Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 97 (3.12.1896)
- Date
- 1896-12-03
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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1865 Grazie hatte er noch nie an einem weiblichen Wesen beobachtet. Er verfolgte jede ihrer Bewegungen mit den Augen, sich manchmal mit einem träumerischen „o danke sehr" unterbrechend, und noch als Dina, die sich wohl unter seinen Blicken unbehaglich fühlen mochte, sich „guten Appetit wünschend" verbeugt batte, und dann, ehe er ein Wort über die Lippen bringen konnte, wieder verschwunden war, starrte er immer noch nach der Thüre, durch welche sie gegangen, bis er sich endlich kopfschüttelnd und immer murmelnd: „Wie schön, wie schönt den liblichen Genüsien zuwandte, die das Judenmädchen da vor ihm aufgepflanzt hatte. Er war thatsächlich erschöpft unv hungrig, von früh 4 Uhr an, also volle sechs Stunden, hatte der Marsch gedauert — jetzt erst fühlte er es und that sich gütlich an Speise und Trank. Als Dina wieder die Treppe herabkam, öffnete gerade der alte Rosenstock die Hausthüre. „Nun, ist er da?" war seine erste Frage. „Gewiß," antwortete Dina, „und hat schon ein Zehnuhr — so nennt man bei uns das zweite Frühstück — von mir angenommen!" „Schön," sagte Rosenstock, indem er im Flur den bestaubten Feldrock mit einem befferen und reineren vertauschte, „schön, unv wie meinst Du, mein Dinchen, soll Holzschnitte von Hans Holdein des Jüngern aus der im Jahre 1549 erfolgten Ausgabe. Judith tödtet den Holofernes. ich ihm meine Aufwartung machen? Ist er freundlich und liebenswürdig, oder kurz und brummig?" „Geh' nur hinauf," rief Dina zur Küche heraus, die auf dem Flur lag, „ich denke, er wird sich freuen, wenn er Dich sieht!" Rosenftock, der schon vor Neugierde brannte, ließ sich das nicht Zweimal sagen. In zwei Sätzen war er die Treppe oben und stand vor der Thür zur guten Stube. „Na, faß' Dir ein Herz," sprach er zu sich selber, „klopf' an!" Und er klopfte kräftig. „Herein" klang es von drinnen. Da stand Rosenstock vor dem Antlitz des „vornehmen" Offiziers. „Guten Morgen," begann Rosenstock, indem er sich mehrmals verbeugte, ,ich heiße Rosenstock und biete Ihnen in meinem Hause ein herzliches Willkommen!" „Danke," erwiederte der Lieutenant, indem er sich ein neues Ei aufklopfte, „danke sehr; geht nun mal nicht anders, muß Ihnen leider die Unbequemlichkeit machen!" „Durchaus nicht, durchaus nicht," beschwichtigte Rosenstock. „Krieg ist Krieg. Da ist so Manches anders als im Frieden. Nn, und Einquartirungen gibt's ja auch im Frieden. Ist aber eine andere Sache, dem Spiel entgegen zu gehen oder dem bitteren Ernst! — Sie sind nun da solch' junges Blut, Herr Lieutenant, verzeihen Sie, daß ich das sage, aber — nicht wahr? — Sie sind's doch, und sollen nun den Feuerschlünden der Preußen ins Auge sehen und mit ihnen so viele junge Leben, und alle, alle würden sie sich hinopfern. O, es ist heldenhaft aber traurig; der Krieg ist traurig, schrecklich traurig —! Wir Juden, sehen Sie," setzte Rosenstock langsamer hinzu, „wir sehnen die Zeit herbei, wo aller Krieg aufhört, wo der Wolf neben dem Lamme lagert und wo man aus den Schwertern Sicheln und Sensen macht, wie der Prophet sagt! Ist doch viel schöner — nicht w ibr, Herr Lieutenant?" Bettendorf hatte, ruhig weiter essend, den schwunghaften Erörterungen des Alten zugehört. Er dachte sich, wie es wohl auf den Alten wirken würde, wenn er ihm widerspräche. Er besaß genügende Kenntnisse vom alten Testament, um Rosenstock mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. „Und Josua," so begann er, „was war denn der? Hat er nicht 31 ganze Könige im Kriege besiegt? Und die große Königsreihe der Reiche Juda und Israel, haben sie nicht alle, oft sogar sehr große und blutige Kriege geführt?" Rosenstock war verblüfft. Auf einen solchen Einwand war er nicht gefaßt. Er hatte wohl erwarten dürfen, daß der Lieutenant den militärischen Standpunkt hervorkehren und von ihm ans die Nothwendigkeit des Krieges betonen würde. Aber daß er, der Christ, der Offizier, in der Bibel erfahren sei und von dort seinen Einwand holte, das machte ihn anfangs ganz starr. „Wunderbar," sagte er langsam, den Offizier genau betrachtend, „wie Sie Bescheid in der Bibel wiffen! Hält' ich, verzeihen Sie, nicht gedacht. Aber sehen Sie, um darauf zurückzukommen, jene Kriege