Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 97 (3.12.1896)
- Date
- 1896-12-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448608-2448697--42943-2491969- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
«TTTIt Jahrgang. Erste Kellage M M 97 -es „3sraelif. Leitender Artikel. Religion und moderne Bildung. Von Rabbiner Dr. A. Atkermanir, —Brandenburg a. H. Auf dem diesjährigen Gemeindetag des Deutsch-, israelitischen Gemeinvebundes wurde nach vorhergehender Debatte der Beschluß gefaßt, entscheidende Schritte behufs Erlangung des obligatorischen Religionsunterrichts an den höheren Lehranstalten zu unternehmen. Jeder Freund des Judenthums, jeder, dem das Wohl und die Blülhe unseres Volkes, wie die ungetrübte Erhaltung seiner religiösen Ideale am Herzen liegt, wird den Beschlüßen des Gemeindetages aus tiefster Seele beipflichten. Er wird es gern begrüßen und es wird ihn mit Freude und Stolz erfüllen, daß der muthige Weg der Selbsthilfe zur Erlangung eines Rechtes eingeschlagen wird, welches uns ohne unser Zuthun nimmermehr in den Schoß fallen würde, und er wird willig und freudig sein Theil beitragen, das Ziel verwirklichen zu helfen. Gleichwohl jedoch darf meines Erachtens ein Punkt, der mit dem Zustandekommen der Beschlüsse des Gemeindetags in Beziehung steht, nicht unerwähnt bleiben. So großartig und segensreich nämlich diese Beschlüße sein mögen, so sind dennoch auf dem Gemeindetage selbst Urtheile über Religion und Judenthum gefällt worden, die leider unerwiedert geblieben sind, die erst jetzt, nachdem in den „Mittheilungen vom Deutsch-israelitischen Gemeindebund" der stenographische Bericht des Gemeindetages erschienen ist, einer weiteren Oeffentlichkeit zugänglich werden und die eine ganz entschiedene Zurückweisung verdienen. Herr Mako wer, der mit seinem bekannten, der Sozialdemokratie abgelauschten Standpunkte, daß die Religion Privatsache und daher ein Religionsunterricht an höheren Lehranstalten überhaupt nicht wünschenswerth sei, wohl niemals viele Anhänger finden wird — Herr Makower thut in seiner Rede („Mittheilungen" S. 16) folgende Aeußerung: „Die Richtung der Zeit geht dahin, die Kinder am Religionsunterricht theilnehmen zu laßen, und wenn wirklich ein paar Kinder keinen Religionsunterricht haben, so ist noch nichts verloren. Man kann auch auf ganz andere Weise sittlich werden; es gibt noch andere Bildungs- Mittel!" Also, die Religion ist ein „Bildungsmittel", ist ein Mittel, um sittlich zu werden; wer dies aber auf andere Weise wird; wer mit anderen Bildungsmitteln an sich selbst arbeitet, der kann die Religion — entbehren! Wie wenig sich eigenthümlicherweise in der Versammlung ein Widerspruch gegen diese Anschauung bemerkbar machte, ersehen wir aus den Worten des Herrn Professor Philippsohn, der sich gegen den Gedankengang der Makower'schen Rede wendet, dies im ganzen auch recht glücklich thut, der aber die in den cttirten Worten des Herrn Makower enthaltene Anschauung nicht nur nicht zurückweist, sondern dieselbe — wenn auch unbewußt — bekräftigt und durch Beispiele erhärtet. „Ich kenne selbst Männer," sagt Prof. Philippsohn (ebenda) „die vollständig religionslos sind, auf materialistichem Standpunkt stehen unv dabei doch die besten Charaktere jiiiD, die man sich vorstellen kann. Aber das trifft nur auf einzelne hochgebilvete Männer zu, für Die große Menge ist eine religiöse Erziehung zur Erhaltung der Sittlichkeit unbedingt nokhwendig." Und weiterhin (S. 17): „Ein gebildeter Mensch findet vielleicht noch auf anderen Gebieten Anlaß zu idealem Streben, aber einer, der in engen Begriffen und Verhältnißen erwachsen ist, ohne Anweisung in Religion und Sittengesetz, kennt nur den Erwerb und den Sinnengenuß." Ich weiß, und der Zusammenhang der Rede ergibt es, daß die Tendenz dieser Worte des Herrn Prof. Philippsohn nicht der Tendenz der Worte des Herrn Makower entspricht, und es wäre gegen die ersteren durchaus nichts einzuwenden, wenn nicht die letzteren ihnen unmittelbar vorhergingen. Es ist durchaus angängig, zum Beweise der Nothwendigkeit eines umfaffenden Religionsunterrichts die Meinung zu zerstreuen, als ob das Vorhandensein einiger religionsloser und doch charaktervoller Männer jener Nothwendigkeit widerspreche. Das allein will Herr Prof. Philippsohn. Aber, nachdem kurz zuvor Herr Makower leichthin es als unwesentlich bezeichnet hatte, wenn ein eine Kinder keinen Religionsunterricht genießen, weil es ja möglich sei, auch auf andere Weise sittlich zu werden, so mußte es als sehr gefährlich erscheinen, durch ein scheinbares Eingehen auf diese Idee ihr gewißermaßen eine Stütze zu bieten. Und dieses thut Herr Prof. Philippsohn. Es muß, wie gesagt, merkwürdig erscheinen, daß die Versammlung solche Anschauungen, welche die Religion geradezu als für die Gebildeten entbehrlich hinstellen, angehört hat, ohne sie zu widerlegen; insbesondere hätte man erwarten dürfen, daß die anwesenden Herren Rabbinen, in deren ureigenstes Gebiet doch jene Anschauung eingreift, ganz energisch