Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 95 (26.11.1896)
- Date
- 1896-11-26
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXXVH. Jahrgang. Zweite Beilage;u M 95 -es „Israelit". Leitender Artikel. Von den Ufern der Newa. (Original-Correspondenz des „Israelit.") Petersburg, 18. October. (Die Arbeiten der Judencommission. — Die Juden in Abyssinien.) Das italienische Sprichwort: „Come la castagna: bello di fuori e deutro la magagna" (Wie die Ka ftanie: schön von Außen und Innen saut) charakterisirt am trefflichsten die Arbeiten der sogenannten Judencommission, welche bereits im Jahre 1884 eingesetzt wurde, um die geltenden '„Gesetze" über die Juden einer Revision zu unterziehen und dadurch die Lösung der mit dem Regierungsantritte Alexander III aufgetauchten jüdischen Frage herbeizusühren. Das während dieser zwölf Jahre von der Commission gesammelte Material über die Rolle der Juden im ökonomischen und finanziellen Leben Rußlands hätte sogar die ausgesprochenen Judenfeinde überzeugen müssen, daß die von den Antisemiten proklamirte angebliche Schädlichkeit der Juden für das ökonomische Leben des Reiches nur die Geburt einer wahnwitzigen Phantasie ist. Während die antijüdische Presse Rußlands mit der Nowoje Wremja an der Spitze die Thätigkeit der Judencommisfion zu beeinflussen suchte, und Artikel auf Artikel veröffentlichte, die in dem Satze gipfelten, die Juden seien Ausbeuter, die die Bauernschaft dem Untergange zuführen würden, lauteten die amtlichen Gutachten über diese Frage ganz anders. Sogar Graf Kachanow, der ehemalige General-Gouverneur von Wilna, dem doch Niemand philofemitifche Tendenzen wird zuschreiben wollen und können, sprach in seinem Gutachten über die Rolle der Juden im ökonomischen Leben des Reiches dahin sich aus, daß „man müßte lügen, wenn man behaupten wollte, die Juden führen den Untergang der bäuerlichen Wirthschaften herbei. Im Gegentheile, die Bauern nehmen in ihrer Bedrängniß Zuflucht nur zu den Juden, bei denen sie stets Rücksicht und Menschlichkeit zu finden hoffen, und, man muß gestehen, auch finden." Wenn auch die Oeffentlichkeit in Rußland von dieser ehrlichen Meinungsäußerung des Grafen Kachanow nichts weiß, weil sie im Staub des Archivs begraben liegt, so ist sie doch den Mitgliedern der Commission bekannt, von der dos Schicksal der Juden in Rußland abhing und noch abhängt. Aber weder Graf Pahlen, der erste Vorsitzende der Commission, noch General v. Pleve, der zweite Chef dieses Ausschusses, waren so muthig, diese Gutachten zum Ausgangspunkt ihrer Thätigkeit zu machen. Noch mehr, die Commission aus dem Palais an der Tschernyschew-Brücke schuf Beschränkungen auf Beschränkungen gegen die Juden, obwohl autoritative Stimmen erklärten, daß sämmtliche gegen die Juden erhobenen Beschuldigungen im schreienden Widerspruche mit der Wahrheit stehen. Als aber vor ungefähr drei Jahren der Petersburger Senat an die Judencommission die Aufforderung ergehen ließ, das gesammelte Material über die Rolle der Juden im ökonomischen Leben des Reiches dem Departement des Gesetzes zu unterbreiten, da antwortete die Commission, das Material sei noch nicht vollständig, da man das Eintreffen der Gutachten der Chefs des Rordweft- und des Südwest-Gr bietes noch abwarten müsse. Nun liegen auch diese Gutachten seit mehr als zwei Jahren in der Commission, und ihre Urtheile über die Bedeutung der Juden für das ökonomische Leben des Reiches müssen unsere vielgeprüften Glaubensgenossen in Rußland mit Genugthuung, unsere Feinde dagegen mit Scham, wenn sie noch fähig sinv, sich zu schämen, erfüllen. In energischen Worten tritt Graf Scheremetjew. der Chef der Centralverwaltung von Kaukrsien, den Behauptungen der Judenfeinde über den angeblichen schädlichen Einfluß der Juden auf den bäuerlichen Wohlstand entgegen. Als Soldat, der die diplomatischen Kniffe und die Heuchelei der angeblichen Volksbeglücker verabscheut, schont Graf Scheremetjew in seinem Gutachten die Verleumder der Juden in Rußland nicht und schildert so die Thatsachen, wie sie wirklich sind: Er schreibt: „Alle unparteiische Untersuchungen, welche ich über die Rolle der Juden im Kaukasus einleiten ließ, haben ergeben, daß die Behauptungen von der Schädlichkeit der Juden für das ökonomische Leben der Bauern von der Wahrheit weit entfernt sind. Wenigstens ist es in dem mir unterstehenden Gebiete der Fall. Die Juden im Kaukasus bilden ein Element, das für die Entwicklung des Handels und der Industrie, des Handwerkes und Gewerbes mindestens von keinem Nachtheile sind. Der Absatz der bäuerlichen Produkte findet in den Juden Förderer, die das Interesse der Bauern mehr fördern als schädigen. Die jüdischen Unternehmungen im Kaukasus basiren alle auf ehrlicher Grundlage und bieten der einheimischen Bevölkerung Verdienst und Gewinn. Die jüdischen Handwerker in dem mir unterstehenden Gebiete, welche durchwegs arm sind, sind ehrlich, fleißig und arbeitsam. Somit kann ich nicht zugeben, daß die Juden im Kaukasus eine Gefahr für den bäuerlichen Wohlstand bilden." Um je-