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Der Israelit · 1896-12-17 · Heft 101 (17.12.1896) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 101 (17.12.1896)
Date
1896-12-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1931 -^-- -' - ,v^>'Y<>' Hamidrasch ging, machte er dort eine Bekanntschaft, die bedeutungsvoll für die Helden unserer Erzählung werden sollte. Ein junger Mann sagte Kaddisch nach beendetem Lernen und Jankel fuhr bei den ersten Lauten wie elektrisirt in die Höhe, denn die Stimme war ihm bekannt. Unwillkürlich tritt Jankel näher; nein, das konnte kein Jrrthum sein, das war Feiwel Seelenfreund, der einzige Sohn seines früheren Nachbars Nachmu Seelenfreund aus u. Der junge Mann mochte Jahre alt sein, trug einen tadellosen schwarzen Anzug und einen Flor um den Hut, ein Abzeichen, dessen Bedeutnng Jankel nicht verstatld. Aber Feiwels Eltern hatten noch vor einem halben Jahre gelebt und waren gesund uub neunter beim Abschied von U. Jankel hatte Niemanden in U. gesagt, daß er nach Wien übersiedele, sonst hätte er die Unannehmlichkeiten, denen er zu Hause aus dem 'Wege gehen wollte, auch in Wien gehabt. Deßhalb hatten ihm Reb Nochum und Frau auch keine Grüße an ihren einzigen Sohn, an ihren Feiwel Leben mitgeben können. Dieser war schon drei Jahre bei einem kinderlosen reichen Onkel in Wien, um das Geschäft ju erlernen und ihn wahrscheinlich später zu beerben. Er hatte zwar auch von dem fabelhaften Glück Jankel Goldbergers gehört, aber als er jetzt leibhaftig vor ihm stand, war er von diesenr unerwarteten Zusammentreffen so freudig und schmerzlich betroffen, daß sein glattrasirtes, abgelebtes Gesicht glücklich und wehnlüthig zugleich aufleuchtete, und daß nicht viel gefehlt hätte, daß er seinem alten, väterlichen Freunde vor allen Lentett unl den Hals gefallen wäre. Die beiden Freunde hatten sich viel zu erzählen. Sie eilten auf die Straße und Feiwel schlug Jankel vor, mit in eine Conditorei zu gehen; dort wollten sie sich einmal gründlich ausplaudern. Jankel, der zwar schon von Narrethei, Schotet mit Ei und verschiedenen anderen Eiern gehört hatte, wußte nicht, was eine Eonditorei für ein Institut ist, und hatte daher bei seinem Mißtrauen gegen alles Unbekannte wenig Gefallen an diesem Vorschläge. „Nein, Feiwel, wir gehen nach Hause, wie wird sich meine Frau und die Kinder mit Deinem Besuche freiten, so etwas ist utts in ben sechs Monaten noch nicht vorgekomtnen, in welchen wir hier wohnen." „Sechs Monate seid Ihr schon in Wien und ich weiß nichts davon ¥ Daß mir das nteine selige Mutter nicht geschrieben hat, für sie sage ich Kaddisch, sie ist vor 14 Xaqen gestorben." „Boruch Dajan Emmes!" rief Jankel bestürzt. „Ich habe Dich nicht fragen wollen, warunr Du Kaddisch sagst; aber mir hat natürlich nichts Gutes geahnt." Feiwel sah betroffen zu Boden. Wäre es nicht 'Nacht gewesen, so hätte eS Jankel nicht entgehen können, wie sein Begleiter über und über roth vor Schau, und Schmerz wurde. Feiwel war ein echtes Wiener Weltkind geworden. Die drei Jahre seines Wiener Aufenthalts hatten genügt, um die jüdische Erziehung vollständig abztlwerfen, die ihm Vater und Mutter mit so viel Hingebung 10 Jahre lang angedeihen ließen. Aber an der Bahre der Mutter hatte er sich's gelobt, das Trauerjahr für sie wenigstens gewissenhaft zil halten. Er hatte sich einen neuen Tatlis ultd nette Teffillin gekauft und besuchte seitdem früh ttttd spät das Gotteshaus, um für das Seelenbeil seiner Mutter Kaddisch ztl sagen. Als er heute so unerwartet Jankel traf, trat mit ihm seine ganze Jugend vor die Seele. Als ihn gar Jankel mit seinem alten, ächten jüdischen Namen Feiwel anredete, den er schon sofort nach seiner Ankunft in Wien gegen Ferdinand vertauscht hatte, da ging ihm eine Ahmtng von der Feigheit auf, die der Namenswechsel bedeutete, daß er vor Scham an der Seite dieses schlichten, ungebildeten Mannes in den Boden hätte sinken mögen. Aber es war nicht viel Zeit diesen Gefühlen nachzuhangen, denn schon hatte er mit Jankel dessen Wohnung erreicht und trat nun unter die überraschte Familie. War das ein freudiges Wiedersehen! Zumal laut getroffener Verabredung die Familie heute Abend noch nichts von dem Tode der Frau Seelensreund erfahren sollte, um eben die gegenseitige Freude durch keinen Schatten zu trüben. Feiwel war mehrere Stunden da geblieben und versprach bald wieder zu tommeu. Der Besuch hatte Feiwel besonders in seiner jetzigen, gedrückten Seelcnstimmuttg doppelt wohl gethan. Er wiederholte ihn oft und der Verkehr schien besonders für die Familie Goldberger ungemein vortheilhaft. Denn bei ihr begann nun ein neues Leben, in welches ne Niemand besser und rascher als eben Feiwel einführen konnte. Letzterer war aber in seine unjüdische, ausgeartete Lebensweise so tief versunken, daß die guten Regungen und Vorsätze zu einem besseren Lebenswandel bald wieder verflogen. Er hielt es im Gegentheil für eine rettende Thal, die reiche, aber ungebildete Familie ihres neuen Lebens recht froh werden zil lassen. Die letztere hatte keine Ahnung davon, daß Feiwel im Herzen und durch die That längst mit dem Judenthum und seinen Lebcnsvorschristen gebrochen hatte; sie vertrauten sich daher blindlings der Leitung des alten, neuen Freundes an. Mendel und Schmul hieße,t jetzt bald Manfred und Siegmund und Feiwel sorgte auch dafür, daß die Kinder im Religionsunterricht unterrichtet wurden, eine Disciplin, von der Jankel sowohl als Gitel so wenig eine Ahnung hatten, als von dem', was eine Eonditorei ist. Aber sie ließen Feiwel gewähren

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