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Der Israelit · 1896-11-30 · Heft 96 (30.11.1896) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 96 (30.11.1896)
Date
1896-11-30
Page
– (sequence 10)
Language
German
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m^rnmmmm-w 1838 Hauptungen finden wir keine Beweise in anltlichen d. h. zuverlässigen Quellen, folglich nehmen wir sie aus anderen d. h. oft unzuverlässigen, und wenn gerade auch solche nicht da find, erfinden wir einige „Thatsachen!" Herr Giese hat schon einmal sich mit einer antisemitischen Arbeit versucht, er hat durch geschickte, aber nicht immer bei der Wahrheit bleibende Gruppirung amtlicher Zahlen eine antisemitische Kriminalstatistik zusammengeftellt. Seinerzeit haben wir diese tendenziöse Gruppirung, die Rechenfehler rc. seiner Arbeit ebenfalls an dieser Stelle aufgedeckt und seitdem ist die absolut auf den amtlichen Quellen beruhende Kriminalstatistik des Komites zur Abwehr antisemitischer Angriffe erschienen. Herrn Giese ist offenbar die Lust vergangen sich noch einmal mit den amtlichen Zahlen zu befassen, er verzichtet lieber überhaupt auf diese Quellen und er thut Recht, von seinem Standpunkt, denn die amtlichen Quellen sind jedesmal die besten Widerlegungen antisemitischer Agitation gewesen. Was Herrn Giese aber an Zuverlässigkeit der Quellen abgeht, sucht er durch um so kräftigeren Brustton und durch eine Selbstüberhebung ohne Gleichen zu ersetzen, mit denen er über alle Dinge spricht. Daß dabei nicht nur die Juden schlecht wegkommen, daß er vielmehr über alle alten Parteien in gleich hochmüthiger Weise aburtheilt, versteht sich von selbst, ebenso freilich auch, daß er von all' den Schwierigkeiten, die sich der Lösung der sozialen Frage und all den anderen politischen Fragen entgegensetzen, gar keine Ahnung hat. Wenn er z. B. internationale Regelung der Währungsfrage als Bedingung stellt, ist er jedenfalls sehr leichtherzig, denn daß seine antisemitische Partei jemals die Mittel haben sollte eine internationale Regelung herbeizuführeu, ist doch auch dann ausgeschlossen, wenn man selbst daran glaubt, daß sie in Deutschland je zur Herrschaft käme- Wenn er dann aber verräth, daß in dieser Partei selbst die einen für Gold-, die andere siir Silber-, ein dritte Gruppe gar für Doppelwährung ist und selbst hinzusetzt die Frage: welche Währung? ist für die Partei von untergeordneter Bedeutung, nur die internationale Regelung hat Zweck, so verräth er eben hiermit seine Urtheilslosigkeit. Charakteristisch für Herrn Giese und sein Buch ist auch Folgendes: Er spricht von der Exportinduftrie und gesteht zu, daß sie vielen Tausenden, er rechnet sogar 2 Millionen, das Brod schaffe, von dem sie leben. „Wäre es nun ein Unglück," fragt er, „wenn diese zwei Millionen nicht im Lande lebten?" Und an einer anderen Stelle schreibt er: „Schafft die Exportinduftrie in einem Jahre für 1000 Mann neue Arbeit, so sinken 1000 Mann weniger auf diese unterste Stufe der Verlorenen hinab, sie gründen aber Familien, die Bevölkerung wächst entsprechend, und was ihnen erspart geblieben ist, vollzieht sich vielleicht an ihren Kindern, denn ein gewisser Bruchtheil der Bevölkerung wird nun einmal stets hinabgedrängt." Für uns gewöhnliche Menschenkinder würde diese Theorie eine Aufforderung enthalten, an der weiteren Entwickelung der Exportindustrie mitzuarbeiten, um auch die Kinder dieser 1000 Arbeiter vor deni Versinken in die Reihen der Verlorenen zu bewahren. Anders der gefühlvolle Giese. Dieser Mann, der sich als die politische Seele einer Partei, freilich der antisemitischen gerirt, sieht an der möglichen Arbeitslosigkeit einer späteren Generation nur die Veranlassung, lieber schon die jetzige arbeitslos zu machen, indem man die Exportindusirie beschränkt. Diejenigen, die nicht in der Landwirtschaft oder dem Handwerk Arbeit finden können, sollen zu Grunde gehen oder auswandern. Es wird wohl noch Zeit haben, bis solche herzlose Maximen die Herrschaft in Deutschland erlangen werden, aber sie sind charakteristisch für die antisemitische Partei, deren ganze Presse einen Lobeshymnus über Gieses Buch angestimmt hat. Wir Juden würden freilich nie für solche Herzensroheit zu haben sein. Roch ein drittes Beispiel. Bekanntlich hat der Kaiser gesagt, die Welt stünde jetzt im Zeichen des Verkehrs; Herr Giese aber findet, daß die Welt unter einem Uebermaß von Verkehr leidet. (Von Giese selbst gesperrt gedruckt.) Derartige reaktionäre Ansichten richten sich zum Glück selbst, sie sind kaum als Gefahr zu bezeichnen. Daß in dsisem Buch auch die Juoenfrage berührt wird, daß dies mit allerhand unwahren Berichten und Behauptungen geschieht, ist ebens natürlich bei einem Schrfflsüller wie Giese. Z. V. kommt immer wieder die Anschuldigung, daß die Juden nicht arbeiten wollten, daß schon die Bibel die Arbeit gering schätze, während das Ideal jedes Deutschen die fleißige Arbeit von den Urvätern her gewesen sei. Ob der Verfasser nicht weiß oder nicht wissen will, daß Tacitus schon von den alten Deutschen erzählt. daß sie dw Arbeit für entwürdigend hielten? Nur Frauen und Sclaven arbeiteten, der freie Mann, wenn er nicht fechte oder jage, trinke eben und spiele. Dieses Arbeitsideal der Urgermanen ist eben nicht jüdisch und wird es nie ftin. Für Grese gilt als Jude jeder Mann mit seiner ganzen Familie, unter dessen Eltern oder Großeltern ein Jude oder Jüdin war. Eine wirkliche Ausdehnung des Begriffes der Judenheit nach Gieseschcm Recept dürfte mancherlei Personen dem jüdischen Stamme zuführen, die heute von der Zugehörigkeit keine Ahnung mehr haben. Wir haben wohl genug der Beispiele angeführt, um das Giese'sche Machwerk zu kennzeichnen, wir

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