Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 100 (14.12.1896)
- Date
- 1896-12-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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M lOO '3*?*K***i'?*xx'z XXX VII, Jahrgang. Der Asraelit. Ein Kenlrat-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum. Begründet von Vr. Wrhm«nn in Msiinz Montag, den 14. Dezember 5657 (1896). In der Post-ZettirngSpreisllste für 1897 ist der »Israelit" unter Str. S6V5 vorgetrngen. Leitender Artikel. Die Bürgschaft. Mainz, 13. Dezember. II. Wenn die Erwägungen, von denen mir im vorigen Kapitel ausgingen, nicht ganz von der Wahrheit abfallen, welchen Spiegel halten sie unserer Zeit vor oder welcher Ernst unserer ganzen Situation spiegelt sich in denselben wieder! Von der alten Inquisition ist allerdings nichts als ihr fluchbeladenes Gedächtniß geblieben, aber die geänderten Zeiten, Umstände un) Verhältnisie üben einen oft nicht geringeren inquisitorischen Zwang aus und lähmen, verkümmern und hindern die freie, freudige Erfüllung der uns übergebenen Thora. Die brutale Macht der Thatsachen stellt sich dem Judenthum d. h. seiner Verwirklichung in der Gegenwart so imponirend entgegen, daß viele den Muth, die Ruhe, die Besonnenheit und das Vertrauen auf Gott verloren haben, die unerläßlich sind, um dieser Uebermacht mit heiterer, unbeugsamer Zuversicht entgegeuzutreten. Viele glauben allen Ernstes heute könne man die Thora nicht mehr halten, die uns Gott am Sinai onvertraute, um sie durch Völker und Länder aller Zeiten und Zonen zu tragen bis sie Geineingut der Menschheit geworden ist. In einer Zeit, in der Männer und Frauen, Groß und Klein, früh und spät rennen und jagen, um die Mittel fürs Leben zu erschwingen, die deßhalb mit der Minute geizt, jede Spanne Zeit auszunützen trachtet, und den bloßen Broderwerb zu einem Kampf ums Dasein stempelt, in einer solchen Zeit ist es schwer allwöchentlich einen Tag der Ruhe zu begehen, wie ihn die Thora uns vorschreibt. Viele halten die Feier am Sabbat und Feiertagen nicht nur für schwer, sondern geradezu für unmöglich, wenn die Feiernden in diesem heißen Kampfe nicht unterliegen wollen. Daß der Mann hinaus muß ins feindliche Leben, war vielleicht noch in keiner Zeit so wörtlich wahr, als in der unsrigen. Unser Geschäft ist für seine Prosperirung auf das Reisen mehr als je angewiesen und die Leichtigkeit der Verkehrsmittel leistet dieser Nothwendigkeit immer mehr Vorschub. Auf der Reise aber ist es schwer, und scheint es vielen geradezu unmöglich, den Gesetzen der Thora über Speise und Trank, der Pflicht des Gebets, der Tefillin und vielen anderen gerecht zu werden und man setzt sich mehr oder weniger schweren Herzens über diese fundamentalen Gottesgebote hinweg. Bei der Schwierigkeit und Unsicherheit aller geschäftlichen Verhältnisse, haben die Geschäfte auf Credit, der Wechselverkehr und somit die Rothwendigkeit Zins zu geben und zu nehmen eine so actuelle Bedeutung erlangt, daß es von Tag zu Tag schwerer wird dem Zinsverbot der Thora unverkürzt Rechnung zu tragen, so daß viele diesem Zwang nachgebend das in Rede stehende Gottesgesetz übertreten. Es ließen sich noch viele, sehr viele thatsächliche und vermeintliche Schwierigkeiten aufzählen, welche auf allen Gebieten des öffentlichen und individuellen Lebens die Heilighaltung von Thora und Mizwoth unmöglich erscheinen lasten. Von denjenigen, welche in diesen Schwierigkeiten einen Freibrief für die Führung eines zügellosen, wchtjüoischen Lebens erblicken und leichtsinnig den Satzungen des Judenthums den Rücken kehren, von diesen soll hier nicht die Rede sein. Wohl aber von denjenigen, welche sich nur seufzend dieser Nothwendigkeit fügen, sie bedauern und beklagen und sich und andere bereden, sie würden es gewiß vorziehen ein gotttreues, jüdisches