Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 98 (7.12.1896)
- Date
- 1896-12-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1875 schwieg er den Handel seiner Frau, vor der er seit ihrer zwanzigjährigen Ehe noch niemals ein Geheim- Niß hatte. Diese Geheimnißthuerei drückte ihm vollends schier das Herz ab. Aber er hatte den Muth nicht, seiner soliden, ruhig und kühl erwägenden Gitel das Geschehene mitzutheilen, obwohl es ihr nicht lange Geheimniß bleiben konnte. In seiner Verzweiflung ging Jankele am Mittwoch daraus zu Rabbi Lob Lemberger und schüttete ihm sein bekümmertes Herz aus. Er erzählte dem Manne alles, was ihn drückte uud schloß mit der Bemerkung: „Ist das nicht ein wunderbarer Fall? Unsere Weisen sagen: Je mehr Gelv, desto mehr Sorgen! Und ich habe das Geld noch nicht, aber die Sorgen sind bereits da. Was soll ich ansangen? Hätte ich nur meiner Frau gefolgt, aber jetzt ift's zu spät; wie kriege ich meinen Scholaum Bajis (Hausfrieden) wieder?" Rabbi Löb, der ein seelenguter und dabeilebenskluger Mann war, sah Jankel lächelnd an und meinte, „wenn man alle Sorgen so leicht bannen könnte, wie dies.' da, dann wäre es nicht schlimm. Das Loos", sagte er, „das heute über drei Wochen gezogen wird, ist mehr als das zehnfache dessen werth, was Ihr dafür gegeben habt. Wenn Ihr wirklich so in Verlegenheit feit über das, was Ihr gethan habt, so will ich Euch das Loos abkaufen und gebe Euch noch zwei Gulden mehr dafür, als es Euch gekostet hat. Da blitzte Jankel plötzlich der Gedanke durch den Kopf: Wenn die Sache so steht, dann märe ich doch ein Narr, wenn ich so ein Papier verkaufen sollte, das mich in drei Wochen zu einem reichen Mann machen konnte! Aber er war doch in peinlicher Verlegenheit Rabbi Löb gegenüber. Einen solchen geraden, glatten Ausweg hätte er sich nicht geoacht und noch zwei Gulden Gewinn dazu, und nun sollte er, der um einem Rath zu erbeten kam, einen solchen Rath von sich weisen. Einen Augenblick schwankte Jankel, aber füglich behielt doch die Aussicht auf den großen Treffer die Oberhand. „Nein, Rabbi Löb," erwiederte er mit einer Feinheit, die dem geriebensten Diplomaten Ehre gemacht hätte, „so war's nicht gemeint, daß Ihr mir mit Eurem Geld aus der Klemme helfen sollt. Ich Hab' mn's eingebrockt und ich muß es auch selber ausessen. Von Euch wollte ich nur Euere Meinung darüber hören, ob Ihr glaubt, daß das Loos wirklich gezogen wird oder nicht. Sagt Ihr: Ja, nun dann behalte ich's und kann dafür schon die Beklemmung drei Wochen, lang hinnehmen, vor meinem Gitelleben LWu Ssod (Geheimniß) zu haben. Sagt Ihr aber nein, das Loos kommt nicht heraus, wie kann ich Euch dann zumuthen, daß Ihr ein leeres Stück Papier für fünf Gulden kaufen sollt?" Rabbi Lob Lemberger erkannte sofort oie ganze Situation. Jankel war ein braver, fleißiger Mann, den es drückte, vor seiner wackeren Frau ein Geheimniß zu haben. Aber so groß diese Beklemmung war, so war seine Sucht auf leichte, schnelle Art reich zu w.rdcn, roch viel größer. „Ob das Loos mit dem Treffer herauskommt," entgegnete Rabbi Löb Lemberger, „das weiß ich so wenig, wie Ihr heute wiffen könnt, was morgen Trumpf ist. Aber so viel kann ich Euch sagen, daß es tausendmal eher nicht herauskommt als ja. Ich hätte Euch das Loos abgekauft, nicht weil ich glaube, daß es heranskommen wird, sondern unr Euch einen Gefallen zu thun. Wenn Ihr morgen nach Krakau fahren wollt, könnt Ihr bei meinemßBanquier zwanzig, vielleicht auch fünfundzwanzig Gulden dafür bekommen. Wenn Ihr wollt, gebe ich Euch einen Brief an ihn mit, dann werdet Ihr reell behandelt oder wenn Ihr niir das Vertrauen schenkt, so könnt Ihr die Reise sparen; ich schicke Euch dann das Loos direkt per Post nach Krakau." Als Jankel hörte, das man in Krakau für sein Loos 20 und gar 25 Gulden zahle, da stand es bei ihm fest, daß er cs nimmermehr verkaufen wolle. Aber diesen Entschluß theilte er Rabbi Löb Lemberger nicht mit. Diesem sagte er, wie dankbar er ihm für Alles sei, was er ihm da gesagt habe, er wolle mm vor allen Dingen sein Herz von der Last dieses Geheimnisses frei machen und seiner Gitel Alles bekennen und dann ihren Rath hören. Dieses that auch Jankel, wenn auch schweren Herzens. Gitel seufzte lies auf, als sie den Bericht ihres Mannes hörte, und die düsteren Furchen ihrer Stirne wollten auch nicht vor der Botschaft weichen, daß man das LooS jeden Augenblick für vielleicht 25 Gulden verkaufen könne. Sic blieb, nachdem Jankel geendigt hatte, noch einige Minuten in düsteres Hinbrütcn versunken und sah dann ihrem Mann mit Thränen in den Augen in das erregte, Antlitz. „Du kannst es mir glauben," so brach sie denn das peinliche Schweigen, „das Loos bringt uns keinen Segen. Wenn man so wie Du, heimlicher Weise mit den sauer erworbenen Kreuzern spielt, die fast unser ganzes Hab und Gut ausmachen, so kann da keine Brocho darin stecken. Wenn wir die drei Gulden vertieren, habe ich keinen Verdruß daran, wenn es Dir zur Lehre dienen wird. Und wenn wir Hunderttausendc damit gewinnen, habe ich keine Freude daran, falls Du ans diesem Wege sortsährst, wie ein leichtsinniger Spieler zu handeln. >'tzt ist Dir aber jedenfalls Dein Weg vorgeschrieben. Du bringst das LooS zu Rabbi Löb, der soll's nach