Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 94 (23.11.1896)
- Date
- 1896-11-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1790 Sessel der bisherigen Inhaber unseres Gemeindewürdenträ erthums wackeln bedenklich; doch sind diese Vorgänge alle derart, daß sie das orthodoxe Judenthum nur sehr mittelbar berühren. Es ist zu erwarten, daß erstens das Vorsteher-Collegium wesentlich vergrößert wird, und daß zweitens Elemente in daffelbe gewählt werden, welche mit dem Judenthum in weniger losem Zusammenhang stehen, als dies beim Gros der gegenwärtigen Zusammensetzung der Fall ist. Man beschuldigt den gegenwärtigen Vorstand direkt und indirekt, daß er sich der starken antisemitischen Strömung, wie sie sich seit Jahren immer intensiver geltend macht, nicht gewachsen gezeigt habe. Wir glauben, daß dieser Vorwurf insofern unbegründet ist, als wir nicht wißen, was der Gemeindeoorstand hätte thun oder lassen sollen, um nach dieser Seite hin seine Kritiker zufrieden zu stellen. Auch die Kritiker wißen das nicht, aber Vorwürfe dieser Art sind heute wenigstens Momente, geeignet Leben und Bewegung in die Wählermaße zu bringen. Die Tendenz geht nun dahin, das Gemeindestatut und den neu zu wählenden Vorstand etwas mehr demokratischer zu gestalten, als bisher. Der Kern dieser Forderung ist an und für sich ein gewiß berechtigter. Daß ein großes Gemeinwesen wie das hiesige durch eine größere Zahl von Vorstehern vertreten sein soll als bisher, wird Jedermann billig finden. Auch daß die Gewählten nicht nur Titel und Mittel, sondern auch etwas Judenthum besitzen, ist gewiß ein selbstverständliches Postulat. Wenn man aber die Wahlfähigkeit, welche bisher an einen Steuerbeitrag von mindestens 10 fl. pro Jahr geknüpft war, dadurch ausdehnen will, daß man sich fortab mit fünf Gulden begnügen will, so braucht die Opposition unserer oberen Zehntausend gegen diese Aenderung nicht gerade aus antidemokratischer Gesinnung zu fließen. Wer für sein Judenthum keine zehn Gulden im Jahre übrig hat, muß darauf verzichten über das Wohl und Wehe der Gemeinde mitzurathen und nritzuthaten. Der Arme kann gewiß die Intelligenz, die Gesinnung und überhaupt die Fähigkeit haben der Gemeinde so gut zu dienen als der Reiche. Aber die Sache hat doch auch' ihre Kehrseite. Denken wir uns, es handelt sich im Schoße des Vorstands um Bewilligung von großen Geldausgaben. Da ist es doch nicht mehr als billig, daß Diejenigen, deren Steucrkraft die Gemeinde ihre Leistungsfähigkeit verdankt, ein entscheidendes Wort milzureden haben, und daß nicht Diejenigen verfügen, die eben leicht verfügen können, weil sie nur sehr mäßig oder so gut wie gar nicht zu den Leistungen an die Gemeinde herangezogen werden. Die Geister werden über diese und eine Reihe anderer Punkte jedenfalls scharf aneinander gerathen und ich werde nicht verfehlen. Sie über alles au courant zu halten. Neupest, 19. Nov. Die hohen Wogen der Wahlagitation für die Abgeordneten in das Parlament haben sich nun wieder gelegt und die Wahlen sind nun vollzogen, und zwar hat der Liberalismus im Allgemeinen einen unerwartet glänzenden Sieg davongetragen. Das Judenthum sendet in den Landtag Heuer mehr Abgeordnete als in der vorigen Session, die ich hier einsühre: Dr. Barta Ödön, Dr. Chorin Ferencz, Dr. Hettai Ferencz, Dr. Mezei Mor, Dr. Reumann Armin, Dr. Nemenyi Ambrus, Nagy Sandor, Dr. Rosenberg Julius, Dr. Samuel Lazar, Dr. Visonita Samu, Weiß Berthold, Wolfner Tiradar. Der letztgenannte Herr, ist der Sohn und Mitchef der weithin gekannten und geachteten Firma Julius Wolfner & Comp., Lieferant der k. und k. Heeresausrüftungs-Gegenstände. Er ist einer derjenigen, die sich um das Aufblühen der Stadt Neupest verdient gemacht haben. In seinem Fabriks-Etablissement beschäftigt er einige Hundert Arbeiter und behandelt sie mit väterlicher Fürsorge, auch unseren Ortsarmen ist er ein Helfer in der Roth, denn alljährlich spendet er namhafte Summen wie auch zur Winterzeit Holz und Kohle und sonstige Naturalien. In Herrn Wolfner wird das Judenthum einen würdigen Vertreter haben, denn er ist stets mit ganzem Herzen und ganzer Seele Jude und hält fest und unerschütterlich an unserer erhabenen Religion, deren Uebung er im Elternhause mit Lust und Liebe obliegt. Unserer Gemeinde Neupeft können wir mit vollem Herzen Glück wünschen, daß sie einen solch würdigen Vertreter im Landtage besitzt. Italien. Rom, 17. Nov. Der hier vor Kurzem verstorbene Cardinal Fürst Hohenlohe war ein Mensch in der edelsten Bedeutung des Wortes. Und seine echtmenschlichen Eigenschaften hat der Verstorbene nicht engherzig nur gegen die Bekenner eines Glaubens bethätigt, sondern gerade seine tiefinnige Frömmigkeit, wie seine im besten Sinne adelige Gesinnung trieb ihn dazu, seine Nächstenliebe auch Andersgläubigen gegenüber in herzlichster Hingabe zu bethätigen. Er war es, der dem damals noch wenig bekannten und geschätzten Münchener jüdischen Forscher Rabbinowitz den Weg ebnete, als jener für seine Ausgabe der „Dikduke Soferim“ die Vatikanischen Talmudhandschriften benutzen wollte, und nur der Initiative des Cardinals verdankte er es, daß ihm die Einsichtnahme in diese kostbaren Manuskripte auch außerhalb der damals noch recht knapp bemeßenen Bibliotheksstunden in der großen Wandelhalle verstattet wurde. Bethätigte der verstorbene Kirchensürst bei dieser Gelegenheit sein Interesse für die jüdische wissen-