Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 100 (14.12.1896)
- Date
- 1896-12-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1014 dieser beklagenswerthen Lage, bei deren Bericht man schon schaudert, am besten abhelfen könne, eröffnete unser Oberrabbiner noch während der Sitzung eine Subskription, deren Ertrag sofort für Lebensmittel verausgabt wurde. Diese wurden von einigen Mitgliedern der Begräbnißbrüderschaft unter die Betheiligten vertheilt. Der Gemeindevorftand, Herr Rahpael Aensur, stellte den Antrag, daß jede wohlhabende Familie während der Festtage eine mittellose, vom Unglück betroffene Familie bei sich aufnehmen solle. Dieser Antrag wurde mit Beifall angenommen und sogleich in der gastfreundlichsten Weise ausgeführt. Einige mildthätige Leute kamen auch auf den glücklichen Gedanken, auf dem Friedhofe Zelte für die Obdachlosen aufzuschlagen. Tief bewegt von dem schrecklichen Unglück, das unsere armen Glaubensgenossen in Fez betroffen hat, hat die Gemeinde von Seffru, die zwar selbst arm ist, einen glänzenden Beweis ihrer Mildthätigkeit gegeben und 500 Franken zur Unterstützung gesandt. > vermischtes. < Londorf, 9. Dez. Bei der im Reichstagswahlkrcis Gießen kürzlich stattgehabten Stichwahl zwischen dem Antisemiten und dem Sozialdemokraten ließen sich die isr. Wähler im benachbarten Kesselbach derart von dem Bürgermeister daselbst einschüchtern, daß niemand derselben seine Stimme abzugeben wagte und der Zweck, den Antisemiten einstimmig gewählt zu sehen, somit erreicht wurde. M. Schiff, Lehrer. (Sollte auf Grund dieser Thalsache nicht eine Ungiltigkeitserklärung der Wahl zu erzielen sein? Red. d. Isr.) Stavenhagen, 10. Dez. Bezugnehmend auf die Nr. 96, daß der p. Schmuhl Christ ist, theile ich Ihnen ergebenst mit, daß der Name Schmuhl hier und in der hiesigen Umgegend sehr bekannt ist und zwar sind es nur christliche Namen. Selbst Israel, Abraham und Amram kenne ich. Es sind ausschließlich lauter Christen. Auch hatten wir hier einen Rector an der Volksschule, der Schmuhl hieß. M. J. g. Troppo«, den 9. Dezember. Gestern, am 8. Dezemb., wurde der neue israelitische Tempel festlich eingeweiht. An der Feier nahmen alle Behörden. Baron S e e f r i e d und Gemahlin, die Enkelin des O e st e r r. Kaisers, der in der Majorität antisemitische Gemeinderath in eorxore, viele Offiziere und auch zahlreiche Rabbiner Oesterreichs Theil. Mit dem äußeren herrlichen Bau contrastirte leider seltsam der unjüdische Geist unserer Gemeinde. Der Cultus steht unter dem Zeichen der radikalsten Reform. Außer der schon vorhandenen Orgel und dem Damenchor wurde vom Vorstand gegen den Willen und über den Kopf unseres Rabbiners hinweg, das Geiger'sche sog. Gebetbuch für das neue Gotteshaus eingeführt. Die Weiherede sollte Oberrabbiner Dr. Placzek aus Brünn halten, lehnte aber ab. An seiner Stelle hielt Rabbiner Dr. Feuchtwang aus Nikolsburg die Festrede in dem Reformtempel. Die Weihegebete sprach Dr. Blüh. Die Feier dauerte zwei Stunden. Besonders entzückten im Chor zwei Damensolis!! An die Tempelweihe schloß sich ein Banket und ein Ball, bei welchem ein Schinken- I brödchenbuffet und ein rituelles Buffet aufgestellt war. Es wäre Zeit, daß das echte Judenthum in unsere Gemeinde einzöge. Wahre Frömmigkeit kann allein den Judenhaß überwinden. Rybnik. Nach dem zweiten und dritten Jahresbericht des israelitischen Waisenhauses (vom 29. Oktober 1894 bis 29. Oktober 1896), werden in demselben jetzt 23 Zöglinge (8 Knaben und 15 Mädchen) erzogen. Geilerrkirche«. Voroergangcnen Samstag Abend feierte der hiesige Verein „Gesellschaft Erholung" das Chanukafest in* würdiger Weise. Dieser Verein hat sich zur Aufgabe gesetzt, Wohlthätigkeit zu üben gegen alle Menschen ohne Unterschied der Confession. insbesondere aber den Geist des Judenthums zu heben.? Herr?Lehrer Frohmann hält durchschnittlich jeden Samstag einen wissenschaftlichen Vortrag, der allgemeinen Beifall und Anerkennung findet. Auch an diesem Abend schilderte er nach dem fröhlichen Mahle die geschichtliche Bedeutung des Chanukafestes, in welchem er nachwies, aus welch unedlen Motiven Antiochus Ephinanes die Lehre Israels haß*e undJvie das Licht der Religion zu erlöschen drohte. „Möge die erhabene Gesetzestreue, dieses unerschütterliche Bewußtsein der Gottangehörigkeit, die siegreiche Herrschaft des Geistes unser und unserer Kinder Eigenthum bleiben immerar", schjschloß der zu Herzen gehende Vortrag. Nach dem Tischgebet wurde der Armen gedacht und die gesammelte Summe denselben überwiesen. L. 8. Petersburg. Eine Volksjustiz wird aus dem Dorfe Nawoselswki (Südrußland) gemeldet. Auf dem Heimwege vom Jahrmakt in Wossnensk nach Nowomirogrod übernachteten daselbst zwei Juden und ein Christ Als sie beim Morgengrauen eben weiter fuhren, erfuhren sie, daß im Dorfe zwei Pferde gestohlen worben seien. Kaum drei Werst weiter sahen sie, daß sie verfolgt wurden; der Christ entkam, die beiden Juden wurden eingeholt und nach dem Dorfe zurückgeschleppt. Trotzdem der Bauer, dem die Pferde gestohlen sein sollten, erklärte, daß sich dieselben wiedergefunden hatten, wurden die beiden Unglücklichen von den fanatischen Dorfinsassen ihrer Barschaft beraubt, geschlagen, mit Füßen getreten, so daß der eine sofort seinen Geist aufgab, der andere mittlerweile seinen Wunden erlegen ist. Feuilleton. Auf der Leiter. Eine Erzählung von Roberts Häutern. 4) Rabbi Löb Lembergers Mission war erfüllt, er war im Begriff wieder nach Hause zu reisen. Der Abschied ging der Familie ungemein nahe; sie hatte das Gefühl, als ob mit dem Weggehen Rabbi Löb's der letzte Faden zerrissen wäre, der sie mit ihrem Heimathsort und der ganzen Vergangenheit verband, die nun einer so glänzenden Gegenwart Platz gemacht hatte. — Als sich Rabbi Löb verabschieden wollte, überreichte ihm Jankel als Ausdruck des Dankes für alles ihm Geleistete einen kostbaren Ring und einen Brillantschmuck für Frau Rabbi Löb. Rabbi Löb nahm den Schmuck dankbar an, bewun-