen oder für eine richtige Würdigung bedeutungsschwerer Erscheinungen zu gewinnen suchte — ist der Ausspruch sicherlich ein vollberechtigter: Wenn es je einen Mann gab, —und unsere große Vergangenheit ist wahrlich nicht arm an solchen Männern — der, bei aller treuen Hingebung an die Förderung seines engeren Kreises, gleichzeitig stets der Gesammtheit angehört und für sie gewirkt und gestrebt, gesorgt und gekämpft, geforscht und geschaffen hat: so war es Samson Raphael Hirsch. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Höxter a. W, 15. Dez. Herr Dr. Gerson Lange in Hannover wurde als Rabbiner, mit dem vorläufigen Sitz in Borken (Wests.), von dem „Verein zur Wahrung der religiösen Interessen des Jndenthums in der Provinz Westfalen" berufen. Herr Dr. Lange •»"j hat diese Berufung angenommen. (Wir gratuliren denl Verein auf das Innigste zu dieser vortrefflichen Wahl. Red. d. Jsr.) Aus Oberhefien. Der Sieg, wie ihn das orthodoxe Judenthum in der Provinz Oberheffen nach schweren Kämpfen errungen hat, hat beinahe sämmtliche Israeliten der Provinz freudig überrascht, und die Thatsache, daß die hessische Negierung in hochherziger Weise für die strengreligiösen Israeliten staatlich einen Rabbiner anstellt, besitzt eine Bedeutung von nicht zu unterschätzender Tragweite. Dieselbe hat auch demgemäß alle gesetzestreuen Glaubensgenossen unseres Vaterlandes in eine sreudige Erregung versetzt. Die Reform hat alle Mittel angewendet, die Anstellung eines frommen Rabbiners zu Hintertreiben. Sie schilderte die frommen Juden als Menschen, die mit dem Staatswohl in Widerspruch stehen. Mit Gewalt sollte ein Rabbiner bestellt werden, der genau dieselbe Richtung einnimmt, wie Herr Dr. Levi, und als 65 Landgemeinden sich für einen streng-religiösen Rabbiner erklärten, machte die Reform bei der Negierung den Einwand, daß das Land gar nicht mitzureden habe, da die Städte Gießen und Friedberg weit höhere Lasten trügen und diese allein das Bestimmungsrecht hätten. Keinen andern wie einen Liberalen, war das Losungswort. „Wir brauchen keinen streng-religiösen Rabbiner, Orgel und Reform ist unsere Devise und wir bestehen auf unserer Meinung." Aber Gott, der das Herz der Fürsten und ihrer Räthe lenkt, hat hier alles zum Guten gewendet. Die hohe hessische Negierung ist zur Ueber-