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Der Israelit · 1896-11-26 · Heft 95 (26.11.1896) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 95 (26.11.1896)
Date
1896-11-26
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1814 zu werben. Darum, wer die Seligkeit der religiösen Treue nicht von früher Jugend an in zahllosen Fällen empfunden und gekostet, was Wunder, daß der leicht und schnell der verführerischen Lockerung in die Arme fällt, die ihm so viel Bequemes, so viel Zwangloses und Angenehmes verheißt? Die wahre Treue in der Religion reißt den Menschen unbarmherzig los von tausend liebgewordenen Gewohnheiten und eröffnet ihm den strengen und ernsten Bannkreis der Pflicht: sie heißt ihn brechen mit einem Leben voll Freuden und Genüssen und führt ihn einen entfagungSreichen, gar oft mit Dornen bestreuten, steilen uud beschwerlichen Pfad hinan. Und ob auch auf der Höhe dieses Pfades eine himmlische, beglückende Fernsicht winkt, milde, balsamische Lust den muthigen Wanderer umweht und seine Brust freier und froher athmen macht, der Mensch in seiner irdischen Natur scheut die Mühsal des Anstiegs und wirft sich eher den zweifelhaften, trüben und ernüchternden Freuden der Tiefe in die Arme. Da gilt es wahrlich, mit kräftigem Entschlnffe das Netz zu zerreißen, mit welchem Schwäche und Zaghaftigkeit, Erdensinn und Genußsucht den Sterblichen zu umspinnen drohen, da gilt es, mit einer gewissen ängstlichen Sorge das Unreine zu meiden, denn xdb», es macht wieder unrein! Aber es gilt auch, die guten und reinen Kräfte zur äußersten Entfaltung anzuspannen, den Sinn für das Heilige und Gottgewollte zu stärken und zu entwickeln und das, was man für recht und gut erkannt, rückhaltlos und offen zu bethätigen. Erst wenn das verhüllende Gewand von den vip *n», dem heiligen Fleische gefallen, erst dann macht es andere heilig: erst wenn die schlummernde Gesinnung sich kräftig emporrafft zur lebendigen Thal, fcnp» nm jw bv, erst dann wirbt sie weiter und zieht andere in ihren heiligen, beglückenden Kreis! Diese Entschiedenheit der religiösen That scheint uns eine der Hauptlehren des Chanukafestes zu sein. Blicken wir doch auf jene traurigen Zeiten, die es uns ins Gedächtniß zurückruft! Viele Tausende waren dem Rufe zum Abfall gefolgt und halten leichten Herzens den Glauben der Väter von sich geworfen; die verlockenden Künste des Griechenthums, die den Menschen mit einer Art berückenden Zaubers umgaben, aber im Grunde nur ein morsches, durch und durch verderbtes Seelenleben mit einer glänzenden Hülle verdeckten, sie hatten die Angehörigen des jüdischen Stammes in Schaaren für ihre flitterhafte, unfruchtbare Schönheit begeistert. Wären diese Schwächlinge in Israel die richtigen und der Nachfolge würdigen Vorbilder gewesen, sie hätten Israel ins Verderben hinabgezogen, und kaum mehr als der Name Israel wäre von all dem Erhabenen, das er in sich schloß, auf die Nachwelt gekommen. Allein es waren die krummen Pfade, welche die Verführten zogen: Den offenen, geraden Weg beschritt die opfermuthige Familie des Hasmonäer, und was die Verführung des Hellenismus und die Leichtfertigkeit der israelitischen Mehrheit einzureißen und zu zerstören drohte, das wurde durch eine entschiedene That des greisen Mattisjahu erhalten und befestigt. Er schlug einen götzendienerischen Volksgenossen vor aller Welt am unreinen Opferaltar selbst mit eifervoller Hand darnieder, entfachte dadurch den Kampf, entfachte aber auch jene Begeisterung, die schließlich zu Triumph und Sieg führte. Das Wort des Chaggai aber und die eines Pinchas würdige That des Mattisjahu, sie sind es, die uns voranleuchten, die uns zu kräftigem, entschiedenen Handeln nur dann entflammen sollen, wenn das Höchste und Heiligste in Gefahr ist. Seit vielen Jahrzehnten ist in Israel die Untreue mit der Bequemlichkeit, der Verrath mit dem Leichtsinn im Bunde, sind sie am Werk, was jene große Vergangenheit errungen, zu beseitigen und zu zerstören. Jahrhunderte hindurch gab es nur ein Judenthum, ein wahres und echtes, eines, das so viel Beseeligung in die Herzen seiner Bekenner goß, so viel Trost im Leide, so viel Weisheit im Glücke spendete, — da vermaß sich unser Jahrhundert, ein neues Judenthum gefunden zu haben, eines, das seine ganze Eigenart darin erkannte, mit allem, was überkommen war, zu brechen, eines, das nur groß war im Leugnen und Verneinen, aus der gottentstammten, thatenfreudigen Väterreligion einen schattenhaften, wesenlosen, nichtssagenden Epigonenglauben machte und alle Treue und alle heilige Scheu aus den Herzen seiner Gefolgschaft verbannte. Nun, wo wäre unser Judenthum, wenn ihm nicht Männer erstanden wären, die ihre Entschiedenheit in der Gesinnung mit der Entschiedenheit ihrer That vermählten? Wo wäre es, wenn sie es im „Zipfel ihres Gewandes" verhüllt hätten, sie nicht vor aller Welt muthig und entschlossen hervorgetreten wären? Ihnen stand jenes heilige Recht zur Seite, das einst den Lirm der Makkabäer stählte, jenes Recht, welches — deß ist uns Chanuka Zeugniß — wahrlich nimmermehr dort gefunden werden kann, wo man rüttelt an den Grundfesten des Glaubens und seine erhabenen Zinnen herabschlägt, sondern dort, wo man man mit schwacher äußerer Kraft, aber mit innerer Riesenstärke aufbaut! Es ist leichter, zum Schlechten verführt, als für das Heilige begeistert zu werden. Dieser Gedanke des Propheten Chaggai hat sich vielleicht nirgends und niemals so wahr und zutreffend erwiesen, als an dem modernen Kampfe des unverfälschten Judenthums mit den Helden der Abschaffung und Erleichterung. Diese haben auf ihrer Seite die natürlichen Neigungen des Menschen, durch welche er alles Bequeme, alles Vortheilhaste, Gewinn- und

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