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Der Israelit · 1896-12-03 · Heft 97 (3.12.1896) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 97 (3.12.1896)
Date
1896-12-03
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1855 Es mag ferner zugegeben werden, das; ein gebildeter Mensch auch sonst Anlaß zu „idealem Streben" findet. Ideales Streben! Was heißt das? Es heißt soviel, als: S e l b ftl o se s Streben! Die Selbsthingabe ist die idealste Form alles Strebens. Nun wohl, die Behauptung dürfte wohl nicht zu gewagt erscheinen, daß Bildung noch lange nicht gegen Egoismus schützt. Es sind oft gerade die am meisten Gebilveten, die am tiefsten mit den Errungenschaften der Zeit Erfüllten, welche eine selbstlose Thal, ein opferfreudiges Unternehmen weit von sich weisen würden. Unter dem groben Kittel manches bildungsfremden Arbeiters schlägt ein edleres Herz als unter der weißen Weste manches mitten im Strome der Welt stehenden Mannes! Religion aber und Judenthnm, sie erfordern oie höchste Selbstlosigkeit, sie umgeben den Menschen vom ersten Frühroth der Kindheit bis ins späteste Gr eisenalter mit einem Kreis von Pflichten, die alle darauf ausgehen, die Eigenliebe darniederzuhalten und die Sterblichen zur höchsten Anschauung aller selbstlosen Kräfte anzuhalren. Das will jeder Sabbat, wenn er die Welt an Gottes Allmacht zurückzugeben befiehlt, das will jedes Speiseverbot, wenn es die Lüfte zügelt, das will jedes Fest mit seinen Erinnerungen an Gottes Gnade und an der Väter Treue, das wollen sie alle, die Gebote und Verbote, die wre ein dusliger Blumenkranz um des Israeliten Dasein sich winden. Daß aber diese Gebote und Verbote gerade für den Gebildeten so leicht zum Dornenkranze wenden, dessen Stiche er lästig empfindet und den er daher unwillig von sich wirft, das beweist eben, wie falsch es ist, moderne Bildung und Judenthuin auf gleiche oder auf eine ähnliche Linie zu stellen. Und endlich mag zugegeben werden, daß es religionslose Männer giebt, die „eminente Charaktere" sind. Allein wiederum beweist das nicht, daß solche Männer mit Recht und zu ihrem Heile die Religion entbehren; denn einnral gehört, wie gesagt, zu den Wirkungen der Religion viel mehr und viel Höheres als die Ausbildung des Charakters. Das Judenthum soll der Welt den Frieden und den Rationen die Erlösung brülgen. Wie viele hervorragende Kräfte, die in solchen religionslosen Männern von Charakter verborgen ruhen, könnten im Dienste des Judenthums fördernd und befreiend wirken; aber diese Männer sind eben religionslos, sie stehen abseits vom Judenthum und haben keinen Sinn für Ideale. Sie bedürfen so sehr wie jeder Andere der Religion, ja, nach dem Gesagten, noch mehr als jeder Andere. Und dies außerdem noch aus einem zweiten Grunde, darum nämlich, weil die Religion erst der materalistischen Weltanschauung, die in solchen Männern vorzuherrschen pflegt, die richtigen Zügel anlegen, ihre Forschung auf das richtige Maß zurücksühren würde. Es ist auch ein Stück Charakter, die Größe Gottes anbetend im Staube zu verehren und die urenschliche Ohnmacht demüthig anzuerkennen gegenüber der Unendlichkeit des Weltenherrn und seiner Schöpfung.' Auch hierbei zeigt sich „in der Beschränkung erst der Meister!" Und darum können wir getrost behaupten, daß nicht nur in der Charaklergröße solcher Männer kein Beweis für die Entbehrlichkeit der Religion bei Gebildeten gegeben ist, sondern daß im Gegentheil gerade solche Art von Gebildeten der Religion in hohem Grade bedürfen. Es ist vor Kurzem in einer jüdischen Zeitschrift ein Aufsatz von Mar Nord au erschienen, der einen vernteintlichen Niedergang des Judenthums aus der Thatsache herleitet, daß gerade die Gebildeten und intelligenten Kreise des Judenthums sich immer mehr von ihrer Religion abwenden. Auch auf dem Ge meindetage hat Herr Prof. Philippsohn dieser Anschauung Ausdruck gegeben. Er ries zur Einführung eines geregelten Religionsunterrichtes auf, damit nicht „das Judenthum zur Religion der Krämer und Landleute wird!" Nach unseren Ausführungen steht der Abwendung dieser Eventualität nichts mehr im Wege als die auf dem Gemeindetage unwidersprochen geäußerte Idee, daß andere Bildungsmittel die Religion ersetzen können. Man predige diese Idee in alle Lande hinaus und bald wird das Judenthum überhaupt verschwunden sein! Vorläufig jedoch braucht sich der ärmste und dürftigste und ungebildetste unter unseren Brüdern, der mit aufrichtigem Herzen seinen Sabbat ehrt und den Lehren seiner Religion treu ist, in dem Bewußtsein nicht stören zu lassen, daß er für die Zukunft des Judenthums mehr leistet, als alle Gebildeten, die der Religion den Rücken kehren, zusammengenommen! Zeitungsnachrichten und Correspan-enzeir Deutschland. Mainz, Dez. Kurz vor Abschluß unserer heutigen Nummer erhalten wir folgende Berichtigung: Im Aufträge Großberzoglicken Tberraths der Israeliten ersuchen wir Sie auf Grund des $ tl des Preßgesetzes, die in Nr. 06 des „Israelit" enthaltene Korrespondenz aus Karlsruhe dahin zu berichtigen, daß weder die genannte Behörde als solche, noch das in dem Artikel bezeichnete juristische — nicht „geistliche" — Mrtglied derselben mit den fraglichen Streitfällen über Entrichtung von Tranungsgebühren irgendwie befaßt gewesen ist. Karlsruhe, den 1. Dezember 1890. Sekretariat Gr. Oberratbs der Israeliten: Einstein. Wir lverden aus den Gegenstand in einer der nächsten Nummern zurückkommen.

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