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Der Israelit · 1896-12-07 · Heft 98 (7.12.1896) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 98 (7.12.1896)
Date
1896-12-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1870 Wäre aber Grund zu solchen Befürchtungen vorhanden, so wäre dies ja nur, mehr als alles Andere, der schlagendste Beweis für das durch und durch Verderbliche, alles wahre religiöse Leben Untergrabende des Zwangsgemeindesystems, und würde lauter als alles Andere dessen schleunig ft e und vollständigste Aufhebung fordern. Wie? Jahrhunderte herab genossen alle übrigen kirchlichen Gemeinschaften in Europa des staatlichen Schutzes und der mächtigen Stütze zwingender Staatsgewalt. Die jüdischen Religionsgemeinschaften waren die einzigen in der europäischen Welt, die ohne staatlichen Schutz und Beistand, meist unter voller Ungunst der Staaten und Völk-r, rein aus sich und die in ihnen liegende Gemeinde bildende Kraft, auf das religiöse Pflichtgefühl, auf das „religiöse Bedürfniß", wie man es heute nennt, gewiestn, sich gründeten und erhielten, und in solcher staatlichen Unabhängigkeit nicht ein armes Dasein kärglich fristeten, sondern ein so reiches, so inniges, so wahrhaft religiöses, von geistigen und sittlichen Institutionen in opferfreudigster Hingebung getragenes Gemeindeleben gründeten, förderten, pflegten und erhielten, daß dieses Gemeindeleben seine segnenden Strahlen in die letzte Hütte seines Kreises trug und alle seine Angehörigen mit ernstfroher Kraft aufopferungsvoller Ausdauer gegen alle Stürme rüstete, die über ihre Häupter hingingen —: und eine Zwangsperiode von einem halben Jahrhundert genügte, um nun — da endlich die anderen kirchlichen Gemeinschaften durch das staatliche Vertrauen stolz sich geadelt fühlen, auf eigenen Füßen stehen, und des staatlichen Zwangsschntzes entbehren können, — die Söhne dieser, in religiöser Gemeindefreiheit dahingegangenen Geschlechter als Bettler an die Pforten der gesetzgebenden Versammlungen mit der flehenden Bitte treten zu sehen: Macht uns nicht frei, wie die Uebrigen! Wir könnendieFreiheit nicht ertragen! Unsere Religion bricht zusam - inen, wenn Ihr un s nicht stü tzt und zwingt!! Daß die Petenten nicht die Schatten ihrer zürnenden Väter ihnen den Weg zu den Pforten der Legislatur vertreten gesehen! „„Schämt ihr euch denn nicht? Geht nach Hause, verbrennt eure Petitionen! Daß kein Tageslicht die Schmach eurer Schwäche erblicke! Sich selber ein gelbes Pariazeichen aufs Reue erbitten 311 wollen! Um so schmachvoller, je geistiger es ist, und ihr es euch selber anheftei! Geht, werft eure.Petitionen ins Feuer! Ruft eure Gemeinden zusammen, begeistert sie tür die Gemeindefrei heit, daß sich frei zusammenthue, was frei zusammengehört und in religiöser Begeisterung wieder ein wahres religiöses Gemeinoeleben beginne, das ihr seit einem halben Jahrhundert verlernt. Ist das, was ihr eure Religion nennt, zu schwach dazu, so seid ihr nicht unsere Söhne, ist eure Religion die unsere nicht mehr. Die Religion, die des staatlichen Fiscal st ocks nicht entbehren kann, ist nicht Religion. Die Religion, die des staatlichen Schutzes nicht entbehren kann, ist des staa tli ch e n Schutzes nicht werth. Geht in euch! Ihr habt die bürgerliche Freiheit errungen, könnt ihr die religiöse nicht ertragen, seid ihr der bürgerlichen nicht werth-"" Wie mußte die kurze Zeit der Gemeindezwangsperiode von dem alten jüdischen Religionsfeuer den letzten Funken in der Brust der heutigen Söhne des Judenthunrs verlöscht haben, wenn diesen Befürchtungerr auch nur einiger Raum thatsächlicher Begründung gegeben wäre! Gottlob, daß dem nicht so ist, daß gewiß nur Besorgniß um die Existenz, um die Stellung, um das Amt, um die anvertrauten Gemeindeinteressen, wie blind für die Schmach, die sie sich, ihrer Religion, ihrer Gemeinde vor den Augen der Völker mit solchen Bitten anthaten, so auch Rabbiner und Vorstände blind für die Thatsachcn sein ließen, die ihren Befürchtungen entgegenstehen." Ist das nicht die Sprache eines Titanen — solche begeisternde Gluth, solche ergreifende und hinreißende Gewalt, wie sie diese Worte athmen! Möchten sie doch Eingang finden nah und fern und weitesten Kreisen in Israel die Angen öffnen über das Verderbliche der Zwangsgemeinschaft und über den Segen eines in religiöser Freiheit aufblühenden und nur von religiösem Pflichtgefühl getragenen und erhaltenen Gemeindelebens! Nachschrift. Während ich das Obige niederschreibe, kommt mir ein Correspondenzartikel in Nr. 48 der „Jsr. Wochenschrift" zu Gesicht, der von gröbsten Jnvectiven gegen niich wimmelt. Wer für die heilige und gerechte Sache auf der Warte steht, ist darauf vorbereitet, daß ihm das wahre Wort im Munde zur Lüge verdreht wird. Es ist selbstverständlich, daß ich dem Correspondenten nicht auf seinen Boden zu folgen und nicht die von dem Herrn angeschlagene Tonart aufzunehmen vermag. Begreiflich, wenn auch keineswegs verzeihlich, ist es ja, wenn verhaltene Wuth über ein zur rechten Zeit gesprochenes wahres Wort bei ihrem Ausbruch alle Grenzen überschreitet. Meine Ausführungen stehen unter dem Gebote der Abwehr. Ich bin nicht der Angreifende. In der Verteidigung einer uns heiligen Sache und unantastbarer Principien Diu ich begriffen, ganz natürlich ergiebt sich da die Kennzeichnung, wie nun disse Sache und. diese Principien auf der Gegenseite angesehen und gewahrt

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