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Der Israelit · 1896-12-17 · Heft 101 (17.12.1896) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 101 (17.12.1896)
Date
1896-12-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1926 Verbesserungsfähigkeit und Reformbedürfligkeit, also durch den Namen „Reform" verleugnet hatte, schreckte seine Gevattern und Tauspathen nicht zurück. Ihnen war dieser Name Stichwort und die Parole des Tages. Sie sorgten dafür, daß Bildung, Gesittung, Fortschritt und Aufklärung in der öffentlichen Meinung als die unzertrennlichen Beigaben des Reformjudenthums gelten. Wer öffentlich verbotene Speisen aß, galt als gebildet, wer am Sabbat seinem greisen Vater den Dampf der brennenden Cigarre ins Gesicht blies, war aufgeklärt, die Gemeinde, welche sich den Luxus von Orgel, gemischten Chöre und Prediger mit Tatar und BäffLen gestatten konnte, galt als fortgeschritten. Wer in Treue dem alten Judcnthum und seinen Satzungen anhing und seine Kinder dasür erzog, wer sein Geschäft, seinen Tisch, sein ganzes erwerbendes und genießendes Leben unter das Diktat des alten Gottesgesetzes vom Sinai her stellte, die Gemeinden, welche ihre Erbauung von keinem Blasebalg, ihre Andacht von keiner Kürzung und Streichung ihrer alten Gebete erwarteten, wurden als lichtscheu, muckerhast, buchstabengläubig kurz als — orthodox verfehmt und in der öffentlichen Meinung mit dieser Bezeichnung discreditirt. So und noch viel schlimmer standen die Dinge vor vierzig Jahren. Wohl rafften sich die 'vbv die erprobten, treu bewährten Führer zu gemeinsamen Kundgebungen auf, uni gegen diese Absetzung des einzigen Judenthums bei besonders flagranten Anlässen Protest zu erheben, aber von nachhaltiger Wirkung konnte eine solche sporadische Zurückweisung nicht sein. Die Neologie streute die Saat des Abfalls durch ihre Zeitungen allwöchentlich mit vollen Händen in die jüdischen Reihen und diese ging in so Schrecken erregender Weise auf, daß sie die wenigen guten Keime zu ersticken und zu überwuchern drohte. Wohl sah man in den Kreisen des gesetzestreuen Judenthums die Nothwendigkeit ein, der Presse des Abfalls eine solche für die Aufrechterhaltung des Judenthums gegenüber zu stellen, wohl fehlte es auch nicht an Versuchen nach dieser Seite hin, aber sie zeigten sich alle dem Kampf mit der Uebermacht nicht gewachsen. Die Zeitungen, die sich erkühnten den Handschuh aufzunehmen, welche die neologe Presse allwöchentlich dem alten jüdischen Heiligthum und seinen Bekennern hinwarf, konnten sich nicht auf die Dauer halten und mußten nach wenigen Jahren ihr Erscheinen einstellen. Es gehörte unter diesen ungünstigen Ausspicien kein kleiner Mnth dazu, es auf's neue zu wagen, den Feind mit seinen eigenen Waffen zu bekämpfen und oer neologen Presse ein ebenbürtiges jüdisches Organ entgegen zu stellen. Diesen Muth und das unerschütterliche Vertrauen auf Gott und seine heilige Sache besaß der Begründer des „Israelit" als er denselben vor nun 37 Jahren ankündigte. Cs war nur eine kleine Schaar, treuer bewährter Gesinnungsgenossen, welche diesen Muth und dieses rückhaltlose Gottvertrauen theilten. Wenn unsere Gegner die heilige jüdische Sache herabzuwürdigen glaubten, indem sie unser von den Vätern überkommenes Judenthum das orthodoxe schmähten, so nahm der „Israelit" diesen damals tiefverachteten, bestgehaßten Namen auf und bekannte sich vor aller Welt als „Organ des orthodoxen Judenthums." Er war und ist bis auf den heutigen Tag die einzige jüdische Zeitschrift, die das orthodoxe Judenthum unter diesem Namen vertrat und es zu Ehren brachte. Welche Umwandlung der jüdischen öffentlichen Meinung har sich seit den 37 Jahren vollzogen, in welchen der „Israelit" sich in den Dienst des Judenthums, des orthodoxen Judenthums gestellt hat! Wir verkennen gewiß nicht die unheilvollen Folgen des großen Abfalls von Gott und seiner Thora, dieser traurigen Hinterlassenschaft des Reformjudenthums und seiner verderblichen Irrlehren. Aber wir wollen auch nicht den Fortschritt verkennen, den das Wahre und Gute trotz aller Hindermsse und Erschwerungen dennoch gemacht und täglich deren mehr und mehr zu verzeichnen hat. Das offizielle Reformjudenthum ist todt. Es will heute Niemand mehr als Reformjude gelten, man hält dies fast für eine Art Injurie. Wenn es auch noch Leute, mehr als gut genug, gibt, welche als Reformjuden leben, den Namen Reformjuden wollen sie nicht mehr tragen. Es existirt nicht eine einzige Wochenschrift mehr, die offen erklärt, die Interessen des Reformjudenthums vertreten zu wollen. Diesen Abfall hat eine wunderbare, göttliche Nemesis erreicht! Er wurde inscenirt, angeblich um damit den Beifall der außerjüdischen Welt zu buhlen. Von dieser erwartete man, sie würden die sozialen, politischen Scheidewände zwischen Christen und Juden niederreißen, wenn wir erst die religiösen Schranken beseitigt hätten, welche uns von den Bekennern anderer Religionen trennen. Wie haben sie sich verrechnet! Der neu entflammte Judenhaß erklärt in allen Variationen, daß er nicht den treu ihren Väterglauben anhängenden Juden, sondern lediglich den Reformjuden gelte. So gewiß dieser Vorwand nur ein Vorwand ist, so gewiß der Judenhaß in Wirklichkeit seine Opfer nicht vorher auf ihre Rechtgläubigkeit prüft, um so charakteristischer ist der' Umstand, daß unseren Feinden die bloße Zugehörigkeit zum Reformjudenthum genügt, um darin die Berechtigung ihrer Abneigung gegen uns zu erblicken! Unter solchen Umständen gehört es nicht mehr zum guten Ton Reformjude zu fein. Diese Modereligion ist außer Mode gekommen. Die Zeit, der sie geschmeichelt, ist mit ihrem ehernen Schritt über

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