Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 97 (3.12.1896)
- Date
- 1896-12-03
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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1866 waren nothwendig, um dem Volke Israel diejenige Stellung zu schaffen, in der es den allgemeinen Weltfrieden herbeiführen konnte-. Das ist ja, leider, überhaupt das Schicksal unseres Stammes, daß er den Frieden erkämpfen muß, sich selbst, wie der Welt!" „Nun ja," erwiederte der Lieutenant, „etwas anderes thun wir ja auch nicht? Ohne Kamps kein Sieg! Uebrigens brauchen Sie nicht zu glauben, daß uns dieser Krieg so besonderes Vergnügen bereitet, dieser Krieg, in welchem die Feinde so nahestehen. Sehen Sie, ich habe da einen intimen Freund, einen Vetter von mir, mit dem ich in Heilbronn zusammen aufgewachsen bin. Er besuchte mit mir die dortige Schule und wir waren wie Brüder. Seine Eltern lebten in einem kleinen Ort in der Nähe von Hatberftadt und hatten ihn nach Heilbronn auf die Schule geschickt, weil die Gelegenheit, den Knaben bei dem Onkel, meinem seligen Vater, unterzubringen, eine zu günstige war. Jetzt steht er im preußischen Heere, der Fritz Vorwerk-und wer weiß, ob wir, die wir für einander das Leben lasten würden, nicht Auge in Auge gegen einander kämpfen müssen! Ja, Sie haben Recht Herr Rosenstock, traurig ist der Krieg, sehr traurig —." Der Lieutenant war bereits, während er diese Worte sprach, aufgestanden und an das Fenster getreten. Er schien, während er die letzten Worte wie im Traume vor sich hinsprach, beu Hühnern auf dem Hofe zuzuschauen, denen Dina eben Futter vorstreute. Als ob er sich freute, ein anderes Thema zu finden, sagte er: „Ihr habt da eine liebe Tochter, Herr Rosenftock!" „Sie ist mein Alles," erwiederte dieser, „fett meine selige Frau todt ist, sucht sie mit aller Kraft die Mutter zu ersetzen! Und sie ist brav, Herr Lieutenant, sehr brav —!" Es schlug 12 Uhr vom nahen Kirchthurm. „Schon so spät?" fuhr der Lieutenant auf, „um 12 Uhr muß ich ja zum Appell." Rosenstock hatte schon die Thürklinke in der Hand. „Ich will nicht stören;" sagte er, „entschuldigen Sie, Herr Lieutenant, mein Geschwätz! Nochmals mein Kompliment für Ihre Bibelkenntniß! Adieu!" Es war nur ein kurzer Gruß, den Bettendorf dem Davoneilenden erwiederte. Er schien die letzten Worte des Alten überhaupt nicht mehr zu hören. Er schnallte sich den Säbel um und begab sich dann langsamen Schrittes aus die Straße, nach dem Kirchplatze, wo seine Truppe bereits in Reih' und Glied stand. Der Premierlieutenant Bettendorf kam der schönen Dina nicht niehr aus dem Sinn. Mit einer unnennbaren Sehnsucht harrte sie Tag für Tag der Stunde entgegen, da ihr gestattet war, ihm das Frühstück auf die Stube zu bringen. Da konnte sie ihn doch sehen, konnte ihnr in die treuen Augen blicken, konnte seine ritterlich hohe Gestalt, sein männlichstolzes Wort bewundern! O, es waren herrliche Augenblicke für Dina. An jedem Morgen zog er sie ins Gespräch. Was da für Fragen verhandelt wurden? Nun, man konnte mit Dina über Alles uitb Jedes reden. Sie hatte viel gelesen und wenn auch ihre Erfahrungen in dem engen Rahmen eines ereignislosen Dorflebens keine allzutiefen waren, so lebte sie um so mehr in sich selbst. Besonders seit dem Tode der Mutter hatte dieses Seelenleben sich erweitert und vertieft, zumal seitdem auch der Vater schweigsamer geworden war und nicht mehr wie früher aus seinen Jugendjahren erzählte, von Rabbi Gedalje Metz und seiner Gelehrsamkeit, von den Wunderthaten des Michelstädter Baal schein und Aehnliches mehr. Der Lieutenant seinerseits hatte Gelegenheit, das Mädchen, welches nun seinen Weg kreuzte, Tag für Tag mehr zu bewundern. Ihr Blick für das Schöne, ihr scharfes Urtheil über das Wahre und Gute, das sie mit dem Instinkte eines Engels fällte, setzten ihn in Erstaunen. Selbst religiöse Fragen, in denen er, wie wir wohl nach der Unterhaltung mit dem alten Rosenstock ersahen, ganz gut Bescheid wußte, behandelte Dina mit so viel Takt, soviel Gemüth und dabei doch voll inniger Duldsamkeit. Mit schwärmerischer Liebe hing sie an der Religion ihrer Väter. Sie kannte all' die zahllosen, oft so traurigen Wechselfälle in der Geschichte ihres Stammes und schilderte dem christlichen Ofsizier mit bewegter Stimme manche trübe Zeit aus vergangenen Jahrhunderten! Und wie reizend sie manche kleine Episode, manche Sage und manches Gleichniß zu erzählen wußte, deren sie sich aus der Lektüre des von der Mutter hinterlaffenen Zeeno ureno zu entsinnen wußte. Was soll ich Euch sagen? Nach acht Tagen bereits hatte sich bei den Zweien ein gegenseitiges Verhältnis herausgebildet, welches nur noch des erklärenden Wortes bedurfte, um ein regelrechtes Liebesverhältnis darzustellen. Daß dieses erklärende Wort noch nicht gefallen war, darf uns nicht wundern. Siegetrauten sich vor einander nicht. In Dina begann doch allmählich das Verfängliche und Gefährliche des Spieles, das sie trieb, aufzudämmeru. Allein es stand ihr Niemand zur Seite, der sie hätte inahnen und warnen und die Zweifel und Bedenken in ihr hätte befestigen können. Sie war sich selbst und der sehnsuchtreichen Nähe des fremden Mannes überlassen; und so gewannen die Bedenken in ihr keineswegs die Oberhand, sondern