Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 95 (26.11.1896)
- Date
- 1896-11-26
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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1822 doch das Gutachten des Grafen Scheremetjew noch mehr würdigen zu können, höre man das Urtheil, welches die Nowoje Obosrenje, das Centralorgan des kaukasischen Gebietes, über die Juden in Kaukasien fällt. Dieses von orthodoxen Christen redigirte Blatt schreibt nämlich : „Die kaukasischen Juden zeichnen sich nur durch ihre Religion von den eingeborenen Stämmen des Gebietes aus. Diese Juden, welche früher Leibeigne waren, wohnen jetzt hauptsächlich in den Dörfern und genießen die bedingungslose Achtung aller ihrer Mitbürger. Trotz ihrer verschwindenden Minorität in verschiedenen Dörfern werden aus der Mitte der Juden Richter, Dorfälteste und Gemeinderäthe gewählt. Sogar nach der neuen Städteordnung, welche die Zahl der jüdischen Mitglieder der Städte- und Stände-Verwaltungen beschränkt hat, werden die Juden zu solchen Funktionären gewählt, weil sie durch ihre Ehrlichkeit und Redlichkeit die Achtung Aller genießen/" Aber auch das Gutachten über die Rolle der Juden im Südwest- Gebiete lautet nicht ungünstig für unsere Glaubensgenoffen im Czarenreiche. Als Beispiel können die publicirten Daten über die Beschäftigung der Juden in Odeffa gelten. Von den in Odessa wohnenden 120,000 Juden leben 04,598 von ihrer Händearbeit, während nur 8,349 Juden liberalen Professionen nachgehen. Somit bildet die arbeitende Klaffe der Odeffaer Juden 90 Procent der ganzen jüdischen Bevölkerung der Stadt. Und wir erinnern uns, daß die antisemitische Presse von Odessa noch vor Kurzem den Muth hatte, zu behaupten, die gesammte jüdische Bevölkerung von Odessa kehre der physischen Arbeit den Rücken und lebe von dunklen Gffchäftsmachereien. Wie es mit der Wahrheit dieser Behauptung bestellt ist, erfahren wir noch aus einer anderen Quelle, und zwar aus dem Handelsberichte der Odeffaer Handelskammer. Auch in diesem Berichte wird konstatirt, daß die Juden in Odeffa meistens im Schweiße ihres Angesichtes ihr tägliches Brod verdienen. Nebst all' diesen Gutachten sind noch die Petitionen um Rückberufung der Juden hervorzuheben, welche zahlreiche Stände-Verwaltungen an das Ministerium des Innern gerichtet hatten, weil auch in diesen Petitionen die Wahrheit zum Durchbruche kommt, daß die Juden ein Element bilden, das die Interessen der Bauern fördert. Man sollte also glauben, daß die Judenkommission unter dem Drucke der zu Gunsten der Juden abgegebenen Gutachten wenigstens dieSchaffung von neuen Beschränkungen gegen die Juden hintertreiben werde, allein die Praxis beweist, daß die Judenkommission zu solchen Beschränkungen ihre Zustimmung gibt. Die Direction der Staatsbahnen, z. B., hat an das Verkehrs Ministerium die Bitte gestellt, man möge den Juden gestatten, in der Nähe von Eisenbahnstationen Grund und Boden zu pachten. um dort Waarenniederlagen und Transport-Lagerhäuser zu errichten, da sie dadurch die Einnahmen der Staatsbahnen vermehren. Das Verkehrsministerium, an dessen Spitze der humane Fürst Chilkow steht, war bereits geneigt, der Bitte der Direction der Staatsbahnen zu willfahren, da erschien dasMinisterium des Innern im Vereine mit der Judencommission und legte sein Veto ein . . . Wozu also die ganze Comödie? Nicht einmal Macchiavelli hätte eine solche Comödie gutgeheißen, um Wehrlose zu überfallen. Die den Juden günstige Gutachten werdet: unter Schloß und Riegel gehalten, während die Lügen der Judenfeinde überall Verbreitung finden, um das unhaltbare Leben der Juden noch unhaltbarer zu gestalten. Damit ist die Thätigkeit der Judenkommission bis jetzt gekennzeichnet: bello di fuori, a deutro la magagna . . . Kaiser Nikolaus II., der ein wohlwollender und jeder Lüge abholder Monarch ist, ist es Vorbehalten, auch die Judencommission an ihre patriotische Pflicht zu ermahnen. Der russische Afrika-Reisende Capitän Leo nt j ew, der bekannte Vertrauensmann des Negus Menelik von Abyssinien, publizirt in der jüngsten Nummer der „Nowoje Wremja" einen Artikel unter dem Titel „Die abpssinischen Juden", der allgemeines Interesse verdient. Die Ansiedlung von Juden in Aethiopien erfolgte bekanntlich noch vor der Zerstörung von Jerusalem durch Titus. Der größte Theil des abyssinischen Volkes trat damals zum jüdischen Glauben iiber, dem die Abysfinier sogar nach der Christianisirung Äthiopiens im III. Jahrhundert treu blieben; einige Dogmen der jüdische:: Religion, wie Beschneidung, Sabbathfeier n. v. a. werden von den Abyssiniern noch heute streng gehalten. Als das äthiopische Reich von dem christlichen Herrscherstamm Zaguö übernommen wurde, trat eine Zeit der Bedrückung der Juden ein. Die Judenverfolgungen des Negus Johann und Theodor reducirten die jüdische Bevölkerung Abyssiniens auf ein Minimum. Gegenwärtig leben die Juden, welche „Falaschi" (Eingewanderte) genannt werden, in den nördlichen Provinzen Abyssiniens, in Tsegad, Doli-Bei und Buara; letztere ist der Sitz des geistlichen Oberhauptes der abyssinischen Juden. Äm Hofe des Negus Menelik zu Schoa sind einige Juden als Hofbeamte bedienstet. Die abyssinischen Juden, welche beide Idiome des Reiches, agisisch und ogarisch, sprechen, nennen sich „Kara", was so viel heißen will, als Anhänger der Bibel. Sie halten alle jüdischen Feiertage und Gebote, kennen jedoch weder den Talmud noch die rabbinische Literatur. Die Zeitrechnung führen die Juden von der Erschaffung der Welt, aber nach abyssinischem System, welches darin besteht, daß alle Monate 30 Tage zählen. Ihre Gebete verrichten die abyssinischen Juden in Synagogen, welche den