Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 98 (7.12.1896)
- Date
- 1896-12-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448608-2448698--42962-2491989- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1871 werden. Um Sache und Principien also handelt es sich für mich, wie sie durch die Kanzel der Hanptsynagogc und die Realschule der Gemeinde sich manifestiren, und zwar nicht um eine Beurtheilung dieser Principieu an sich, sondern lediglich um ihr Verhältniß zum gesetzestreuerr Judenthum. Registrirt habe ich thatsächlich Feststehendes. Die Kanzel einer Orgel synagoge, aus deren Gebetbuch der Gedanke an einen Messias aus dem Davidshause, an die „Wiederherstellung eines jüdischen Staates in Palästina", an „den Aufbau eines Tempels in Jerusalem als eines Einigungspunktes für Israel", an „die Sammlung der Zerstreuten", au den „Opferdienst", grundsätzlich ausgemerzt ist, — die Kanzel, unter deren Aegide ein besonderer Religionsunterricht besteht für die Kinder der, im Gegensätze zur „Orthodoxie", „der freisinnigen Richtung im Judenthum" ungehörigen Kreise, für die der Unterricht in der seit Jahren bestehenden Religionsschule um seiner Tendenz willen nicht geeignet, sagen wir ganz einfach, zu fromm ist, — eine Schule, in der schon durch die erziehliche Einwirkung des Vorbildes der Mehrzahl des Lehrkörpers die Heitighaltung des Sabbaths und überhaupt des gesammten sogenannter! Ceremouialgesetzes untergraben wird, in deren maßgebenden Kreisen die Anschauung herrscht, daß nur durch ein Aufgeben des Ceremouialgesetzes das Judcnthum erhalten werden könne —: von dieser Kanzel und von dieser S ch u l e sage ich, daß sie ausgesprochen im D i erlst e des entschiedensten Abfalls v o in Gottesg e s e tz e st e h e n. Mit irgend einer Persönlichkeit also habe ich es dabei nicht zu thun, vielmehr lediglich mit dern in den genannten Institutionen verkörperten Princip. Unter diesem Gesichtspunkte ist es für diese Betrachtung ganz gleichgültig, wie weit mehr oder weniger der Einzelne dieses Princip einschränkt oder ausweitet, insbesondere ob von einem Vertreter dieser Institutionen in praxi dent Eeremonialgesetze mehr oder weniger Concessionen gemacht werden. Man sieht, was ich meine, das nenne ich, und was ich nicht nenne, das meine ich nicht. Demgemäß weise ich alle sonstigen Unterstellungen mit aller Entschiedenheit zurück._ Zeitungsna chriiyten und Correspottdenze«. Deutschland. Mainz, im Nov. Die antisemitische Presse ist in höchste Entrüstung gerathen über die Behandlung, welche ihrer Partei auf dem konservativen Parteitage zu Th eil , geworden ist. Freiherr von Manteuffel hat mit nicht mißzuverstehender Deutlichkeit davon gesprochen, daß nie und nimmer die Konservativen mit den Antisemiten Hand in Hand gehen könnten. Denn diese hätten ihre Erfolge fast ausschließlich dadurch erreicht, daß sie konservative Wahlkreise an sich rissen. Diese Thatsache ist unbestreitbar, und es ist ein eitles Bemühen, wenn die Antisemiten Nachweisen wollen, daß sie den Konservativen keine ernstliche Konkurrenz bereitet hätten. Es ist gerade von liberaler Seite schon früher darauf hingewiesen worden, daß die Antisemiten sich für ihre Agitation mit Vorliebe konservative Wahlkreise ausgesucht haben. Damals wurden diese Agitation von den Konservativen noch vielfach begünstigt und großgezogen. Erst als cS zu spät war, entdeckten die Konservativen die Schlange, welche sie an ihrem Busen genährt hatten. Jetzt scheint das Tischtuch zwischen diesen beiden Richtungen des Rückschrittes völlig entzwei geschnitten zu sein. Die Konservativen haben allen demagogischen Bestrebungen abgeschworen, und damit haben sie den Weg, den sie auf Tivoli betraten, wieder verlassen. Man wird es verstehen, daß die Antisemiten sehr wenig erfreut sind über diese Absage ihrer einstigen Freunde und Gönner. Sie werden wohl jetzt keine Scheu mehr haben, mit aller Energie in diejenigen Wahlkreise einzudringcn, welche ihnen am geeignetsten zur Bearbeitung erscheinen. So kann dann in den konservativen Bezirken der frische, fröhliche Krieg zwischen Konservativen und Antisemiten entbrennen. Es wird ein heftiger Kampf werden, denn bekanntlich ist keine Feindschaft so erbittert als diejenige, welche unter alten Freunden zum Ausbruch gelangt. Nach der Erklärung aus dem konservativen Parteitage werden die Antisemiten mit Wucht in die Gehege der Konservativen einbrechen, und daß sie dabei manches Wild erlegen werden, steht außer Zweifel. Die Schuld hieran trägt aber Niemand anders als die Konservativen. Sie haben den Antisemitismus groß gezogen und dürfen sich nicht beklagen, wenn sie die Geister, rvelche sie gerufen haben, nicht wieder loswerden. H. Berlin. Man kann die schülerhafte Rathlosigkeit unserer zeitgenössischen Nathgeber, die mit Hausmitteln gegen den Antisemitismus hausiren gehen, nicht besser charakterisiren, als indem man sie einfach nebeneinander stellt, um jeden Unbefangenen von selbst zu überzeugen, wie einer den anderen abtbut. Während Herr Dr. Herzl in Wien in unserer Emancipation die Quelle der ganzen judenfeindlichen Strömung erblickt, ruft ein hiesiges jüdisches Blatt nach Vervollkommnung unserer Emancipation, um den Judenhaß auf diese Weise hintanzuhalten. Während „Trennung von Staat und Kirche" zu den fundamentalsten Anforderungen aller freisinnigen Elemente zählt, zu welchem sich das Gros der Jud'cnheit bekennt, wird hier wieder einmal der Derftaatlichung des Judenthums das Wort geredet und in gleichem Athemzuge gegen die Redensart vom christlichen Staat polemisirt. In erster Reihe meint unser Berliner Weltver-