Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 99 (10.12.1896)
- Date
- 1896-12-10
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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1905 wird man mich, nein, man wird mich verachten! Allein, was frage ich darnach, wenn ich mir mein Glück begründe? Ich bin zu vorurtheilsfrei, um es nicht da zn fassen, wo ich es finde — ja, wir werden glücklich sein, Herr Rofenftock, und Sie mit uns, wir werden". — — —- Weiter kam er nicht. Denn bei dem Klange, der eben draußen auf der Straße ertönte, stockte ihm das Wort in der Kehle. Das war Alarm! Nun galt's, Soldat zu sein! Es schien plötzlich, als hätte Bettendorf feine Werbung vergessen und seine Liebe in die Ecke geworfen, mit einer solchen Hast rannte er mitten im Satze weg, noch ehe Rosenstock überhaupt zur Besinnung gekommen war. Draußen auf dem Flur war Dina eben, dem Trompetenrufe nach, aus der Küche vor die Hausthüre getreten, als Bettendorf an ihr vorbei auf die Straße wollte. Ein kurzer Halt, ein Händedruck, ein heißer Blick hinüber und herüber! „Ich hole Sie mir noch!" war Bettendorfs letztes Wort! Diua blickte, vor Erregung keines Wortes mächtig, dem Davoneilenden nach. Drinnen aber, beim Schein der Sabbatlichter, gitlg immer noch der alte Rosenstock auf und ab und mit thräneuerstickter Stimme fang er das alte Sabbatlied: „Ldrolauru alaidiem mnlaclici hasdxnvs." Bei W., dem benachbarten Dorfe, war es bereits zum Treffen zwischen den Badenfern und Preußen gekommen. Der Alarm in H. hatte nun auch die Württemberger ins Gefecht gerufen. Heilte noch dröhnt mir das Geknatter der Gewehre nnb der Donner der Kanonen in den Ohren. „Die Preußen kommen, die Preußen kommen!" hieß es, und ärigftliche Gemüther versteckten und vergruben ihre Habseligkeiten, fast alle aber flüchteten sich erschreckt in die Keller, als eben eine Granate krachend in den Dachstuhl eines vereittzelt stehenden Hatlfes fuhr und denselben in Flantmen setzte. Bis spät in die Nacht tönte der Lärm des Gefechtes zum Dorfe herüber. Etwa eine Viertelstunde Wegs von H. entfernt, ans eineul Felde, das an der Straße nach W. lag, war ein provisorisches Lazareth errichtet. Spät Abends, als der Donner der Geschütze völlig verhallt war, begaben wir uns hinaus — schreckliche Bilder zogen da an unseren Augen vorüber, einer nach dem anderen wurde herangetragen, mit zerschossenen Gliedern; Stöhnen und Aechzen tönte uns von den Tragbahren entgegen, der Strom der Verwilndeten wollte schier kein Ende nehmen. Plötzlich hieß es: „Alles besetzt!" Kein Bett, kein Plätzchen mehr frei im Lazareth! I Da seht — da bringen sie noch einen Verwundeten. „Wer ift's?" fragt der Offizier, der am Eingang steht. „Prenricrlieiltentant Bettendorf!" war die Antlvort. Ein Schrei tönt in die stacht — und eine weibliche Gestalt stürzt ans dem Haufen der Zuschauer hervor und erbietet sich in fliegenden Worten dem staunenden Offizier, den Verwundeten in ihr Haus in H., — es fei gleich vornean gelegen — aufzunehmen. Ein kurzes Besinnen. „Betten Sie ihn gut! Der Arzt kommt binnen zehn Minuten nach!" Die Träger hoben die Bahre hoch und gehen, von Dina —- denn sie war cs — geleitet, nach H. auf das Haus David Rosenstocks zil. Dort angekommen, erklärte Dina in kurzen Worten dem Vater den Sachverhalt. Nosenstock, von tiefem Mitleid ergriffen, legte selbst mit Hand an, den Verwundeten möglichst gut und vorsichtig unterzubringen. Da lag er nun, auf demselben Lager gebettet, blaß und ohne Besinnung, auf dem er noch gestern die Träume feiner Liebe geträumt-! Der Arzt, der bald darauf mit einem Lazarethgebülfeu ankam, erklärte den Fall zwar für gefährlich, aber nicht für hoffnungslos. Die Kugel war von oben, zwischen Schulter und Armgelenk eiugedrungen, schien jedoch die Lunge nicht verletzt zu haben. Es wurde sofort zur Entfernung der Kugel geschritten —■ —. Die Operation ging glücklich von Statten. Dann verordnete der Arzt vor allen Dingen Ruhe, strenge Ruhe! Nosenstock hatte feiner Tochter nicht erlaubt, im Krankenzimmer anwesend zu sein. Das sei nichts für sie — und dann zieme es sich auch nicht. ES waren schreckliche Minuten, welche Dina da unten im Wohnzimmer verbrachte, bis der Vater ihr vom glücklichen Verlauf der Operation berichten konnte. Dina konnte diese Nacht nicht schlafen. Jeden Augenblick mußte der Vater den wachenden Gehilfen nach dem Zustand des Patienten fragen. Es ging gut, war der Bescheid — aber Ruhe, tiefe Ruhe that dem Kranken noth. Es war eine Woche später. Wieder war es Freitag Abend, wieder brannten die Sabbatlichter, war der alte Rosenstock nach der Synagoge gegangen nnb hatte Dina ihr Abendgebet verrichtet. Aber diesmal hatte ihr Einer mit blassen Wringen gegenübergesessen und ihr still bewundernd zugeschaut. Heute war dem Patient zum ersten Male er-