Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 97 (3.12.1896)
- Date
- 1896-12-03
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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im derten Beobachtungsgabe auch die rauhen Kriegszeiten vom Standpunkte des Israeliten aus betrachtet haben sollte! Wie es seiner Gemeinde erging, als der Kanonendonner von fern herübergrollte und zahllose Kriegskolonnen durch das Dorf stürmten, was sich in den Häusern der Juden zutrug, als die nimmer endenwollenden Einquatrierungen im Dorfe lagen, wie die ganze Khille am Sabbat-Nachmittag vor das Dorf auf die Aecker und Felder hinauspilgerte, um die Biwaks, den Zeltbau, das Kaffeekochen zu inspizieren, wie zum Beispiel einmal aus der Schulftube sämmtliche Bänke entfernt werden mußten, damit darinnen Strohlager für die nächtigenden Krieger hergerichtet werden konnten, und wie so an dieser Stätte des Friedens und der segensreichen Aussaat die Männer des rauhesten Handwerks, die Sendboten der Vernichtung, ihr Lager aufgeschlagen hätten — solche und ähnliche Bilder stiegen in lebendigem Zuge vor unseren Augen auf, wenn Moscheh Gerson aus den Kriegszeiten erzählte. So hörten wir Schilderungen aus den Sturmjahren 1848/49, wie aus den Kriegen von 1866 uttb 1870/71. Moscheh Gerson war erst im Jahre 1871, nach Beendigung des großen Krieges, in unsere Gemeinde gekommen; seinen Kindern zuliebe, die in unserem Städtchen mit seiner höheren Bürgerschule mehr Gelegenheit zur Weiterbildung hatten, als in dem kleinen Odenwälder Dörfchen, hatte er sich fortgemeldet. In größeren Städten war es ihm nicht geglückt, da man dort begabtere Vorbeter brauchte, als unser Moscheh Gerson mit seiner schwachen Singstimme einer war. — Daß er trotzdem manche modernen „Kantoren" in der tiefen Innigkeit seines Vortrags, wie in der Begeisterung, mit der er seines Amtes waltete, weit übertraf, das kann ich mit dem besten Gewissen versichern- Aus den Erzählungen Moscheh Gerson's nun will ich zunächst jene eine hervorsuchen, die mir am unvergeßlichsten geblieben ist. Warum? — Darüber soll nun ein weiterer Kreis urtheilen. Wie mag der biedere Manu erstaunen, falls er sie etwa lesen sollte! Allein gleichviel: Er wird nichts dagegen einzuwenden haben, daß sein Ruhm auch einmal in die Ferne dringt! „Es sind Kriegszeiten," so begann Moscheh Gerson, wie gewöhnlich, „aus denen ich Euch etwas erzählen will. Im Jahre 1866 war's, in jenen traurigen Wochen, als die befreundeten Nachbarstaaten in schlimmem Bruderkriege einander gegenüberftanden. Heute noch thut es mir in der Seele weh, wenn ich daran denke, in welche verzweifelte Lage damals unser liebes badisches Heimathland gerathen war. Sein Fürst, der edle Großherzog, eng verschwägert mit dem preußischen Königshause, und wider Willen von der Strömung der Zeit und der Umstände getrieben, in Kriegsfeindschaft gegen Preußen! Wie mag dem guten Herrscher das Herz geblutet haben, die Söhne seines Volkes in den Kampf stellen zu müffen gegen die eigenen Brüder und Stammesgenoffen! Und wie oft mochte da, bei dem immerhin engen Bande, welches den Norden mit dem Süden verknüpfte, der Vater gegen den Sohn Aug' in Auge gekämpft, wie manche Kugel aus dem Gewehre des Freundes mochte den Freund zu Boden gestreckt haben —! In H., meinem Wohnorte, einem kleinen Taubergründer Dorfe, in deffen Nähe späterhin der Zusammenstoß der Preußen mit den vereinigten süddeutschen Heeren stattfand, herrschte an einem schönen Sommermorgen reges, geschäftiges Leben. Es war, wie schon so oft, Einqartierung angesagt worden, und heute, um 10 Uhr Vormittags, sollten die Militärkollonneu eintreffen. Mancher Hausvater war überreichlich bedacht worden und sollte eine größere Anzahl Soldaten bei sich aufnehmen, als ihm nach seinen Wohnräumen, wie nach seinem Vermögen zukamen. Aber was fragt der rauhe Krieger nach dem Einzelnen? Da werden so viele Existenzen vernichtet, so viele junge, blühende Menschenleben zerstört, so viele Erinnerungen entwurzelt und so viele Hoffnungen zu Grabe getragen, daß es Thorheit war, zu klagen und unzufrieden zu sein. Was wollte auch die Unbequemlichkeit, ein paar Krieger mehr im Hause zu haben, bedeuten, gegen den gewaltigen Ernst, der draußen waltete auf der Wahlstatt, gegen die düstere Vernichtungsstimmung, die dort alle Lüfte erfüllte? Es war denn auch Keiner wirklich unzufrieten; jeder Einzelne war vielmehr von der ganzen Größe der Aufgabe durchdrungen, die ihm gesetzt war. Und in der That, es war auch eine Art Kriegshilfe, die ermatteten Krieger zu laben und zu erquicken, den Staub und die Last des langen Marsches von ihnen zu nehmen und ihnen für die Zeit ihres Aufenthaltes eine Heimstätte zu bieten, von der sie ungern scheiden und an die sie gerne denken, wenn der Ruf des Trompeters sie hinausalarmirt hat, dem Feinde entgegen. - Die liebe Jugend lag schon seit dem frühen Morgen auf der sonnenbeschienenen Landstraße, daher die neuen Dorfbewohner kommen mußten, aber lange wollte sich nichts blicken laffen. Alle paar Minuten erscholl der Ruf: „Sie kommen!" Die kleinen Hälse reckten und streckten sich, aber es war nichts —■ ein kleiner Spaßvogel hatte die lustige Gesellschaft genarrt. Endlich zeigte sich in der Ferne, leise und duftig zuerst und bald stärker und dichter, die verräterische Staubwolke. Ein Hurrah um das andere entrang sich den Kehlen der kleinen Soldatenfreunde.