Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1896-12-14 · Heft 100 (14.12.1896) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 100 (14.12.1896)
Date
1896-12-14
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2448608-2448700--43011-2492040
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

1918 Geschichte, daß Großfürst Wladimir von Kiew, bevor er das damalige Rußland christianisirte, eine jüdische Deputation empfing, welche ihm die Lehren Moses erklärte. Ebenso besagt ein Ukas vom Jahre 1506, daß „Fürst Feodor Saroslawitsch die Bittschrift der Juden JeskoMeierowitsch, Pesach Jesofowitschund Abraham Ryschkowitsch genehmigte und den Juden von Pinsk Grund und Boden schenkte, um eine Synagoge und einen Friedhof zu errichten". Wie der Leser also sieht, sind in vielen Gebieten des heutigen Rußland die Juden die einheimische Bevölkerung, nicht aber die Russen. Von der ganzen Darstellung des offiziellen Buches ist nur das Geständniß des Minister-Comites von Interesse, wonach die russische Negierung von Alexander I. bis Alexander II. allerlei Maßnahmen ergriffen hat, um die Entfremdung und die Sonderstellung der Juden zu fördern. Wenn also sogar von Alexander I. bis Alexander II. die Entfremdung der Juden gefördert wurde, so kann man sich leicht vorstellen, wie groß diese Entfremdung war, welche die Regierungszeit Alexander's III. bewirkt hat. Es klingt deshalb wie ein Anachronismus, wenn die Judenfeinde und theilweise auch die Regierung in Rußland die Juden als Fremdlinge proelamiren, welche ein abgesondertes und abgeschlossenes Leben führen und sich mit der einheimischen Bevölkerung nicht assimiliren wollen. Der nur knapp bemessene Raum gestattet uns nicht, die Mittel aufzuzählen, welche die Petersburger Regierung anwendete, um die Entfremdung und die Sonderstellung der Juden gewaltsam herbeizuführen; bemerken wollen wir jedoch, daß Graf Lauskoi, der erste Minister des Innern unter Alexander II., in seiner Denkschrift über die Erweiterung der Rechte der russischen Juden bittere Klage darüber führt, daß die Regierung selbst die Entfremdung und die Sonderstellung der Juden im Reiche herbeigeführt hat. Somit dürfte es Jedermann klar sein, daß es nicht der Wahrheit entspricht, wenn das Minister- Comitö in seiner Darstellung behauptet, die Juden seien ein nicht zu assimilirendes Element. Dagegen spricht auch die Negierungszeit Alexander's II. Der russische Finanzminister, Geheimrath Sergei Witte, hat beschlossen, in den Dörfern des Reiches Handwerker-Schulen zu errichten, um der bäuerlichen Bevölkerung die Möglichkeit zu geben, sachkundige Handwerker stets bei der Hand zu haben. Aufnahme in diese Schulen finden alle ohne Unterschied des Glaubens und des Standes, welche das Alter von 17 Jahren nicht überschritten und eine Volksschule absolvirt haben. Somit hat Finanzminifter Witte vielen armen jüdischen Familien die Möglichkeit gegeben, ihre Kinder in die Handwerker-Schule zu schicken, ein Wunsch, welchen die unbemittelten Juden in den Städten nicht verwirklichen konnten, weil auch auf die städtischen Handwerkerschulen die bekannte Verordnung über den Procentsatz der jüdischen Schüler ausgedehnt ist. Die humane Haltung Witte's den Juden gegenüber ist auf die Wahrnehmung zurückzuführen, welche dieser russische Staatsmann auf seiner letzten Rundreise durch das jüdische Niederlassungsgebiet gemacht hat. Er hat nämlich in Jekaterinoslaw einige jüdische Fabriken besucht und sich dort von dem Fleiße und der Geschicklichkeit der jüdischen Handwerker überzeugt. Er sagte sogar zu einem jüdischen Fabrikanten: „Sie verdienen, daß man Ihre Thätigkeit fördere; wenn Sie was brauchen sollten, schreiben Sie mir, ich werde Alles thun". Und Witte hielt Wort; er kehrte nach Petersburg zurück, mtb ließ das Project zur Gründung von Handwerker-Schulen ausarbeiten, um die Pforten dieser Lehranstalten auch den Juden zu öffnen. Heute feiert in Petersburg der Professor der semitischen Sprachen an der hiesigen Universität, Staatsrath Daniel Abramowitsch C h w o l s o h n, das fünfzigjährige Jubiläum seiner wissenschaftlichen Thätigkeit. Dieser berühmte Orientalist, welcher die Geschichte und Literatur der Juden mit werthvollen und epochemachenden Werken bereicherte, hat dem Judenthum und den Juden auch auf anderem Gebiete unvergängliche Dienste erwiesen, sodaß der Lebenslauf dieses Gelehrten allgemeines Interesse beanspruchen dürfte. Als Sohn eines armen Juden wurde Chwolsohn am 31. November 1819 in Wilna geboren. Im Alter von 18 Jahren galt er bereits als Autorität auf dem Gebiete des Talmud und der rabbinischen Literatur. Drei Jahre später, während welcher Zeit Chwolsohn ohne Lehrer Deutsch, Französisch und Russisch vollkommen erlernte, finden wir ihn in Breslau, wo er die classischen Sprachen studirte, um 1844 die dortige Universität zu beziehen. Hier verblieb er bis Ende 1848, um zwei Jahre später der Leipziger Universität seine erste Arbeit: „Die Sabier und der Sadismus" zu überreichen. Dieses Werk, das hauptsächlich auf Grund von arabischen Handschriften aus der Wiener Bibliothek verfaßt wurde, lenkte auf Chwolsohn die Aufmerksamkeit des damaligen berühmten Orientalisten Fleischer, welcher der Petersburger Akademie der Wiffenschaften empfahl, diese Arbeit auf ihre Kosten in Druck zu legen, da sie einen Schatz der Weltliteratur bilde. Chwolsohn, der für seine Arbeit von der Leipziger Universität das Doctordiplom erhielt, wurde im Jahre 1851 nach Petersburg berufen, wo er im asiatischen Museum der Akademie der Wissenschaften fünf Jahre arbeitete, um 1856 das erwähnte Werk in völliger Umarbeitung erscheinen zu lassen. Die damalige Petersburger Regierung erkannte alsbald den wissenschaftlichen Werth Chwolsohn» und ernannte ihn Ende 1856 zum Professor der orientalischen Sprachen an der Peters-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.