Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 100 (14.12.1896)
- Date
- 1896-12-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1910 Leben zu führen, wenn die Schwierigkeiten nicht gar zu groß wären. Wir wollen diesen Klagen heute nicht die Erwägung entgegen halten, daß es noch niemals leicht war Jude zu sein und als solcher zu leben, daß jede Zeit ihre eigenartigen Schwierigkeiten hat und daß diejenigen, unter welchen unsere Voreltern zu leiden hatten, vielleicht viel ernster waren, als diejenigen, welche unserer Zeit anhaften. Einmal angenommen die Schwierigkeiten und Hindernisse unserer Zeit gestatteten in der That nicht die volle Entfaltung eines Lebens nach dem Diktat unserer heiligen Thora. Dann müßten doch diejenigen, die diese Unmöglichkeit wirklich schmerzlich empfinden, doch mit doppeltem und dreifachem Ernst darüber wachen, daß ihre Kinder wenigstens für ein gotttreues jüdisches Leben erzogen werden. Unsere Kinder und die Art und Weise ihrer Erziehung sind und bleiben der untrügliche Gradmeffer unserer Gesinnung. Sie würden für unfern religiösen Ernst bürgen, wenn wir auch tatsächlich verhindert wären, im Geschäft, Verkehr und sonst im Leben ihn öffentlich zu bekunden. Aber ebenso laut klagen sie uns des religiösen Leichtsinns, der Pflichtvergessenheit und im günstigsten Falle der Selbsttäuschung an, wenn wir zu der laxen Erfüllung des Gottesgesetzes auch noch die Nachlässigkeit fügen, unseren Kindern den heiligen Schatz zu verschließen, der das Glück ihres Lebens ausmachen soll. Selbst diejenigen Eltern, die für ihre Person die Gesetze der Thora gewissenhaft erfüllen und diese vielleicht am allermeisten qualificiren sich unter diesem Gesichtspunkte als schlechte Bürgen, für Gottes heilige Sache, wenn sie dieselbe ihren Kindern verloren gehen lasten. Das Bewußtsein der ernsten Verantwortung, das Erbgut der Gemeinde Jacobs, den Kindern ungeschmälert weiter zu vererben, läßt heute gerade bei denjenigen Eltern so oft zu wünschen übrig, die für ihre Person auf dem Boden des gesetzestreuen Judenthums stehen, denen aber die Einsicht, die Fähigkeit, ja nicht selten selbst der feste Wille abgeht, auch ihre Kinder auf diesem Boden zu erhalten. Ihre Elternpflicht glaubt es den Pfändern ihrer Liebe schuldig zu sein, ihnen die Schwierigkeiten aus dem Lebensweg zu räumen, die ihnen selbst so viel Mühe und Skrupel bereiten. So wachsen unfromme Kinder frommer Eltern heran, die sich in stolzem Dünkel über und gegen das heilige Vätererbe erheben, weil die Eltern die Bürgschaft nicht eingelöst, die sie Gott gegenüber schulden. Und wie handelt, diese Elternliebe so kurzsichtig und erreicht das vollendete Gegentheil dessen, was sie angestrebt hat! Sie wollen das Lebensglück der Kinder festigen und mehren und haben es in der Thal gefährdet und untergraben. Die Eltern, welche mit den Unbilden der Zeit zu kämpfen hatten, fühlten sich für die Mühen dieses Kampfes durch ihr Judenthum, durch jede Mizwa, die sie üben, durch jede Awera, die sie mieden, reichlich belohnt. Den Kindern hat man mit der Vorenthaltung der Thora auch die Freude an ihr und damit die sittigende Kraft geraubt, welche alle Miseren des Lebens adlerleicht und löwenftark überwindet. Aber den Kampf und das Weh des Lebens konnten sie ihnen trotzdem nicht ersparen, so lange die Kinder noch ihren jüdischen Namen und die Gesichtszüge des jüdischen Stammes tragen. Und sie haben keinen Ersatz für den Wahn, den Haß und den Neid, der ihnen das Leben vergällen möchte, weil ihnen ihr Judenthum fehlt, weil sie kein Ideal im Herzen tragen, an dem alle Widerwärtigkeiten machtlos zurückprallen. Sic leiden, und wissen nicht warum und wofür. Diese Welt verleidet ihnen der Menschenhaß und jene höhere, von keinem Wahn erreichbare Welt, haben ihnen die Eltern verschlossen, indem sie der Bürgschaft untreu wurden, die sie dem Vater der Menschheit verantwortlich macht. Da macht sich nun die alte, bittere Wahrheit an jedem so um sein Vätererbe verkürzten Kinde auf's neue geltend: ca rotpx *x niw retrrn „Vergissest Du die Thora Deines Gottes, vergesse Deine Kinder auch ich." orrby 'js rrnpn idk?^rr dj ho . nw abwb -pncn n “pn w boo dtoix ,tib> si'vLo Was heißt das: auch ich? fügt das Midraschwort hinzu. „Gott sagt, ich leide mit ihnen, denn i ch habe sie verloren, sie, die täglich Gottes Preis und Segen mit den Worten "W obvb "pinon n -jrn verkündeten. Diese Anmerkung unserer Bäterweisheit geht uns an die Hand den Abfall unserer Zeit da zu suchen, wo der oberflächliche Blick das Gegentheil zu finden geneigt ist. Wenn wir in die Gemeinden treten, in welchen das alte Vätererbe wenigstens noch offiziell von den Alten anerkannt wird, wo man z. B. noch früh und spät sich im Gotteshause zum gemeinsamen Gebet zusammenfindet, man sieht sich aber dieses Minjan bei Licht an, wie es sich eben nur aus den Alten rekrutirt, wie aber die Jugend fehlt, auf deren Hauch Gott seine Menschen erziehende Macht gründen möchte, wie die Kinder und ihr svrr an nov> tp fehlen, so ist damit alles gesagt. Die paar Alten brauchen nur wegzusterben, dann ist auch das Judenthum in ihrem Kreise weggestorben. Die Alten ziehts noch aus Pflicht und alter Gewohnheit zur Stätte des gemeinsamen Gebets. Die Jugend geht in die Schule, geht dem Geschäfte und ihren anderen Pflichten u. Zerstreuungen nach. Das Leben der Jugend, die Synagoge den Alten! Und die Letzteren finden