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Der Israelit · 1896-11-30 · Heft 96 (30.11.1896) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 96 (30.11.1896)
Date
1896-11-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1832 hübsche Illustration, wie weit die confessionelle Hetze, der politische confessionelle Boycott, den unlängst der Oberste Gerichtshof in scharfer Weise als gesetzverbtzend gegeißelt hat, in Wien gediehen ist. Jnteresiant war hiebei die Aeußerung des Strafrichters Dr. Biehal, der den „Kauft nicht bei Juden!"-Standpunkt energisch zurückwies. Es handelte sich um folgenden Vorfall; Am 16. Oktober wollte der Hausbesitzer im zweiten Bezirke Johann Gaiblinger seiner Gattin einen neuen Hut kaufen, weßhalb er in ein in der Taborstraße befindliches Mooistengeschäft trat. Er rief die im Geschäfte befindliche Frau Fanny Kohn heraus und vor der Thür des Lokals entspann sich folgender Dialog: Gaiblinger: „Sind Sie von dem Geschäfte da?" — Frau Kohn : „Jawohl!" Gaiblinger: „Sind Sie eine Jüdin?"—Frau Kohn! „Ja!" Gaiblinger: „Guten Tag! Bei Juden kauf' ich nichts!" Hierauf drehte er der Frau den Rücken und entfernte sich. Frau Kohn war ganz verdutzt und in einer mächtigen Aufregung rief sie ihm eine beleidigende Aeußerung nach. Gaiblinger notirte sich die Firma, die „Iva Kohn" lautete, und brachte unter diesem Namen eine Ehrenbeleidigungsklage ein. Bei der Verhandlung vor dem Richter des zweiten Bezirkes, Adjuncten Dr. Biehal, gab der Vertheidiger der irrthümlich geklagten Jda Kohn, Advokat Doctor Tauber, den oben geschilderten Sachverhalt bekannt und derselbe wurde auch vom Kläger gar nicht bestritten. Derselbe erklärt nun, daß er die Klage zurückziehe, da er die Tochter statt der Mutter geklagt habe. Erstere wurde hierauf freigesprochen, worauf der Richter (Adjunct Dr. Biehal) dem Kläger bedeutete, seine Klage wäre auch dann höchst merkwürdig, wenn sie gegen die richtige Person eingebracht wäre, er habe ja ganz unerhört provocirt, und es dürfe in Wien denn doch uicht so weit kommen, daß man die Inhaberin des Geschäftes Herausrufe und sie um ihre Confession frage und verletze. Aus Ungarn. (Ein interessanter Brief.) Eine der bekanntesten Gestalten der ung. neologen Judenheit kehrte dieser Tage von einer Orient-Reise zurück. Gelegentlich seiner Anwesenheit in der heiligen Stadt Jerusalem nzz'ti besuchte er den dortigen Chacham Baschi, Rabbi Saul Jakob Eliaschar, von welchem er auch einen Brief an einen der hervorragendsten orthodoxen Rabbinen Ungarns, nämlich an feine Ehrwürden Herrn Sußmann Soffer n, Oberrabbiner zu Paks mitbrachte. In dem Brief — der selbstverständlich hebräisch geschrieben ist — bittet der ehrw. Schreiber seinen ungarischen Kollegen, daß er seinen Einfluß dahin geltend machen möge, daß zwischen den orthodoxen und neologen Juden Ungarns eine Unifikation zu Stande kommen möge! Wir unserseits haben zu dieser Bitte nur so viel zu bemerken, daß wir wohl keinen Augenblick an den guten und ehrlichen Absichten, des sowohl als fromm als auch als hochgelehrt bekannten Briefschreibers zweifeln, anderseits es aber auch bei uns feststeht, daß, wenn er die hierzulande obwaltenden Verhältnisse auch nur einigermaßen kennen möchte, er die erwähnte Bitte unterlassen haben würde; denn jede Unifikation zwischen den hierländischen Orthodoxen und Neologen müßte unbedingt die höchste Gefährdung der heiligsten Jntereffen des traditionellen Judenthums nach sich ziehen, welches der Herr Rabbiner aber durchaus nicht wünschen kann. — (Ueber tritt, resp. Zurücktritt zum Judenthum.) Ungarn war seit je ein Land der Gewissens-Freiheit und religiösen Toleranz, wie kaum ein zweites mehr in Europa, und doch sind — auffallenderweise — die meisten europäischen Staaten Ungarn betreffs Schaffung religiös-freiheitlicher Jnstilutionen und Gesetze mit vielen Dezennien zuvorgckommen; zu diesen Gesetzen gehört auch das des freien Uebertrittes, resp. Zurücktrittes zum Judenthum, welches in Ungarn erst ein Jahr alt ist. Es war eine wahre Ironie des Schicksals, daß jedesmal, wenn ein ung. Staats-Angehöriger christlicher Confession sich in den Bund Israels aufnehmen lasten wollte, er nach dem benachbarten antisemitischen Wien hinaufpilgern mußte; nunmehr aber kann er den Glaubens-Wechsel auch im eignen Vaterlande ungehindert und ungestört vornehmen. Es trafen sich auch bereits mehrere, die von diesem Rechte Gebrauch machten. So wurde vor Kurzem in S o sanz ein christlicher Baumeister Namens K a v a s y unter Assistenz des dortigen Rabbiners öffentlich in den Bund Abrahams ausgenommen. Dieser Tage waren es wiederum eine Frau sammt ihren drei Kindern in Alt-Ofen, die dem Gotte Israels Treue schworen. Letzterer Fall verdient um so mehr veröffentlicht zu werden, da es ein Uebertritt aus reinster Liebe für die jüd. Religion war. Vergebens bot der unbemittelten Frau ein wohlhabender Bruder 1000 Gulden an, daß sie von ihr em Vorhaben abstehe, vergebens waren die Drohungen ihres früheren kath. Geistlichen und wirkungslos blieben auch die Verwünschungen ihrer Mutter; keine Macht auf Erden konnten sie von ihrer Hinneigung zum Judenthume abhalten. — Auch in der Hauptstadt sollen schon mehrere Ueber- und Rücktritte zum Judenthume stattgefunden haben; unter Letzteren auch eine Person von hoher sozialer Stellung, die ihren diesbezüglichen Schritt mit „Streben nach Wiedergewinnung der längst geraubten Seelenruhe" motivirt. — (Plötz licher Tod eines orth. Rabbiners.) Der sowohl wegen seiner hohen Gelehrsam-

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