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Der Israelit · 1896-11-30 · Heft 96 (30.11.1896) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 96 (30.11.1896)
Date
1896-11-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXTH. Jahrgang. Beilage M M 86 des „Israelis. Leitender Artikel. Dkl AütlskNttlsmlls Ml dm Werk rill jlaatsmSMislhkn Partei. Bei der dieser Tage stattgehabten Reichstags- Stichwahl in Gießen erhielt der sozialdemokratische Eandidat 5956 Stimmen, der antisemitische hingegen eine Stimmenzaht von 9657. Wenn nun auch dieses Resultat nur in Folge von Bündnissen mit anderen Parteien zu erreichen war, so giebt dasselbe doch sehr zu denken. Ist der Antiseinitismus im Aufblühen? Vor wenigen Wochen beschrieb ein Führer der radikalen Antisemiten den Niedergang dieser Partei. Herr von Mosch, der Schreiber dieser Schilderung, behauptete, daß die antisemitischen Zeitungen kaum im Stande seien, sich bei der allgemeinen Indolenz zu halten, daß die Vereine eigentlich überhaupt nicht mehr eristirten, sondern nur mühsam ein Scheinleben führten durch Landpartien, Maskenbälle rc. und er machte für diesen Rückgang — vor allem diejenigen Führer der Partei verantwortlich, welche sich der staatsmännischen Allüren rühmten und die Partei auf diese Wege leiteten. Herr von Mosch führte aus: Durch diese Persönlichkeiten in erster Linie Liebermann von Sonnenberg und Jskraut, die den Antisemit ismus durchaus in die gleiche Reihe mit anderen Parteien stellen wollten, seien der frische Zug und das Leben abhanden gekommen, das früher die Volkspartei Böckels ausgezeichnet habe. In dieser Schilderung liegt sehr viel wahres, wir müssen Herrn von Mosch's Beobachtungen bestätigen, die Zahl der antisemitischen Versammlungen ist sehr viel kleiner geworden und diese sind schlecht besucht, die Zeitungen gehen eine nach der anderen ein, und von dem lebhaften Treiben Ahlwardts und Böckels ist nicht viel mehr zu spüren. Aber wir wissen, daß andere Gründe diese Erscheinung verursacht haben, nicht die Schuld der Führer ist es, wenn das Publikum der Einseitigkeit der Judenhetze überdrüssig geworden ist und nachdem es die Helden dieser Hetze schon einige Rial hat reden hören, nicht mehr zu ihren Vorstellungen gehett will. Der Rückgang der Partei ist unleugbar. Aber so sicher diese Thatsache ist, ist sie geeignet uns zu beruhigen? Wir meinen, nein. Nur die Form, in der sich der judenfeindliche Geist äußert, hat sich geändert, und nach dem Verstummen der lauten Hetze bleibt die neue Art, die staatsmännische, wie wir sie nennen wollen, übrig und gerade sie ist die bei weitem gefährlichere. Die Partei vollzog eine Wandlung, aus der radikalen Partei der Straße, die allen anderen politischen Gruppen verhaßt war und mit der keine einzige ein Bündniß eingehen wollte, wurde sie eine politische Fraktion, der ihre Vertretung in dem Parlement ein Gewicht verlieh. Dieses Gewicht mochte an sich nicht sehr groß sein, aber die zerrissenen Parteiverhältnisse unseres Parlaments brachten es mit sich, daß auch die 15 antisemitischen Stimmen zu einem bedeutsamen Faktor werden konnten. Ihre neue gemäßigtere Form, das Aufgeben des radikalen Aeußeren, machte sie bündnißiähig und wir dürfen uns nicht darüber täuschen, daß, seit sie das freundschaftliche Verhättniß mit dem Bund der Landwirthe und den Conservativen hat, auch ihr Einfluß auf die Regierung ungleich größer ist als früher. Maßregeln der Regierung wie das Vorgehen gegen die jüdischen Lehrerinnen in Berlin, die Einbringung des Assessorenparagraphen w. sind deutliche Beweise von der Richtung, der wir zusteucrn. So bleibt denn das Resultat: die antisemitische Partei hat, seit sie staatsmännisch wurde, an Popularität eingebüßt, uns ist sie aber um so gefährlicher geworden. Einen weiteren Schritt auf diesem Wege der Entwickelung bedeutet das neue „Antisemitische Handbuch" von W. Giese, besonders wenn man es mit dem Antisemiten - Katechismus vergleicht. War der letztere, bisher das Hauptbuch der Partei, doch nichts anders als ein mit allen Mitteln der Wahrheit oder Unwahrheit unterstütztes Geschimpfe auf die Juden, so bemüht sich Giese in seinem Handbuch eineStellungnahme der antisemitischen Partei zu allen Fragen des politischen und sozialen Lebens zu konstruiren. Es soll eben eine Arbeit werden, so wie das A. B. C. Buch der freisinnigen Partei und ähnliche Schriften der anderen politischen Parteien. Wir wollen in folgendem betrachten, in wie weit Giese diese Aufgabe gelöst hat. Der Verfasser schickt dem Buche eine Vorrede voraus, in der er ausführt, daß demselben zunächst noch das Zahlenmaterial fehle, das die gleichen Bücher anderer Parteien brächten. Man habe in Aussicht genommen alljährlich ein Jahrbuch erscheinen zu lassen, in dem diese Ziffern ebenfalls gesammelt werden würden. „Es wird freilich anders aussehen, als das Material des freisinnigen A. B. C. Buches, denn die Thatsachen, auf die sich die antisemitischen Forderungen gründen, finden sich vorläufig noch nicht in amtlichen Quellen." Dieser Satz in ein verständliches Deutsch übertragen, besagt: „Für unsere Be-

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