Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 99 (10.12.1896)
- Date
- 1896-12-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1891 daß heute Rosch Ehodesch (Neumondstag) ist^ Und Ihr glaubt wirklich ein gottgefälliges Werk damit zu thun Meinetwegen. Aber das kann ich Euch sagen, daß die Leute, welche die Ziehung in Wien vornehmen, heute nicht fasten. Die trinken ihren Kaffee, esseil zu Mittag, und spät Nachmittags wird erst das Loos gezogen oder nicht gezogetl. Morgen komnlt's in die Zeitungen; die ausführliche Liste erscheint erst einen Tag später, diese kann vor Schabbos nicht hier fein. Die Zeitungen bleiben mit den Geschäftsbriefen bis nach Ausgang des Sabbat liegen; vorher ist es nicht möglich, ein Resultat zu erfahren." Dies leuchtete Jankel ein; und er verließ mürrischen Gesichtes das Haus; geplagt von dem Bewußtsein, noch drei bis vier Tage in diesem Hangen und Bangen verbringen zu müssen. Gitel wußte schon, als ihr Mann länger als sonst von der Synagoge ausblieb, den Grnnd dieses langen ^Ausbleibens. Neugierig wartete sie am Fenster die Rückkunft ihres Mannes ab, und als sie von der Ferne schon die finstere Gluth und den verstörten Blick funkelnd unheimlich leuchten sah, so glaubte sie schon, ihr Mann bringe die Hiobsbotschaft, daß das Loos nicht gezogen und die darauf verschwendete Smnnle von drei Gulden rettungslos verloren sei. Während infolgedessen eine der unliebsanien häuslichen Seenen erfolgte, an welchen die jüngsten Wochen so reich waren, ging Rabbi Löb Lemberger gedankenvoll in seinem Zimmer aus und ab. Das Schicksal des armen, redlichen Mannes ging ihm nahe. Er sah da so klar die demoralisirende, dämonische Macht des Geldes, welches Ilnheil die bloße Aussicht auf seinen Besitz hier bereits gestiftet hatte. Wenn die ungleiche Vertheilung der irdischen Güter seiit edles Herz oft mit vieler Bitterkeit erfüllt hatte, so lernte er jetzt die Wege der göttlichen Vorsehllng ahnen, ivelche in denc, was sie dem Armen versagte, wohl eine noch größere Liebe bekundet, als in dem, was sie gewährt. Rabbi Löb hätte zu gerne einmal mit seinen Augen gesehen, was atts Jankel und seiner Familie wohl werden würde, wenn sie wirklich über Nacht in die Lage kämen, über Hundert tausende zu verfügen. Gerne hätte er Jankel schon deshalb den höchsten Treffer gewünscht. Aber dann schlug er sich vor die Stirne und mußte über sich selber staunen, wie er im Ernst auch nur an die Möglichkeii denken konnte. Er ging an seine Arbeit, sah die eingelaufenen Korrespondenzen durch, warf einen Blick in die neuesten Zeitungen, aber der Gedanke an Jankel kam ihm nicht aus dem Sinn. „Möglich ist bei Gott alles," sagte Rabbi Löb halblaut vor sich hin, „eine Depesche ist mir der Spaß schon werth". Als wenn er sich unter dem Bann eines unbekannten Etwas bewegte, telegraphirte er um Drahtbericht nach Wien über die Nummern, aus welche die höchsten Treffer der heutigen Ziehung sielen. Kaunt hatte er jedoch das Telegramnr aufgegeben, als cs ihn reuete, einer solchen Schrulle nachgegeben zu haben. — Heute Abend sind wir aus dem Eholem. Morgen kann ich Jankel seine Ruhe wiedergeben, sobald ich ihm schwarz auf weiß zeigen kann, daß er ein Narr war, solchen abenteuerlichen Gedanken das Glück seines Lebens zu opfern. m. Die Anwesenheit Jankel Goldbergers und Nabbi Löb Lembergers in der Wiener Leopoldstadt haben dem Leser den Gang der Ereignisse bereits im voraus verrathen. Das Unwahrscheinliche war eingetroffen. Jankels Loos war zwar nicht mit dem höchsten, aber doch mit dem zweithöchsten Treffer herausgekommen. L0Y,0<>0 Gulden! Als Rabbi Löb davon Jankel die Mittheilung machte, war Jankels erster Gedanke, daß Rabbi Löb ihm 100,000 Gulden unterschlagen habe. Er hatte so sicher aus 000,000 Gulden gerechnet, daß er sich das Fehlen der übrigen loo,000 nicht anders erklären konnte. Es gelang Rabbi Löb diesen schwarzen Verdacht so vollständig von sich abzulenken, daß ihn Jankel nur: endlich um Rath fragte, was er mit dem vielen Gelde anfangen solle. Rabbi Löb meinte - „Wer auf so unerwartete Weise plötzlich ein reicher Mann geworden ist, wie Ihr es jetzt seid, der nuch zuerst einmal nicht nur Maaßer (10%), sondern Ehaumesch (20%) von diesem Geld für gute Zwecke abscheiden. Ihr habt viele blutarme Verwandte, ihr wißt wie arm unsere Gemeinde ist, wie schlecht es mit unseren Ehebroth bestellt ist, diese sollt ihr zuerst bedenken. Einen Theil dieses abzuscheidenden Betrages könnt Ihr Euch zurückbehalten und gut anlegen, damit, wenn unvorhergesehene, besondere N'othfälle eintreten, Ihr etwas zu ihrer Linderung beitragen könnt. Wenn Ihr darnit einverstanden seid, dann will ich Euch gern mit Rath und That beistchen, wie Ihr das übrige Geld fiir euch am besten verwerthen könnt. Ihr seid heute der reichste Mann der Khillo, reicher als ich selbst; als der größte Kozin unserer Gemeinde habt Ihr auch große Verpflichtungen, welchen ihr Euch nicht entziehen dürft." Jankele kratzte sich hinter den Ehren. Zwanzig, nein vierzigtausend Gulderl auf einmal wegzugeben, das war zu viel. Ja, wenn er seine dreimalhunderttausend Gulden richtig bekommen Hütte, für diesen Fall hatte er sich schon mit dem Gedanken vertraut gemacht, :ir>,00o Gulden Maaßer abzugeben, aber von' 200,000 Gulden, 40,000 zu opfern, das schien ihm