Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 97 (3.12.1896)
- Date
- 1896-12-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1854 dagegen auftreten würden.^Sollten etwa diese Herren bei ihren Predigten auf die gebildete Zuhörerschaft so gerne verzichten, daß sie die Entbehrlichkeit der Religion für die Gebildeten als ein Axiom hinstellen hören, ohne mit der Wimper zu zucken? Die Mittheilungen vom deutsch-israelitischen „Gemeindebund" gehen jetzt in tausenden von Exemplaren in alle Gaue des deutschen Reiches, der stenographische Bericht über den Gemeindetag wird von zahllosen Israeliten gelesen: Ja, da wird wohl manch Einer sich sagen, auch er gehöre zu jenen Gebildeten, die ohne Religion fertig werden können; die Grenze, wo die Höhe der Bilduna für die Beiseiteschiebung der Religion genügend ist, sie haben ja die Herren Redner nicht festgesetzt; sie wird sich also ein Jeder festsetzen! Es ist klar, wieviel Unheil eine solche unwidersprochene Aeußerung bei urtheilslosen Lesern anrichten kann, noch dazu, wenn sie ohnehin bereits wankend sind und durch die Schwierigkeit der Zeitumstände oder die Macht der Verführung ohnehin nicht mehr ganz auf dem Boden ihrer Religion stehen. Bei solchen kann jene Aeußerung, um mich so auszudrücken, „dein Fasse den Boden einschlagen!" Mit wenigen Worten sei daher die Unrichtigkeit und die Verkehrtheit der mehrerwähnten Anschauung nachgewiesen. Zunächst mag zugeftanden werden, daß es noch andere „Bilvunasmittel" gibt, als die Religion. Aber ich frage: Ist Religion, ist insbesondere die jüdische nicht mehr, tausendmal mehr als ein bloßes Bildungsmittel? Für ein Bildungsmittel hätte es wahrscheinlich nicht der Majestät einer sinaitischen Offenbarung bedurft, hätte kein Moses den Undank und die Widerspänstigkeit eines Volkes sein ganzes Leben lang ertragen, wären keine Makkabäer den heldenhaften Opferlod gestorben, wären nicht so viele Hundertlausende unserer Stammesgenosien freudigen Herzens dem Feuertode entgegen gegangen! Ist Religion, ist Judenthum nicht mehr, ist es nicht vielmehr die erhabenste aller Ideen, die ihre treuen Bekenner und Vertheidiger mit einem unauslöschlichen Feuer der Begeisterung erfüllt, wie cs wahrlich ein bloßes Bildungsmittel nimmer vermöchte?! In Judenthum nicht gleichbedeutend mit Entsagung, und gehen etwa die modernen Bildungsmittel alle mit eifriger Bemühung darauf aus, den Menschen jene schwierige Kunst der Selbstüberwindung zu lehren, zu der das Judenthum seine wahren Anhänger heranzieht? Wo sind denn die Früchte und die Erfolge, durch welche die modernen Bildungsmittel ihren Anspruch, die Religion zu ersetzen, Nachweisen können? Sind es etwa die leeren Synagogen? Oder der sich mehrende Abfall? Der zunehmende Vecrath am Judenthum? Ja, sind es nicht gerade jene ominösen, außerreligiösen Bildungsmittel, die der Religion als solcher direkt entgegenarbeiten, die ein Geschlecht von Zweiflern und Nörglern, ein Geschlecht von Abtrünnigen und ReligionsVerächtern herangezogen haben? Jeder junge Kaufmann, der heutzutage bei „Reklam" sich die Abstammungslehre von Darwin gekauft hat, glaubt sich schon gebildet genug, um über alle Religion den Stab zu brechen, er hat ja andere Bildungsmittel! Der König David gehörte doch gewiß zu den „Gebildeten" seines Zeitalters; er hatte das Herz voll Gefühl und die Brust voll heiliger Gesänge, die er in herrlichen Liedern ausströmte; er war der erste seines Volkes und seiner Zeit, aber er war auch der erste, wo es den Dienst der Religion galt, er äußerte beim Einzug der Bundeslade seine Freude tanzend vor allem Volk und wußte seinem Weibe Michal, das ihn deßhalb tadelte, die rechte Antwort zu geben. Ein Gebildeter in unserer Zeit jedoch, wozu braucht der an jedem neuerwachten Morgen die Tefillin um Kopf und Arm zu legen? Er ist ja ohnedies ein Gottesstreiter mit Geistes- und Körperkraft, er zügelt ja Kopf, Hand und Herz mit heiligen Zäunen; wozu die eintönigen Zeichen, die lästigen Mahner Tag für Tag her vorsuchen? Die Bildung ersetzt das Alles! Solch ein Gebildeter, wozu braucht der am Sabbat auf den Genuß der gewohnten Cigarre zu verzichten? Wozu braucht er die Speisegesetze zu beobachten? Er hat ja seine Bildung, die ihn schon im rechten Augenblick den Verzicht und die Entsagung lehren wird! Nicht wahr, ein solches Geschlecht von Gebildeten war es, das vor 400 Jahren auf der pyrenäischen Halbinsel lieber aus der angestammten Heimatb, von den Gräbern der Väter hinweg, in Roth und Elend hinauszog, als daß es seine Religion, sein Judenthum preisgegeben hätte? Nicht wahr, die Juden in Spanien hatten um die Zeit der Vertreibung den Sabbat aufgegeben und die Feste nicht mehr gefeiert, sie aßen am Peßach Gesäuertes und wußten nichts mehr von Schofar und Lulav, sie waren „auf andere Weife" sittlich geworden, und darum hatten sie für alle jene Gebote, hatten sie für ihr Judenthum geblutet? Ja, ohne Ironie gesprochen, wenn es wahr wäre, daß Religion, daß Judenthum in dem Menschen nicht mehr bewirken soll, als daß er sittlich werde, dann könnte man die Konzession wagen, die Religion mit anderen Bildungsmitteln gleichzuftellen, obwohl religiöse Sittlichkeit stets tiefer sitzt und nachhaltiger wirkt, als anders erworbcne. Aber das Judenthum will mehr als Sittlichkeit, es will th atens r e udi g e Begeisterung. Jude sein, heißt (heute mehr denn je): kämpfen, kämpfen gegen die Verführung von außen und von innen; nun wohl, wie weltenfern stehen in diesem Sinne die gepriesenen BildungSniittel von der wahren Religion ab, die zwar auch sittlich macht, aber zugleich stärkt rmd stählt zu treuem Ausharren, zum Kampfe!