Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 99 (10.12.1896)
- Date
- 1896-12-10
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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1902 Male hier in der Wohnstube sah, noch dazu jetzt, am Freitag-Abend, wo die Berches auflagen und die Lichtchen brannten, die er jetzt fragenden Auges betrachtete. „WaS hat denn dies zu bedeuten?" sagte er. „Das sind die Sabbatlichter," antwortete Dina, „sie versinnbildlichen den Frieden des Hauses, der mit jedem Sabbat auf's Neue seinen Einzug hält." Sie hatte den Lieutenant angesehen, während sie das sagte. Sie mußte an den gestörten Frieden ihrer Seele denken und senkte das Auge. Jetzt hätte sie weinen mögen. .Eine schöne Sitte," sagte Bettendorf, der ihre Verlegenheit wohl merkte, „es ist wahr: Wo Licht ist, da ist Frieden!" Er wollte sie trösten mit diesem Wort und aufmuntern. Allein es schien ihm nicht zu gelingen; denn Dina wagte nicht, den Blick von der Tischdecke zu erheben, auf welche sie hernieder sah, mit einem Eifer, als wollte sie die Fäden des Gewebes zählen. Das war eine schlimme, ahnungsvolle Pause, die da eingetreten war, und wer weiß, was jetzt geschehen wäre, wenn sich nicht eben mit einem eiligen Ruck die Hausthüre geöffnet und ein schneller Schritt sich der Treppe nach oben zugewandt hätte. „Das gilt mir," fuhr der Lieutenant empor und riß die Thüre auf. „Heda, was los?" rief er hinaus. Ein Gemeiner, der einen Brief in der Hand hielt, stand stramm und sagte : „Zu Befehl, Herr Lieutenant, der Herr Hauptmann schickt dies!" Damit übergab er Vettendorf den Brief. Der sagte: „Es ist gut!", worauf der Soldat Kehrt machte und davonging. Zögernd, von emer trüben Ahnung ergriffen, öffnete Bettendorf das Couvert. Er glaubte bereits zu wissen, was ihm bevorstand; und in der That, da stand's, schwarz auf weiß, und er erblaßte, während er es las. Die Truppe soll sich zum Abmarsch bereit halten — der Feind marschirte auf die Kreisstadt T. zu, seine Volposten sind bereits bis zu dem benachbarten W. vorgeschoben. — Es ist alles bereit zu halten — da jeden Augenblick — womöglich auch erst nach 1—2 Tagen der Ausbruch nöthig werden kann. — Vettendorf hatte gelesen. Während dessen war es Dina nicht entgangen, wie alles Blut aus seinen Wangen gewichen war. Und wie trostlos er jetzt dreinschaute und mit welch' verzweifelter Geberde er die Hand mit dem Briefe herabsinken ließ! „Darf ich wissen, was passirt ist?" fragte Tina schüchtern. „Nichts, gar nichts," erwiederte er, „der Feind ist in Sicht, und wir sollen uns bereit halten!" Seine ganze Trostlosigkeit sprach sich in diesen Worten aus. Wie er sie vor sich hin sprach, mit müder Stimme, in der so gar kein Schwung, so gar keine Hoffnung lag. Da gab es Dina einen Stich ins Herz. Ihr schwindelte. Der Schein der Sabbatlichter verschwamm vor ihren Augen — ohnmächtig, willenlos sank ihr das Haupt zurück und dann mit einem schweren, dumpfen Ton auf den Arm, der aus dem Tische lag. Bettendorf fah's! Den Brief in die Ecke schleudern, vor Tiua's Sitz in die Kniee sinken und das Haupt voll stummer Verzweiflung in ihren Schooß bergen — das mar das Werk eines Augenblicks — „Dina!" Er hatte den Kopf erhoben und sagte es weich und flehend. Sie zuckte auf. Wie im Traum hob sie das Haupt von ihrem Arine empor und schaute ihm starr in das Antlitz. „Dina," sagte er noch einmal, „soll denn das Alles nur ein Traum gewesen sein?" „Stehen Sie auf," erwiederte Dina, durch den Ton seiner Stimme wieder zu sich gekommen, „es ziemt sich nicht, daß Sie vor mir knieen!" Doch er folgte ihr nicht und hielt ihre Hände fest, die sich ihm entgegen gestreckt hatten, als wollten sie ihn von der Erde emporheben. „Nein, Dina," sagte er rasch, „hier, zu Ihren Füßen ist mein Platz! Mein Gott —• — wie glücklich bin ich, daß ich Ihre Hände in den meinen halte — daß ich fie drücken darf nach Herzenlust -- Dina," fuhr er, sich leicht besinnend, fort, „ich habe vorhin gesagt: Wo Licht ist, da ist Frieden -Ihre Sabbatlichter haben mir dies wahre Wort aus die Zunge gelegt — und nun sehen Sie, aus meiner Seele ist der Friede entflohen, seit ich Sie, geliebte Dina, erblickt, sie hat nicht Ruhe, bei Tag noch bei Nacht — und wissen Sie, weßhalb, Dina? Weil ihr das Licht fehlt — weil die Trübsal banger Zweifel, weil das Wolkendüster der Furcht in ihr wohnt — — o Dina, verscheuchen Sie mir die Trübsal und zerreißen Sie das Wolkendüster, durch das strahlende Licht eines kurzen Wortes -Dina, wollen Sie mir den Frieden geben? —■ — wollen Sie die meine sein — — —?" Dina befand sich in töotlicher Verlegenheit. Sie war erwacht, allmählich, während er sprach, zürn vollen Bewußtsein dessen, was vor und mit ihr gechah. In ihrer Seele kämpfte ein unsagbar süßes Gefühl mit dem Schrecken über das Plötzliche und Inheilvolle dieses Ereignrffes. Ein Mann vor ihr auf den Knieen, ein Mann, der ihre Hand verlangte! Hub was für ein Mann? Einer, dessen stolzer Ritter-