Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 95 (26.11.1896)
- Date
- 1896-11-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1811 „Das Geld steht zu Ihrer Verfügung. Doch bitte ich mir gefälligst mittheilen zu wollen, wie Sie diesen Betrag verwenden wollen." „Sehr gerne. Ich habe in meiner Armenpraris eine arme kranke jüdische Wittwe, die ich dem Interesse Ihrer Frau Gemahlin vor einigen Wochen warm empfohlen hatte —" „Nun?" „Ihre Frau Gemahlin hat daran ver—ges—sen! Die Arme befindet sich in Noth und schnelle Hilfe ist da am Platze." Der Justizrath wurde roth und sagte: „Das ist mir unerklärlich! Die jüdische Gemeinde hat doch musterhafte Wohlthätigkeitsanstalten —." „Die Frau und ihr Kind, ein Mädchen in dem - Alter wie Ihr Töchterchen, haben sich stets, wenn auch kümmerlich, so doch ehrlich ernährt. Da wurde die Mutter schwer krank. Ich wollte sie in das Hospital schicken — aber weder Mutter noch Tochter waren hierzu zu bewegen und die kleine Heldin pflegt die Mutter musterhaft. Dabei sucht sie durch Anfertigung von Sachen für die Feiertage während der Nacht und den Verkauf derselben in den Abendstunden das zum Leben Nöthige zu verdienen." Der Justizrath ging an seinen Tresor, entnahm demselben drei Hundertmarkscheine, gab sie dem Arzte und sagte: „Geben Sie mir die Adresse der Frau, daß ich derselben von Zeit zu Zeit Etwas zuwenden kann." „Lassen Sie es durch meine Hand gehen, Herr Rath." „Mir auch Recht; wenn Sie wieder Etwas gebrauchen —" „Werde mich schon melden." Der Arzt entfernte sich und zu Mittag brachte der Hausbursche eines jüdischen Hotels ein reichliches Mittagsmahl, an dem Dina und die Mutter sich labten. War auch die Noth jetzt verjagt, so suchte Dina doch mit dem Verkauf der Kerzchen Ewas zu verdienen und trotz der strengen Kälte ging sie hausiren. In den nächsten Tagen hatte sie Glück. Sie kam zu frommen, braven Juden, welche, um dem armen Kinde Etwas verdienen zu geben, ihr von den Kerzchen abkauften. Mit vor Freude strahlender Miene kam sie eines Tages nach Hause. Sie hatte ausverkauft. Stolz zeigte sie der Mutter das, was sie eingenommen hatte und diese sagte: „Siehst Du, mein Kind, der alte Gott lebt noch; er verläßt nicht die, so auf ihn bauen!" Dina schlang ihre Arme um die Mutter und rief: „Siehst Du, Mutter, die Jüdin hat doch mehr verkauft, als die, welche sie verfolgen." Es war einige Tage vor dem Chanukahfeste. Der Juftizrath hatte böse Tage durchgemacht, denn sein Töchterchen war sehr schwer krank und die Aerzte fürchteten das Schlimmste. Händeringend ging er in seinem Zimmer auf und ab und richtete den Blick gen Himmel. Da klopfte es an die Thüre und er ries: „Herein!" Ein kleines Mädchen trat ein. Es trug ein Kästchen in der Hand, und mit schüchterner Stimme sagte es: „Ehanukah-Kerzen, mein Herr!" Erstaunt sah es der Justizrath an. Waren „Ehanukah-Kerzen" ein Handelsartikel der Straße geworden? Stand er denn schon so weit aus dem Judenthum, daß ihn das bloße Wort fremd anmuthete? Wohl hatten in den letzten Jahren statt des Chanukahlichtes riesenhaft geschmückte Tannenbäume seine Zimmer um diese Zeit erhellt, und auch jetzt, stand nicht in dem Saal ein solcher, defien grüne Spitze bis an die Decke ragte? Konnte er nicht dem armen Kinde die Kerzen abkaufen und damit diesen schmücken? — Aber ein Ehristbaum im Hause eines Juden, Weihnachtsbescheerung auf dem Tische eines Israeliten zu einer Zeit, da das Volk Gottes, dem er doch auch angehörte, sein Weihefest feierte! War das nicht eine Infamie dem Judenthum gegenüber? Chanukahkerzen! Chanukahlichter! Ihr Freudenboten der jüdischen Kinder! Wie erhellte euer milder Strahlen, euer magischer Glanz die dunkle, freudelose Jugend der Kinder seines Volkes seit über zweitausend Jahren! Wie stehen die Helden jener Zeit, die ihres Glaubens halber Gut und Blut ließen, in unerreichbarer Größe, verklärt durch das süße Licht des Chanukahfestes vor seinem geistigen Blicke! Wie klein, wie niedrig erscheint er heute sich selbst, da er wegen gekränkter Eitelkeit seinem Gotte untreu geworden war! Wie hoch stand jene Mutter über ihm, die ihre sieben Söhne tödten ließ, um seinen Namen zu heiligen! Er hatte nur ein Kind. Aber schwebte denn dieses nicht in Lebensgefahr! Vielleicht wollte Gott ihn warnen und dieses arme Mädchen zeigte ihm den Weg zur Rettung! „Ehanukah-Kerzen, mein Herr! Vierundvierzig Stück für eine Mark." Mit noch leiserer Stimme sagte es das arme Mädchen und reichte ein kleines Packet, dieses Anzahl enthaltend, dem Manne hin, der es so eigenthümlich ansah. Jetzt griff er nach dem Päckchen und legte es auf seinen Schreibtisch. Wer vermag die Regungen des Menschenherzens zu erklären!