Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1896-11-23 · Heft 94 (23.11.1896) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 94 (23.11.1896)
Date
1896-11-23
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2448608-2448694--42885-2491908
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

um treiern der kirchlichen Macht sucht und findet. Die jüdische Warmherzigkeit bedarf dieser Folie nicht. Die kalten und warmen Herzen sind interconfessionell, sie finden sich bei den Bekennern aller Religionen. Im übrigen dürste eS Herrn Dr. Herzl leicht fallen, nachzuweisen, daß sein Judenftaat und die Gewissensfreiheit keine Gegensätze sind, daß seine Gründung nichts weniger als eine in's Korn geworfene Flinte bedeutet, ja daß sein Vorschlag im Grunde genommen, gar nicht so gegensätzlich dem Projekt des Herrn Dr. Ernst gegenüber steht, als letzterer selbst wohl glaubt. Statt eines Judenstaats wie Herr Dr. Herzl. schlägt Herr Dr. Ernst einen Juden- Orden vor, den er sich aus einer belehrenden und kämpfenden Gruppe zusammengesetzt denkt. Herr Dr. E. glaubt, daß auf diese Weise die Juden auch ohne Staat und Land eine Macht repräsentiren können, und erinnert an die Arbeiterorganisation und besonders an die kirchliche Hierarchie. Das Hinkende auch dieser Vergleiche nachzuweisen, dürfte nicht schwer fallen, aber wir verzichten bis jetzt darauf. Wir beschränken uns darauf, diese Tastversuche zu registriren, die uns als eine Verwirklichung der alten Weissagung erscheinen: „Du wirst umherlasten am hellen Mittag, wie der Blinde in der Finfterniß umhertastet, und kein Gelingen auf deinen Wegen haben, du bleibst nur bedrückt und beraubt und — nichts hilft." (V. V. M., Cap. 28, V. 29.) Wie der Blinde bei seinem suchenden Umhertaften den zu findenden Gegenstand oft in nächster Nähe hat, ihn aber in der Ferne erfolglos sucht, so suchen diese Wortführer die Beseitigung unserer Misöre und die Begründung unseres Heils in der Bildung eines neuen Staats oder eines neuen Ordens, aber an unsere eigene Bildung und Befferung denken sie nicht einmal, geschweige daran, daß sie ihr das Wort reden. 'oberm mb von Rabbiner David Cohn, Wiliner, Jerusalem. Der „Jerusalemitische Kalender" ist den Lesern der „Israelit" schon seit Jahren bekannt und diejenigen, die ihn näher kennen, sehen seinem Erscheinen alljährlich mit vielem Interesse entgegen. Was den Kalender vor allen feinen Genossen auszeuhnet, ist die einzig dastehende Virtuosität des Verfassers die heilige Sprache in einer Weise zu handhaben, daß jeder Satz die laufendeJahreszahl,alsodiesesmal 5(657) revräsentirt. So lautet sofort die Ueberschrift: njbtmn mb m 657. Dabei werden aus ganz -pn alle Sätze und Wörter zusammengestellt, welche die Zahl 657 enthalten; z. B. p ro* wp» wn ■jb -jb bx r? noim, ima, u. s. w. Siele Leute kommen im Laufe des Jahres in die Lage bei Abfassung von Briefen, Inschriften u. dgl. bic laufende Jahreszahl durch einen entsprechenden Satz wiederzugeben. Hier findet sich das Gewünschte in io reicher Auswahl, daß dem Suchenden unter dem vielen Geeigneten höchstens die Wahl schwer fällt. — Dabei ist der Verfasser ein blutarmer kranker Mann und Vater einer zahlreichen Familie. Sein Kalender ist durch den Verfaffer zu beziehen und ist der Preis dem Ermeffen jedes Einzelnen überlasten. Auch Herr Bezüks-Rabbiner Dr. Ehr mann in Baden (Schweiz) ist bereit den Betrag für diesen Katenoer entgegen zu nehmen und dem Verfaster nach Jerusalem zu übermilteln. Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deutschland. Leipzig. Bekanntlich ist ein ganz allgemeiner Vorwurf gegen das Judenthum der, daß sich zahlreiche Mitglieder desselben als Hausirer dadurch lästig machen, daß sie das erholungsbedürftige Publikum in den Gasthäusern und Wirtschaften in zudringlicher Weise belästigen. Zur Zeit, als hierorts der Antisemitismus in seiner schönsten Blttthe stand, konnte man gar oft beobachten, wie jüdische Hausirer von gewissen Leuteil in geradezu schamloser Weise abgefuhrt, d. h. zurückgewiesen wurden. Zu jener Zeit entstanden die Schilder an den Wirthshausthüren: „Hausiren verboten" in großer Zahl. Heute ist der jüdische Hausirer aus Leipzigs Mauern fast gänzlich verbannt; er wagt es nicht mehr, sich öffentlich zu zeigen, um sich nicht dem Hohne oder gar noch Schlimmerem auszusetzen. Schreiber dieses war einmal Zeuge, wie junge Leute einen alten gebrechlichen jüdischen Hausirer behandelten; ihm wird diese Szene unvergeßlich bleiben. Aber das Hausiren hat darum nicht ab-, sondern wohl gar oft zugenommen und es ist gegenwärtig nicht selten §u einer wirklichen Plage geworden. Es wird kaum eine zweite Stadt geben, wo es derartig ausgebildet ist, wie in Leipzig, trotzdem, wie schon gesagt, der Jude hierorts selten mehr hausiren geht. Statt seiner sieht man — natürlich gibt es auch hier Ausnahmen — allerlei eigenartige Existenzen, welche sich dieses Erwerbszweiges bemächtigt haben, sich in den Lokalen in übergroßer Zahl umhertreiben und die Gäste nicht selten wirklich belästigen.' Doch hierzu schweigt man, ja Baller, das ist ganz was anders! O efterr.-Ungar. Monarchie. Wien. Es gährt uno siedet und brodelt und zischt im hiesigen Gemeindekessel, dem in nächster Zeit ein neuer Vorstand entsteigen soll. Die 24

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.