Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 99 (10.12.1896)
- Date
- 1896-12-10
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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1904 „Wieso, was ist?" fragte Rosenstock, dem eine Ahnung aufstieg. Bettendorf gab seinem Herzen einen Stoß. „Ich liebe Ihre Tochter und begehre sie zur Frau!" Es war heraus. Wenn vor David Rosenstock's Augen in diesem Moment ein Blitz herniedergefahren wäre, er hätte auch nicht tödtlicher erschrecken können, als über diese Eröffnung. „Ich weiß," fuhr Bettendorf beredt fort, in dem Gefühl, daß sein Wort wahrlich der näheren Erklärung bedürfe, „ich weiß, daß Ihnen meine Bitte komisch, ja vielleicht sogar frevelhaft Vorkommen wird. Aber ich weiß auch, daß ich nicht anders kann. Ich bin bereit. Alles auf mich zu nehmen, bin bereit, nach glücklichem Verlauf dieses unseligen Krieges meinen Abschied zu nehmen, und mich in's Privatleben zurückzuziehen, Eltern habe ich nicht mehr und meine Mittel erlauben es mir,-ich will Dina auf Händen tragen, geben Sie sie mir.-" Rosenstock war unruhig auf seinem Platze hin und her gerückt. Endlich begann er, die Arme auf den Tisch legend, und den Lieutenant fest anblickend: „Ich will Ihnen einmal eine Geschichte erzählen, Herr Lieutenant. Sie sind ja so bibelkundig, also werden Sie dieselbe vielleicht schon kennen, aber sie paßt hierher: Die biblische Namensschwester meiner Dina, die einzige Tochter des Patriarchen Jakob, war von Schechem, einem vornehmen Heidenfürsten, vergewaltigt worden-der vermeinte sie zu lieben und ersuchte Chamor, seinen Vater, er möchte ihm doch Dina von Jakob zur Frau ausbitten. Chamor willfahrte seinem Sohne und erhielt auch eine Zusage, aber nur unter der Bedingung, daß die Einwohner Schechems die Beschneidung annehmen sollten. Die Bedingung wurde erfüllt. Allein bei zwei Söhnen Jakobs, in Simon und Lewi, war der Zorn über die geschehene Unthat so übermächtig, daß sie hingingen und unter den Schechemiten ein Blutbad anrichteten. Sie tödteten den sauberen Heidenfürsten sammt seinem Vater und befreiten ihr Schwesterchen-nun, Herr Lieutenant, ich will zugestehen, ganz so schlimm haben Sie es nicht gemacht-Sie haben offen geworben -aber — die Bedingung — wissen Sie — -die kennen Sie nun auch-!" Bettendorf erschrack. Die ganze große Schwere des Hinderniffes tauchte jetzt erst vor ihm auf. Er sollte Jude werden. Aber nein! das ging doch nicht; das durfte er seinem Vater im Grabe, der ihn streng und in christlicher Zucht erzogen hatte, nicht anthun, und Bettendorf war Christ, mehr als mancher andere seines Glaubens. Rein! Jude werden! — Dagegen sträubte sich seine ganze Pietät.- „D as geht nicht", sagte er entschieden. „Ich wußte es," erwiderte Nosenstock, „ein Offizier, der um ein Judenmädcl selbst Jude wird, ist auch undenkbar — und darum hätten Sie gar nicht zu fragen brauchen — und Sie sollen mir mein Kind nicht nehmen —" die Stimme brach ihm, jetzt erkannte er erst, was man ihm eigentlich zugenmthet — „mein Alles, das ich mir herangezogen für meine alten Tage, in Tugend und Sittsamkeit. Ich ehre das Gastrecht, Herr Lieutenant, aber Sie sollen nicht die Hand ausstrecken danach, woran mein Leben hängt —" Er war aufgestanden und während er sprach, erregt hin und her gegangen. „Auch mein üeben hängt an Dina," siel ihm der Lieutenant ins Wort, „sehen Sie, ich liebe Dilla, mit aller Gluth meiner Seele! Die Liebe giebt auch ein Recht, das beachtet sein will!" „Und welches Recht ist älter, das meine oder das Ihre?" fragte nun Nosenstock, mitten in seinem Laufe innehaltend und vor dem Lieutenant stehen bleibend. „Glauben Sie mir, niancher andere Vater hätte Jhilen im gleichen Falle die Thüre gewiesen. Daß ich das nicht thue, daß ich Sie anhöre und mich um eine Sache bitten lasse, die ich niemals zugeben kann und werde — das ist ja gerade das Recht, welches ich Ihrem Gefühle angedeihen lasse. Es giebt nur zweierlei: Sie oder ich! Wen von uns beiden meine Tochter wählen wird, darüber sind Sic, denk' ich, nicht im Zweifel-Nicht wahr," fuhr er langsamer fort, „Sie haben mir von einem befreundeten Vetter erzählt, der jetzt bei den Preußen steht? Gesetzt den Fall, Sie würden draußen im Gefecht Auge in Auge gegen diesen Vetter stehen, würden Sie es über sich gewinnen können, das Gewehr aus ihn anzulegen und loszudrücken? Nicht wahr, nein? Nun, wenn Dina meinen Willen nicht achtet, so thut sie an ihrem leiblichen Vater dasselbe, was Sie gegen Ihren Freund nicht vermöchten — —" Rosenstock setzte seinen Lauf durch die Stube fort. Der Lieutentant aber blickte düster drein. Eine Pause trat ein. „Doch", begann Bettendorf endlich, „ich würde doch auf ihn schießen. So Nulls das Vaterland. Mein Einzelinteresse habe ich dem der Gesammtheit unterzuordnen! Und darurn sollten auch Sie, Herr Rosenstock, diesen Schlag auf Ihr Gewisien verwinden und Dina nicht des kindlichen Verraths beschuldigen, wenn sie dem Zuge ihres Herzens folgt. Ist es Ihnen denn gar nichts, daß ich auf Alles verzichte, auf Ehre und Ruhm, auf Freundschaft und Achtung — ja, auch auf Achtung, denn nicht nur verurtheilen