Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1896-12-17 · Heft 101 (17.12.1896) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 101 (17.12.1896)
Date
1896-12-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2448608-2448701--43027-2492057
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

XXX Tn. Ihrgang. Erste Keilage zu M 101 des „3atnelit“, Leitender Artikel. Snmfon Rs-Hirl Kirsch mid Me Br«MschrKrlWWksr»sch«st juiFrnnhfnrt o.M. Von Director Dr. Mendel Hirsch. XV. Bisher haben wir von der Wirksamkeit Samson Raphaels Hirsch's gesprochen, soweit sie der Israelitischen Religionsgesellschaft zugewendet war, also von seinem Wirken als Rabbiner, als Direktor, als Verfechter und Vertreter ihrer Interessen nach außen und bei den Vorgesetzten Behörden. Und wahrlich weitreichend und bedeutungsvoll waren die Resultate dieser Wirksamkeit. Er hatte in der Religionsgesellschast eine Gemeinde geschaffen, die mit ihren Institutionen der jüdischen Welt in Wahrheit als eine Mustergemeinde gelten konnte. In einer Zeit des Abfalls und der Verständnißlosigkeit, des Kleinmuths und der stumpfen Gleichgültigkeit hatte er gerade an derjenigen ragenden Stätte, wo der Abfall die größten Triumphe gefeiert und die Thora der Verachtung und der Vergessenheit preisgegeben schien, dieser Thora, und zwar der unverkürzten und unverkümmerten, den Thron aufgerichtet, und hatte in einer Weise, die auch von den staunenden Gegnern Achtung erzwang, aezeigt, welche gewaltige, Leben weckende Kraft gerade dem von ihnen verkannten Gesetze innewohne, wenn dieses Gesetz in der Tiefe seiner Bedeutung erkannt ist und wenn dieser Geist des Gesetzes sodann seinen Verkünder und Vertreter hat, der ihn seinem Kreise zur Erkenntniß, und wäre es auch zunächst bei Vielen nur zum ahnenden Erfassen zu bringen vermag. So lange in der Religionsgesellschast dieser Geist des begriffenen, bewußten Judenthums seine Pflege findet, jenes Judenthums, das in jedem Culturfortschritt nur ein Aufgehen von ihm gestreuter Saaten erkennt und deßhalb von keinem Gegensätze weiß zu wahrer Bildung und wahrer Wissenschaft; solange vor Allem das jüngere Geschlecht in diesem Geiste herangebildet wird: so lange wird sie blühen und gedeihen und nie von dem Geschicke jener großen Gemeinden ereilt werden, die vor einem Jahrhundert auch alle aus dem Boden des gesetzestreuen Judenthums standen und dennoch den Schmerz halten, die jüngere Generation fahnenflüchtig werden zu sehen — ganz wie dieselbe Erscheinung auch in der Gegenwart bei unseren Brüdern in Ungarn und vielfach auch in Rußland sich vor unseren Augen wiederholt. Unter allen Umständen aber wird diese Schöpfung Samson Raphael Hirsch's in der Geschichte des Judenthums, d. i. die Erziehung Israels zur Höhe der Thora, eine leuchtende Stelle von unvergänglicher, vorbildlicher Bedeutung einnehmen. So gewichtig und über örtliche und zeitliche Umschränkung hinausragend aber auch diese Seite seiner Wirksamkeit war, so wird sie an Bedeutung doch übertroffen durch eine zweite Seite, die er in derselben Zeit entfaltete, und die wir deßhalb hier in einigen Hauptmomenten glauben kurz berühren zu sollen. Wir meinen die wissenschaftliche, die nimmerrastende Forschcrthätigkeit, deren Gegenstand das Judenthum in der Totalität seitles Gehaltes bildet, wie er in der mündlichen und schriftlichen Lehre, in dem biblichen und rabbinischen Schriftthum enthalten ist. Die Ergebnlsi. dieser Forschung hat er in einer Reihe von Werken niedergelegt, die mit den grundlegenden Werken seiner Jugend, den „Neunzehn Briefen", dem „Ehaurew" und den kritisch-polemischetl „Mittheilungen" in innigem organischen Zusammenhang stehen. Ihre volle Würdigung werden sie, namentlich was den fünfbändigen Eommentar zum Pentateuch betrifft, allerdings erst tu der Zukunft finden, — selten war ein Mann seiner Zeit mehr voraus — aber bereits in der Gegenwart sind sie in weitesten Kreisen unseres Volkes für die Verbreitung einer tieferen Erkenntniß des Judenthuius segensreich wirksam, weit mehr, als dies dem oberflächlichen Blicke sich darbietet. Es dürfte nämlich, mit freudiger Gcnugthuung sprechen wir es aus, nur wenig Autoren geben, die in jüdischen Kreisen mehr benutzt und weniger citirt werden, als Samson Raphael Hirsch. Denn wenn es auch Vielen an der nöthigen talmudischen. Anderen an der philosophischen Vorbildung, Vielen auch an dem wissenschaftlichen Ernste fehlt, um sich in das Studium des Pentateuch-Commentars zu vertiefen, so enthalten seine Werke doch zugleich eine solche geradezu unerschöpfliche Fülle herrlicher Ausführungen, in denen Resultate dieser Forschung, jedes gelehrten Nachweises entkleidet, zugleich in so vollendet schöner Form dargeboteu werden, daß sie sofort für Jeden zu fassen und zu verwenden sind. Zahllos sind die Kanzeln jeglicher Richtung, auf denen seit Decennien s.Y.v, Hirsch gepredigt wird. An diesen! Brunnen steht der bildungsfrenrde, ja bildungsfeindliche Chassidismus collegialisch neben der sich spreizenden Wissenschaft-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.