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Der Israelit · 1896-12-03 · Heft 97 (3.12.1896) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 97 (3.12.1896)
Date
1896-12-03
Page
– (sequence 19)
Language
German
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1863 Immer näher und näher rückten die Kolonien, bestaubte Krieger, kräftige Fußsoldaten, Württemberger. Die Landleute auf den Feldern ließen für Augenblicke ihre Hacken und Spaten fallen und schauten neugierig dem langen Zug nach, der nun die ersten Häuser des Dorfes passirte. Auf dem kleinen Platz vor der Kirche wurde Halt gemacht-, dann erhielt jeder sein Quartierzettel, und die Ankömmlinge, sich bei Alt oder Jung Auskunft über die Lage ihrer Quartiere erbittend, begaben sich, immer von den Kleinen eskortirt, in ihre neuen Wohnungen. Auch mir war ein Mann zugesagt. Ach, wie heute steht mir die Szene vor Augen, die sich damals abspielte, als ich mit meinem Galt, den ich mir selber abgeholt hatte, die Stube meiner Wohnung betrat. Ich öffnete die Thüre und fuhr entsetzt zurück: Da saß mein kleiner Junge, der dreijährige Aron, auf dem Fußboden, mein großes Schächtmesser, das er, wer weiß wie erwischt hatte, in der Hand, und mit demselben „Eisenbahn" spielend. „Uuu—hu.-" So ahmte er den Pfiff der Lokomotive nach und schob das Meffer mit der haarscharfen Schneide auf dem Fußboden hin und her. Mein Lebenlang denke ich an diesen Schrecken und an das entsetzte Gesicht meiner Frau, die ich erst aus der Küche herbeirief, um dann eiligst das gefährliche Spielzeug mit der nöthigen Vorsicht dem ahnungslosen Kinde wegzunehmen. Zu der Truppe, welche in H. untergebracht war, gehörten auch einige Offiziere. Es war dem biederen Bürgermeister des Ortes nicht leicht gefallen, denselben passende Quartiere zu verschaffen; allein es war ihm gelungen, sie bei sich selber, bei den zwei Pastoren — den protestantischen und katholischen — und bei einigen reichen Bauern unterzubringen. Ein einziger Offizier nebst dessen Bursche fand Unterkunft bei David Rosenstock, dem reichsten Juden in H., der am Ende des Dorfes, da, wo die Aecker beginnen, ein großes, eigenes Haus bewohnte, zu groß eigentlich im Verhältniß zu den niedrigen Dorfhäusern, auf die es mit einem gewissen Stolze herabzublicken schien. Rosenstock hatte sich das Haus vor mehreren Jahren auf ihm gehörigen Ackergrund gebaut, und weit hinaus in die Landstraßen waren Wiesen und Aecker, mit allerlei Fruchtbäumen, sein eigen. Er widmete sich ganz der landwirthschaftlichen Thätigkeit. Nebenbei bemerkt, macht die rege Theilnahme am Garten- und Feldbau, welche die Juden an kleinen Orten hierzulande bekunden, das so oft von judenfeindlicher Seite aufgetischte Märchen zu Schanden, daß der Jude die schwere Arbeit des Landmannes scheue. Ihr kennt alle die Verhältnisse und wißt, daß hierzulande oft genug die Juden Bauern unter Bauern sind. Auch David Rosenstock konnte man an heißen Sommertagen, wie im trüben Herbstregen auf dem Felde sehen, im groben Arbeitskittel arbeitend, und seine Tochter Dina mischte sich munter und arbeitsfroh unter die Schnitter und Schnitterinnen, welche unter den glühenden Strahlen der Julisonne Sense und Sichel emsig handhabten. Auch heute, wo die Krieger ihren Einzug hielten, war David Rosenstock auf dem Felde. Er konnte vor elf Uhr von dort nicht abkommen und hatte Dina beauftragt, den angesagten Ossizier, für den die gute Stube im oberen Stockwerk schon seit einigen Tagen hergerichtet war, zu empfangen. Rosenstock hatte seinen ganzen Stolz darein gesetzt, als einziger Jude, der mit einem Offizier beehrt war, seiner Aufgabe nicht nur gerecht zu werden, sondern es dem vornehmen Soldatenso gemüthlich zu machen, als es nur irgend möglich war. Ja, vornehm mußte er doch gewiß sein! Alle Offiziere sind vornehm! Nun, Rosenftock hatte sich in dieser naiven Voraussetzung im vorliegenden Falle auch wirklich nicht getäuscht, denn als Dina dem Premierlieutenant Bettendorf unter der Hausthüre entgegen ging, da verbeugte sich eine ritterliche Gestalt galant und vornehm vor ihr, reichte ihr zutraulich die Hand und sagte mit gewinnendem Lächeln: „Mein Fräulein, verzeihen Sie einem rauhen Kriegsnianne, daß er, wie ein Wolf in die Lämmerheerde hier in Ihr friedliches Anwesen einbricht!" Dina wurde verlegen und wußte nicht, was sie sagen sollte. Auf eine solche Anrede von Seiten des erwarteten Mannes war sie nicht gefaßt. Eine leichte Röthe stieg in ihre Wangen. Dina sah wunderschön aus mit ihren einundzwanzig Jahren. Ihr schwarzes Haar war in leichten Wellen nach hinten gelegt und ließ die blendend weiße Stirn völlig frei. Die braunen Augen blickten so treu und so gut, mit einem gewissen zärtlichen Scheine; ein leichter melancholischer Zug um den Mund deutete auf ein bewegtes Seelenleben, in das ein großer Schmerz mächtig eingegriffen: Der Tod der Mutter, die man vor mehreren Jahren von der Straße, wo sie einem Schlaganfalle erlegen war, tobt ins Haus getragen hatte, hatte die Seele des Mädchens mit einem tiefen Kummer erfüllt, der auch jetzt, nach Jahren noch leise nachzitterte. „O bitte," klang es von Dinars Munde, während sie dem Lieutenant die Hand reichte, „wir nehmen Sie mit Freuden auf. Sie aber scheinen von sich selbst allzu schlecht zu denken!" Mit diesen Worten löste sie ihre Hand aus der seinigen und ging mit leichten Schritten auf die Treppe zu. Da erblickte sie erst den Burschen des Lieutenants, der noch auf der Straße hinter der offenen Hausthüre stand. Sie wies ihn nach dem

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